Am 26.09.2026 wird an der Uni Kassel wieder über eine Frage gestritten, die in der Stadt seit Jahrzehnten immer wieder auf den Tisch kommt: Wie entstehen Kriege, welche Rolle spielt der Westen – und macht Abschreckung die Welt sicherer oder nur nervöser? Krieg, Frieden, Rüstungsindustrie und Pazifismus gehören in Kassel längst zum politischen Grundrauschen.

Ausgangspunkt der aktuellen Debatte waren unterschiedliche Einschätzungen zur Mitschuld des Westens am Ukrainekrieg. Der frühere VW-Betriebsrat Carsten Bätzold sprach von einer westlichen Mitschuld. Grünen-Stadtrat Dieter Beig warf ihm daraufhin eine Verdrehung der Tatsachen vor. Der Kasseler Politikwissenschaftler Werner Ruf, der bis 2003 an der Universität Kassel tätig war, versucht, den Streit aus der unmittelbaren Empörung herauszulösen. Sein Satz klingt zugespitzt, ist aber als Einladung zur Auseinandersetzung gemeint: „Wir sind alle Putin-Versteher – nur aus unterschiedlichen Richtungen.“

Putin nicht zum „personifizierten Bösen“ machen

Ruf kritisiert, dass die Darstellung Wladimir Putins als „personifiziertes Böses“ eine rationale Auseinandersetzung verhindere. Das bedeute nicht, russische Angriffe auf ukrainische Wohnhäuser zu rechtfertigen. Im Gegenteil: Solche Angriffe seien nicht zu rechtfertigen. Trotzdem müsse man fragen, welche Interessen, Ängste und Entscheidungen den Krieg vorbereitet hätten.

Ruf verweist dabei auf seine Kindheit und auf die deutsch-französische Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Frühere Feindschaften, sagt er sinngemäß, können überwunden werden. Sein daraus abgeleitetes Fazit lautet: „Es ist nie zu spät, auf den Gegner zuzugehen.“ Den Ukrainekrieg müsse man am Verhandlungstisch und nicht mit Waffen beenden. Dafür müsse man über die Interessen von Staaten sprechen – nicht über die bequemen Kategorien „Gut“ und „Böse“.

Aus russischer Sicht habe der Krieg eine Vorgeschichte, die mit der Annäherung der Nato an russisches Territorium verbunden sei. Ruf sagt, die Nato sei Russland durch ihre Ausweitung nach Osteuropa und ins Baltikum „auf die Pelle gerückt“. Die Allianz wuchs von ursprünglich 16 auf inzwischen 32 Mitgliedstaaten. Ruf fragt, welches Signal diese Osterweiterung an Russland gesendet habe.

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Den Beitrittswunsch osteuropäischer Staaten erkennt er an: Ihre Erfahrungen mit der Sowjetunion erklären, warum sie Schutz suchten. Zugleich bezeichnet Ruf den Machtwechsel in der Ukraine 2014 als „Wegputsch“ des früheren Präsidenten Wiktor Janukowitsch durch prowestliche Kräfte. Putins Rede im Deutschen Bundestag 2001, in der er sich für die europäische Integration aussprach, wertet Ruf nicht als bewusste Täuschung über dessen spätere Absichten.

Was 1990 tatsächlich verhandelt wurde

Besonders heikel ist der Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990. Ruf leitet aus dem Vertrag ab, dass im Gebiet der früheren DDR keine nichtdeutschen Nato-Truppen östlich der früheren Westgrenze der DDR stationiert werden sollten. Der Vertrag untersagte die Stationierung ausländischer Soldaten auf dem Gebiet der früheren DDR. Diese Interpretation ist umstritten.

Hans-Jürgen Misselwitz, 1990 Leiter der DDR-Verhandlungsdelegation, beschreibt die Zwei-plus-Vier-Gespräche als von Kooperation und gesamteuropäischer Sicherheit geprägt. Die Nato-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands stand von Beginn an auf der Tagesordnung. Eine Nato-Osterweiterung über das DDR-Gebiet hinaus wurde 1990 jedoch nicht ausdrücklich verhandelt; sie galt als mögliche Folge des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik.

Die USA hatten bereits Ende 1989 erklärt, dass der Verbleib eines vereinten Deutschlands in der Nato für sie eine Bedingung sei. Außenminister Hans-Dietrich Genscher sagte am 30. Januar 1990, die deutsche Einheit müsse nicht automatisch zu einer Nato-Osterweiterung führen. In den Gesprächen mit Michail Gorbatschow war die Nato-Mitgliedschaft Deutschlands ein zentrales Thema.

Gorbatschow stimmte der Nato-Mitgliedschaft Deutschlands zu, nachdem ihm zugesichert worden sei, dass Nato-Truppen und militärische Strukturen nicht nach Osten vorrücken würden. US-Außenminister James Baker versicherte Gorbatschow im Februar und Mai 1990, die europäische Sicherheitsordnung werde inklusiv und kooperativ gestaltet. Zugleich betonte Baker die freie Bündniswahl Deutschlands und verwies auf die KSZE-Grundakte.

In Gesprächsprotokollen vom 7. bis 9. Februar 1990 wird Bakers Zusage „no inch forward“ überliefert. Eine formale schriftliche Zusage, die Nato niemals zu erweitern, gab es nach westlicher Darstellung nicht. Die Verhandlungen bezogen sich konkret auf die deutsche Einheit und die Nato-Mitgliedschaft Deutschlands. Genau da beginnt der Streit – und er ist bis heute nicht aus der Welt.

Mary Elise Sarotte untersucht die Geschichte der Nato-Osterweiterung und den Zerfall des Warschauer Pakts. Laut ihren Recherchen sprachen Baker und Genscher mit Gorbatschow über eine mögliche Nato-Erweiterung. Gorbatschow zeigte sich offen für weitere Gespräche. Nach Bakers Treffen mit ihm im Februar 1990 lehnte US-Präsident George H. W. Bush Verhandlungen über die künftige Nato-Ausdehnung ab. Baker wies Genscher anschließend schriftlich darauf hin, dass die USA nicht über den künftigen Umfang der Nato verhandeln würden.

Genscher setzte sich trotzdem weiter für entsprechende Formulierungen ein. Bundeskanzler Helmut Kohl erklärte Bush, Gorbatschow müsse für die Zustimmung zur Wiedervereinigung andere Zugeständnisse erhalten, notfalls finanzieller Art. Kohl forderte Genscher mehrfach auf, seine Nato-Position nicht weiterzuverfolgen, und schrieb ihm dazu einen offiziellen Brief.

Im September 1990 einigten sich die westlichen Alliierten und Genscher im Zusammenhang mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag auf eine Protokollnotiz. Ausländische Nato-Truppen durften die frühere innerdeutsche Grenze überschreiten. Das sollte nicht als Verlegung von Nato-Truppen bezeichnet werden. Die Regierung des vereinten Deutschlands sollte festlegen, was als Verlegung gilt. Laut Interview gilt diese Regelung weiterhin.

Artikel 5 des Zwei-plus-Vier-Vertrags regelte den militärischen Status des ehemaligen DDR-Gebiets nach dem Abzug der sowjetischen Truppen bis 1994. Im Gebiet der früheren DDR durften deutsche Nato-Verbände stationiert beziehungsweise dem Bündnis zugeordnet werden. Ausländische Streitkräfte, Atomwaffen und deren Trägersysteme sollten dort nicht stationiert werden. Deutschland erhielt Entscheidungsspielraum darüber, welche eigenen Streitkräfte dem Bündnis zugeordnet werden konnten.

Misselwitz sieht darin zugleich eine Folge der deutschen Souveränität und der Zusage, dass Nato-Militär nicht nach Osten vorrücken solle. Der Vertrag enthielt keine ausdrücklichen Regelungen zur Nato-Mitgliedschaft Polens oder der baltischen Staaten. Entscheidend sei 1990 gewesen, dass das Gebiet der ehemaligen DDR nicht zum Nato-Erweiterungsgebiet werde.

Die Sicherheitsordnung, die nicht kam

Nach Misselwitz sollte die Nato damals lediglich als Übergangslösung dienen, bis eine gesamteuropäische Sicherheitsordnung unter Einbeziehung der Sowjetunion geschaffen wäre. Im DDR-Koalitionsprogramm vom April 1990 wurden die Überwindung von Warschauer Pakt und Nato sowie eine gesamteuropäische Sicherheit als Ziele genannt.

Vertreter der DDR, Polens und der Tschechoslowakei entwickelten 1990 Vorschläge zur Weiterentwicklung der KSZE. Die DDR-Vertreter wollten für die Zustimmung Moskaus zur deutschen Einheit neue, blockübergreifende Sicherheitsstrukturen schaffen. Als mögliche Übergangslösung wurde diskutiert, die deutsche Einheit sofort zu vollziehen und die Bündniszugehörigkeit im Zusammenhang mit einer neuen Sicherheitsordnung zu klären.

Eine solche Ordnung sollte auch die Sowjetunion einschließen – als zentralen Teil Europas und der bisherigen europäischen Teilung. Polen und die Tschechoslowakei verfolgten laut Misselwitz zunächst ebenfalls Initiativen in diese Richtung. Die Auflösung des Warschauer Pakts und die Entwicklung in Osteuropa waren 1990 noch nicht absehbar. Gorbatschows Konzept eines „gemeinsamen Hauses Europa“ gehörte laut Misselwitz zur Grundlage der damaligen politischen Veränderungen.

Sarotte bewertet den Nato-Verzicht als Gedankenspiel, das wegen der Uneinigkeit auf westlicher Seite lange in den Verhandlungen präsent blieb. Entscheidend sei für sie der endgültige Vertrag: Die Sowjetunion unterschrieb und ratifizierte ihn und erhielt dafür 15 Milliarden D-Mark.

Später strebten