Katholische Theologie in Münster: Vom Jesuitenkolleg zum digitalen Studienstart
Am 28. Oktober 2020 begrüßte die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Münster die Erstsemester des Wintersemesters 2020/2021 digital. Kein voller Hörsaal, kein Stimmengewirr auf dem Flur, kein spontanes „Kommst du mit?“. Stattdessen fand die Einführungsveranstaltung online statt – mitten in der Pandemie und damit unter Bedingungen, an die sich damals erst alle gewöhnen mussten.
Dekan Prof. Dr. Johannes Schnocks sprach über die besondere Situation des digitalen Semesters. Zugleich ermutigte er die Studierenden, sich wissenschaftlich zu engagieren und als Botschafterinnen und Botschafter für Wissenschaft in der Gesellschaft zu wirken. Ein großer Anspruch für den Studienstart, gerade wenn der Campus zunächst vor allem aus Bildschirm, Kopfhörern und gelegentlichen Verbindungsproblemen bestand.
Vom Theologiestudium in München nach Münster
Prof. Dr. Thomas Bremer gab den neuen Studierenden einen Einblick in das Theologiestudium und erzählte von seinem eigenen Weg: Er begann als Theologiestudent in München mit dem Berufsziel Lehrer und wurde später Professor für Ökumenik, Ostkirchenkunde und Friedensforschung an der Fakultät.
Auch studiennahe Einrichtungen stellten ihre Angebote vor. Dazu gehörten die Evangelische Studierendengemeinde, die Katholische Studierenden- und Hochschulgemeinde, das Mentorat für Lehramtsstudierende, die Bewerberkreise der Bistümer Münster und Osnabrück, die Universitätsgemeinde sowie das Netzwerkbüro Theologie & Beruf. Sie luden die Erstsemester dazu ein, ihre Angebote kennenzulernen.
Die Fachschaft kündigte außerdem ein Pub-Quiz und weitere Veranstaltungen an. Es ging um Kennenlernen und Kontaktaufnahme – also um genau jene Dinge, die online schnell etwas hakelig werden. Die Fakultät wünschte allen Studierenden einen guten Start und ein erfolgreiches Studium.
Eine Fakultät mit Wurzeln im 16. Jahrhundert
Die Katholisch-Theologische Fakultät Münster gehört zur Universität Münster und hat Ursprünge im 16. Jahrhundert. Sie gilt als größte theologische Einrichtung an einer staatlichen Hochschule in Europa. Im Jahr 2024 studierten dort rund 2.400 Menschen; damit zählt sie weltweit zu den größten theologischen Fakultäten. An der Fakultät lehren mehr als 20 Professoren und etwa 150 wissenschaftliche Mitarbeiter.
Ihre Geschichte führt zurück in die Zeit nach der militärischen Niederschlagung des Täuferreichs: Münster wurde 1535/1536 rekatholisiert, doch die konfessionelle Spaltung innerhalb der Bevölkerung bestand noch mehrere Jahrzehnte fort. 1585 wurde Ernst von Bayern zum Fürstbischof gewählt. Er unterstützte die Katholische Reform und förderte insbesondere den Jesuitenorden.
Gegen den Widerstand des Stadtrats gründeten die Jesuiten 1588 ein Kolleg in Münster. Sie übernahmen die Leitung des Paulinums und bildeten angehende Lehrer und Priester aus. Bereits 1624 gab es dort einen vollständigen philosophischen und theologischen Studiengang. Das Jesuitenkolleg gilt als Vorläufer der heutigen Katholisch-Theologischen Fakultät.
1773 wurde der Jesuitenorden auf Druck der Könige von Frankreich, Spanien und Portugal durch Papst Clemens XIV. aufgehoben. In Münster führte das zum Niedergang des Kollegs. Gleichzeitig setzte sich Franz von Fürstenberg, Generalvikar und leitender Minister des Hochstifts Münster, für die Gründung einer Universität in Münster ein. Papst Clemens XIV. und Kaiser Joseph II. erteilten 1773 die erforderlichen Privilegien, sodass theologische und philosophische Lehrveranstaltungen an der entstehenden Universität fortgeführt werden konnten.
Am 16. April 1780 wurde die Universität feierlich gegründet. Dieses Datum gilt zugleich als Stiftungsakt der Katholisch-Theologischen Fakultät.
Akademie, Kulturkampf und Universität
Am 25. Mai 1818 hob der preußische König Friedrich Wilhelm III. die Universität Münster zugunsten der Universitätsgründung in Bonn auf. Erhalten blieb eine philosophisch-theologische Ausbildungsanstalt für die münsterischen Geistlichen. Wegen Auseinandersetzungen zwischen der preußischen Regierung und dem Bistum wurde diese Einrichtung 1820 vorübergehend aufgelöst.
1832 erließ Friedrich Wilhelm III. Statuten für eine Akademische Lehranstalt. Sie bildete künftig Gymnasiallehrer und katholische Geistliche aus. Außerdem verfügte die Theologische Fakultät über Promotions- und Habilitationsrecht. 1843 wurde sie in „Königlich Theologische und Philosophische Akademie“ umbenannt.
Während des Kulturkampfes war die Theologische Fakultät zeitweise von der Auflösung bedroht. Der Münsteraner Bischof Johannes Bernhard Brinkmann wurde vom Staatsgerichtshof abgesetzt und ging ins Exil in die Niederlande. Weil er bei der Ernennung von Professoren mitbestimmen durfte, konnten frei gewordene Lehrstühle zunächst nicht neu besetzt werden. Der Lehrbetrieb wurde in dieser Zeit vor allem von Privatdozenten und außerordentlichen Professoren aufrechterhalten. Ab 1880 konnten die vakanten Lehrstühle wieder besetzt werden.
Nach der Wiedererrichtung einer juristischen Fakultät erhob Kaiser Wilhelm II. die Akademie am 1. Juli 1902 erneut zur Universität. Die Universität Münster besteht bis heute. Die Priesterausbildung an der Theologischen Fakultät wurde im Preußenkonkordat vom 14. Juni 1929 als Bestandteil der Universität Münster festgeschrieben; diese Regelung ist in diesem Punkt weiterhin gültig.
Von 1963 bis 1966 lehrte Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., an der Fakultät als Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte.
Fächer, Forschungsstellen und neue Berufsfelder
Die Fakultät umfasst die Bereiche Biblische Exegese und Theologie, Historische Theologie, Systematische Theologie, Praktische Theologie und Philosophie. Zusätzlich zu den klassischen Lehreinheiten bestehen drei Arbeits- und Forschungsstellen.
- Unter Leitung des Kirchenhistorikers Alfons Fürst entstehen an der Forschungsstelle Origenes eine zweisprachige Edition der Werke des Origenes und eine thematische Veröffentlichungsreihe.
- Die 1998 von Reinhard Hoeps gegründete Arbeitsstelle für christliche Bildtheorie, theologische Ästhetik und Bilddidaktik befasst sich interdisziplinär mit Fragen der Bildtheologie. Derzeit wird sie von Norbert Köster geleitet.
- Die seit 1986 bestehende Arbeitsstelle für feministische Theologie wurde 2018 in „Arbeitsstelle für Theologische Genderforschung“ umbenannt. Derzeit wird sie von Judith Könemann und Marianne Heimbach-Steins geleitet.
Wie breit das Feld inzwischen ist, zeigt auch der Blick auf die Aufgaben katholisch-theologischer Einrichtungen insgesamt. Die meisten katholisch-theologischen Fakultäten sind in wissenschaftlicher, kulturpolitischer, organisatorischer und staatskirchenrechtlicher Hinsicht in staatliche Universitäten eingebunden. Neben ihrem kirchlichen Auftrag erfüllen sie Aufgaben in Forschung und Lehre nach universitären wissenschaftlichen Standards.
In Deutschland vertritt der 1958 gegründete Katholisch-Theologische Fakultätentag e.V. (KThF) die katholisch-theologischen Einrichtungen. Er umfasst 18 theologische Fakultäten beziehungsweise Fachbereiche an staatlichen Universitäten oder Hochschulen in kirchlicher Trägerschaft sowie 33 Institute für Katholische Theologie zur Ausbildung von Religionslehrkräften an staatlichen Hochschulen. Die Arbeitsgemeinschaft der Studierenden der Katholischen Theologie in Deutschland (AGT) ist außerordentliches Mitglied; katholisch-theologische Fakultäten aus Österreich und der Schweiz haben Gaststatus. Die Institute für Religionslehrkräfte sind über regionale Verbünde vertreten. Bei den jährlichen Hauptversammlungen kommen rund 80 Delegierte, beratende Mitglieder und Gäste zusammen.
Ordentliche Mitglieder des KThF sind Fakultäten und Fachbereiche mit staatlichem und kirchlichem Promotionsrecht zum Dr. theol. Außerordentliche Mitglieder sind wissenschaftliche Ausbildungseinrichtungen für Religionslehrkräfte, die meist in andere universitäre Fachbereiche integriert sind und häufig den Dr. phil. verleihen. Informationen bietet die Website www.kthf.de.
Zwischen Universität, Kirche und Gesellschaft
Der KThF berät die zusammengeschlossenen wissenschaftlichen Einrichtungen, koordiniert hochschulpolitische Aufgaben und vertritt gemeinsame Interessen gegenüber Staat und Kirche. Dafür arbeitet er unter anderem mit dem Allgemeinen Fakultätentag, der Hochschulrektorenkonferenz, Wissenschafts- und Forschungsministerien, der Kommission für Wissenschaft und Kultur der Deutschen Bischofskonferenz sowie
