Auf dem Campus der Universität des Saarlandes ist an diesem 8. Oktober 2026 äußerlich nichts von der bevorstehenden Entscheidung zu bemerken gewesen. Heute, am 15. Oktober 2026, geht es in Versailles dennoch um eine winzige Einheit mit ziemlich großen Folgen: die Schaltsekunde.

Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht (CGPM) soll endgültig bestätigen, dass künftig keine einzelnen Schaltsekunden mehr eingefügt werden. Als möglicher Starttermin ist der 20. Mai 2027 vorgesehen. Nach dem bisherigen Vorschlag könnte an diesem Tag letztmals eine zusätzliche Sekunde hinzukommen.

Warum überhaupt eine Sekunde eingeschoben wird

Hinter dem Verfahren stehen zwei Uhren, die nicht ganz gleich laufen. Die Koordinierte Weltzeit, UTC, basiert auf präzisen Atomuhren. Die astronomische Zeit UT1 dagegen wird aus der unregelmäßigen Erdrotation abgeleitet. Weil sich die Erde täglich, saisonal und über längere Zeiträume hinweg unterschiedlich schnell dreht, dürfen beide Zeitskalen derzeit höchstens 0,9 Sekunden auseinanderliegen.

Wird dieser Grenzwert erreicht, setzt man nach 23:59:59 UTC eine positive Schaltsekunde ein. Auf 23:59:60 folgt erst 00:00:00; die betreffende Minute hat dann 61 Sekunden, der Tag 86.401 Atomsekunden. Vorrangig geschieht das am 30. Juni oder 31. Dezember, ersatzweise am 31. März oder 30. September. Seit 1972 wurden allerdings ausschließlich Juni- und Dezembertermine genutzt.

27 positive Schaltsekunden sind seither zusammengekommen: elf am 30. Juni und 16 am 31. Dezember. Die letzte wurde am 31. Dezember 2016 eingefügt. In den 1980er- und 1990er-Jahren passierte das durchschnittlich etwa alle 18 Monate; im 21. Jahrhundert nahm die Häufigkeit ab. Die aktuelle Differenz lautet: TAI = UTC + 37 Sekunden.

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Das Verfahren ähnelt auf den ersten Blick einem Schalttag, nur fehlt der feste Rhythmus. Die Erdrotation ist nicht exakt vorausberechenbar. Der Internationale Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme (IERS) überwacht sie und kündigt eine notwendige Schaltsekunde etwa sechs Monate vorher im halbjährlichen Bulletin C an. In Deutschland setzt die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) die gesetzliche Zeit entsprechend um; für die gesetzliche Zeit bleiben nationale Behörden zuständig.

Die Sekunde aus dem Labor und der Sonnentag

Bis in die 1950er-Jahre war die Sekunde als 1/86.400 eines mittleren Sonnentages definiert. Seit 1967 beruht sie auf einem Übergang in Cäsium-133: 9.192.631.770 Perioden dieser Strahlung entsprechen einer Sekunde. Die Internationale Atomzeit TAI läuft gleichförmig, UT1 folgt der Erde. UTC verwendet die SI-Sekunde und wird durch Schaltsekunden an UT1 angenähert.

Ein mittlerer Sonnentag dauert im Durchschnitt etwas länger als 86.400 SI-Sekunden. Die heutige SI-Sekunde orientiert sich letztlich an astronomischen Messungen des mittleren Sonnentages aus dem späten 18. und 19. Jahrhundert, insbesondere etwa um 1820. Weil der heutige Sonnentag einige Millisekunden länger ist als damals, waren bisher überwiegend positive Schaltsekunden nötig. Seit 1972 wuchs der Abstand zwischen TAI und UTC von zehn auf 37 Sekunden.

Langfristig bremsen Gezeitenreibung und die Gravitation von Mond und Sonne die Erdrotation. Kurzfristig schwankt sie aber, und in den vergangenen Jahren hat sie sich sogar leicht beschleunigt. 2020 lief sie zeitweise so schnell, dass erstmals eine negative Schaltsekunde diskutiert wurde. Dabei würde eine Sekunde übersprungen: Auf 23:59:58 folgte direkt 00:00:00. Eine solche Anpassung gab es bisher noch nie. Ob sie technisch störungsfrei möglich wäre, ist offen; die Industrie rechnet mit erheblichen Vorbereitungen und zusätzlichen Kosten.

Für Menschen unsichtbar, für Rechner unerquicklich

Im Alltag merkt kaum jemand eine Schaltsekunde. Viele handelsübliche Uhren können 23:59:60 allerdings nicht korrekt darstellen. Funkuhren und Computer bekommen die Information über Zeitsignale oder NTP. Das deutsche DCF77-Signal kündigt positive Schaltsekunden an. Wird die Meldung zu spät empfangen, kann eine Funkuhr danach zunächst eine Sekunde vorgehen. Nicht gerade dramatisch beim Frühstück, aber für vernetzte Systeme eine andere Geschichte.

Die Schaltsekunde vom 30. Juni 2012 führte bei bestimmten Linux-Kernelversionen zu Deadlocks. Betroffen waren außerdem Java-Anwendungen, MySQL-Datenbanken und große Websites. Die Fluggesellschaft Qantas musste rund 50 Flüge verschieben. Google verteilte die Korrektur deshalb schrittweise über den Tag, mit kleinen NTP-Zeitinkrementen. Stromnetze, Telekommunikation und Verkehr brauchen möglichst konstante Zeitangaben ohne abrupte Sprünge; auch Energieversorgung und Satellitensysteme hängen an solchen sauberen Abläufen.

GPS verwendet seit 1980 eine Atomzeitskala ohne Schaltsekunden. Im Januar 2023 lag die GPS-Zeit deshalb 18 Sekunden vor UTC; die aktuelle Differenz wird im GPS-Signal übertragen. Das russische GLONASS berücksichtigt dagegen Schaltsekunden. Für kritische Bereiche ist die Lage damit schon heute nicht ganz aus einem Guss.

Eine Weltzeit mit größerem Abstand

Das Internationale Büro für Maß und Gewicht beschloss 2022, die Schaltsekunde spätestens 2035 abzuschaffen. Die Internationale Fernmeldeunion ITU bestätigte den Beschluss im Dezember 2023. Nun soll die CGPM-Versammlung in Versailles am 15. Oktober 2026 die endgültige Entscheidung treffen. Schon im November 2022 hatte die Generalkonferenz dafür gestimmt, ab 2035 keine weiteren Schaltsekunden einzufügen.

Vorgesehen ist eine kontinuierliche UTC ohne einzelne Sekundenkorrekturen. Sie dürfte dann bis zu 3.600 Sekunden, also eine Stunde, von UT1 abweichen. Eine konkrete Höchstgrenze soll ebenfalls festgelegt werden, weil manche Software mit einem solchen Maximalwert rechnen muss. Nach Einschätzung der Fachleute könnte die Zeiterfassung dadurch mehrere Jahrhunderte ohne Anpassung auskommen.

Der Preis wäre ein langsames Auseinanderdriften von Uhrzeit und Sonnenstand. Für gesetzliche Uhrzeiten bliebe das zunächst lange ohne Bedeutung: Schon heute stimmen sie wegen Zeitzonen, geografischer Lage und Sommerzeit nicht exakt mit der örtlichen Sonnenzeit überein. Stärker betroffen wären Astronomen sowie Fachleute für Geodäsie und Erdvermessung, also Nutzer der astronomischen Zeit. Auch die seltene Einführung größerer Korrekturen, etwa einer Schaltstunde, wurde als langfristige Alternative diskutiert.

Auf dem Campus in Saarbrücken läuft derweil die normale Uhr weiter. Keine sichtbare Lücke, kein zusätzliches Ticken. Nur wer auf die Anzeige schaut, könnte sich fragen, ob zwischen 23:59:59 und Mitternacht bald endgültig Schluss ist mit der kleinen, ziemlich komplizierten Extrasekunde.