Ökolöwes 2.000 Frühblüher sollen Leipzigs Insekten im Frühjahr Nahrung bieten
Am 1. Oktober 2026 hat der Ökolöwe e. V. in der Humboldtstraße 2.000 Frühblüher gepflanzt. Narzissen, Wildtulpen und Krokusse liegen nun in der Erde und sollen ab dem Frühjahr blühen – genau dann, wenn frühfliegende Insekten oft nur schwer etwas zu fressen finden. Heute, am 3.10.2026, ist davon noch nichts zu sehen. Die Zwiebeln arbeiten im Verborgenen.
Der Zeitpunkt passt: Zwiebeln werden idealerweise von September bis zum Beginn anhaltender Fröste gesetzt. Schneeglöckchen, Krokusse und Narzissen können das knappe Blütenangebot im zeitigen Frühjahr ergänzen und in der Stadt für eine möglichst durchgängige Nahrungsquelle sorgen. Früh fliegende Wildbienen und andere Insekten sind dann auf Nektar und Pollen angewiesen.
Warum jede frühe Blüte zählt
Der Hintergrund ist ernst. Eine Langzeitstudie in 63 deutschen Naturschutzgebieten stellte einen Rückgang der Biomasse fliegender Insekten um 76 Prozent fest. Die sogenannte Krefelder Studie dokumentierte diesen Rückgang erstmals über 27 Jahre: Ehrenamtliche Insektenkundler stellten an mehr als 60 Standorten Fallen auf, der Befund zeigte sich über alle untersuchten Standorte hinweg. Betroffen waren unter anderem Schmetterlinge, Bienen, Wespen, Motten und andere flugfähige Arten. Forschende der Universität Nijmegen werteten die Ergebnisse 2017 aus und bestätigten sie. Weitere internationale und europäische Studien stützen den Befund.
Nach Angaben des Bundesministeriums für Landwirtschaft und Ernährung, Stand 4. Juli 2025, ist die Insektenbiomasse in Deutschland seit 1990 um etwa 76 Prozent zurückgegangen. 42 Prozent der Insektenarten gelten als bestandsgefährdet, extrem selten oder bereits ausgestorben. Das bleibt nicht bei den Krabbeltieren hängen: Rund 80 Prozent der Wildpflanzen sind auf Insektenbestäubung angewiesen, etwa 60 Prozent der heimischen Vögel ernähren sich hauptsächlich von Insekten.
Insekten sind die artenreichste Tiergruppe und ein unverzichtbarer Teil des Ökosystems. Vögel und kleine Säugetiere finden in ihnen Nahrung, während Käfer, Fliegen, Schmetterlinge und Bienen viele Nutz- und Wildpflanzen bestäuben. Wenn Bestäuber verschwinden, hat das Folgen für Natur und Menschen – auch wenn man den Verlust zunächst nur an einem stilleren Summen im Garten bemerkt.
Die Ursachen liegen nicht allein in der Stadt. Intensive Landwirtschaft hat extensiv genutzte Grünlandbiotope und traditionelle Kulturlandschaften zurückgedrängt. Großflächiger Maisanbau und häufiges Mähen von Grünland nehmen zu; auf rund 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Deutschland wird Mais angebaut. Wo weniger verschiedene Pflanzen wachsen, fehlen bestimmten Insekten Nahrung und Lebensräume. Pflanzenschutzmittel wirken direkt und indirekt. Neonicotinoide gelten als möglicher Schlüsselfaktor, wichtige Wirkstoffe wurden auf Äckern verboten. Breitbandherbizide wie Glyphosat vernichten Ackerwildkräuter, übermäßige Düngung reichert Böden und Gewässer mit Nährstoffen an und verringert die Pflanzenvielfalt. Futter- und Nektarpflanzen werden knapp.
Auch Straßenbau und andere Infrastrukturmaßnahmen zerschneiden Landschaften. Verbleibende Lebensräume verlieren an Qualität, der Bewegungsspielraum der Tiere schrumpft und die Ausbreitung von Arten wird schwieriger. Nachts kommt künstliches Licht dazu: Nachtaktive Insekten werden angezogen, verlieren die Orientierung, sterben an Lichtquellen oder verbrauchen beim wiederholten Umfliegen so viel Energie, dass sie ihren Lebenszyklus nicht vollenden. Das Bundesamt für Naturschutz beschreibt die zunehmende künstliche Beleuchtung als wachsende Belastung für Insektenbestände.
Leipzig blüht auf – vom Baumbeet bis zum Balkon
Mit dem Projekt „Leipzig blüht auf“ schafft der Ökolöwe seit sechs Jahren blühende Lebensräume für Insekten in Leipzig. In diesem Jahr gab der Verein kostenlos heimisches Wildblumensaatgut und Pflanzpakete aus. Dadurch entstanden rund 5.000 Quadratmeter zusätzliche Blühflächen.
Jetzt ruft der Verein die Leipziger Bevölkerung auf, selbst Frühblüher zu pflanzen: im Garten, im Hinterhof, im Baumbeet oder auf dem Balkon. Auf der Website des Ökolöwen finden sich Tipps zu geeigneten Arten sowie zur richtigen Pflanzung und Pflege. Finanziert wird das Projekt durch Mitgliedsbeiträge und Spenden; gefördert wird es vom Amt für Umweltschutz der Stadt Leipzig und von der Sparkasse Leipzig.
Blühflächen sind dabei nur ein Baustein. Vorgeschlagen werden außerdem der Schutz und die Wiederherstellung verlorener Lebensräume, bessere Bedingungen in bestehenden Biotopen und mehr Übergangsstrukturen – etwa Wald- und Ufersäume oder Blühstreifen an Ackerrändern. Schutzgebiete sollen vergrößert und neue ausgewiesen werden. Hinzu kommen weniger Dünger und Pflanzenschutzmittel, eine Zulassung dieser Mittel mit stärkerem Blick auf Biodiversität und Ökosysteme, insektenfreundlichere Beleuchtung und mehr Forschung zu Ursachen und Gefährdungsfaktoren.
Zahlreiche Maßnahmen wurden in das seit 2022 geltende Gesetz zum Schutz der Insektenvielfalt aufgenommen. Weitere Bestandteile des Insektenschutzpakets gelten seit September 2021 durch Änderungen am Pflanzenschutzgesetz und an der Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung. Die seit 2023 geltende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik bindet EU-Direktzahlungen stärker an Umwelt- und Klimavorschriften.
Insektenhotels: klein, sinnvoll – wenn sie richtig gebaut sind
Wer zu Hause helfen möchte, denkt schnell an ein Insektenhotel. Die Bezeichnungen reichen von Wildbienenhäusern über Nützlingsunterkünfte bis zu Insekten-Nisthilfen. Kleine Modelle mit Pappröhrchen oder Schilf gibt es ebenso wie große Konstruktionen mit mehreren Quadratmetern Besiedlungsfläche. Entscheidend sind allerdings die Füllmaterialien, nicht Größe oder Aussehen. Sie sollten natürliche Nistgelegenheiten nachahmen und von einem ausreichenden Angebot vielfältiger, insektenfreundlicher Pflanzen und geeignetem Saatgut begleitet werden.
Viele Bauanleitungen und käufliche Modelle enthalten Zapfen, Holzwolle, Lochziegel oder falsch gebohrte Holzstücke. Biologisch bringen solche Ausstattungen oft wenig, Wildbienen helfen sie insbesondere nicht. Marienkäfer finden in Gärten und freier Natur meist genügend natürliche Unterschlupfmöglichkeiten. Ohrwürmer nutzen Holzwolle zwar gern, können von dort aber in benachbarte Brutröhren von Wildbienen oder solitären Wespen gelangen und deren Nahrung fressen.
Auch Holz kann tückisch sein. Bohrungen längs zur Faser in das Stirnholz verursachen Risse und lassen Feuchtigkeit eindringen; Pilzbefall kann die Brut zerstören. Einfluglöcher für Schmetterlinge sind ebenfalls keine gute Idee: Schmetterlinge überwintern nicht in solchen Hohlräumen und entwickeln sich dort auch nicht fort. Viele eingebaute Halme und Stängel sind zudem gar nicht hohl. Nur wenige Bienen- und Wespenarten bohren oder beißen selbst Gänge ins Mark, die meisten nutzen vorhandene Hohlräume – etwa Käferfraßgänge oder leere Nisthalme.
Kiefern- und Tannenzapfen dienen Marienkäfern und Florfliegen höchstens als nächtlicher Unterschlupf, nicht als Überwinterungsquartier. Die meisten Insektenarten nehmen solche Angebote nicht an. Schmetterlinge und Marienkäfer brauchen normalerweise keine künstlichen Unterschlüpfe; wichtiger sind naturnahe Gärten, abwechslungsreiche Bepflanzung und der Verzicht auf Insektizide und Herbizide. Florfliegen lassen sich eher mit speziellen Florfliegenquartieren unterstützen. Ohrwurmquartiere sollten getrennt von anderen Nisthilfen dort stehen, wo Blattläuse bekämpft werden sollen. Hummeln und Hornissen sind staatenbildende Insekten und benötigen jeweils eigene, passende Nistangebote.
Artgerechte Insektenhotels sind vor allem Nisthilfen, keine gemeinsamen „Wohnhäuser“ für alle Arten. Viele hohlraumnistende Hautflügler bohren ihre Gänge nicht selbst, sondern beziehen vorhandene Hohlräume, wie sie etwa durch Käferfraß entstehen. In ausgeräumten Landschaften fehlen diese Plätze häufig. Unterschiedliche Wildbienenarten bevorzugen unterschiedliche Durchmesser der Niströhren. Auch ein kleines, sauber verarbeitetes Modell kann deshalb nützlich sein.
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