Patrick Dahlemann will nach dem Politik-Aus seinen Hochschulabschluss nachholen
Patrick Dahlemann (SPD) steht vor einem beruflichen Neustart. Der 38-Jährige, derzeit Chef der Staatskanzlei Mecklenburg-Vorpommerns, will sich nach seinem Ausscheiden aus der Landespolitik neu orientieren – und eine alte Baustelle angehen: den fehlenden Berufsabschluss.
Im Gespräch mit dem „Nordkurier“ kündigte Dahlemann an, einen Abschluss nachholen zu wollen. Wo und auf welchem Weg das geschehen soll, ist noch offen. Er will sich zunächst beraten lassen. Als Voraussetzungen bringt er nach eigener Einschätzung zwölf Jahre politische Erfahrung, zehn Jahre in der öffentlichen Verwaltung und ein begonnenes Studium mit. Ort dieses möglichen nächsten Anlaufs könnte die Fernuni Hagen sein – bislang ist das aber nicht entschieden.
Zwölf Semester in Greifswald, acht in Hagen
Dahlemann studierte von 2008 bis 2014 an der Universität Greifswald Politikwissenschaft und Öffentliches Recht. Zwölf Semester lang arbeitete er auf den vorgesehenen Bachelorabschluss hin, doch am Ende fehlten ihm noch zwei Prüfungen. Wegen mehrerer nicht bestandener Prüfungen drohte ihm 2011/12 und erneut 2014 die Zwangsexmatrikulation.
Im Anschluss schrieb er sich an der Fernuniversität Hagen ein. Auch dieses Studium beendete er im Juli 2018 nach insgesamt acht Semestern beziehungsweise 20 Semestern Studienzeit ohne Abschluss. Im Sommer 2016 hatte er öffentlich gemacht, dass er das Studium in Greifswald bereits zwei Jahre zuvor beendet hatte. Zuvor waren seine Lebensläufe auf seiner Website und auf der Website des Landtags nicht entsprechend aktualisiert worden – das brachte ihm Kritik ein.
Der fehlende Hochschulabschluss wurde später immer wieder zum politischen Angriffspunkt. Für seine Ernennung zum Chef der Staatskanzlei wurden die geltenden Regeln geändert, weil zuvor ein Studienabschluss vorgeschrieben war. Die Opposition kritisierte die Berufung außerdem, weil die Position bis dahin stets mit einem Beamten besetzt worden sei und Dahlemann ihrer Ansicht nach die erforderlichen Voraussetzungen nicht erfülle.
Er selbst nennt den fehlenden Abschluss eine „Angriffsflanke“. Diese wolle er nun schließen. Seine politische Arbeit würde ein Abschluss nicht besser machen, sagt Dahlemann. Er wolle aber zeigen, dass er einen Berufsabschluss erreichen kann. Ein Satz, der nach jahrelangem politischen Betrieb fast ein wenig nach Schreibtisch, Prüfungsordnung und kaltem Kaffee klingt.
Das politische Aus nach der Wahl
Der Rückzug folgt auf die Landtagswahl vom 20. September 2026. Im Wahlkreis Ueckermünde verlor Dahlemann mit knapp 17 Prozent gegen die AfD-Kandidatin Inken Arndt, die 51,6 Prozent der Stimmen erhielt. Bei der Landtagswahl 2026 verfehlte er damit das Direktmandat im Wahlkreis Vorpommern-Greifswald IV, zog aber über die Landesliste erneut in den Landtag ein.
Als Demokrat müsse er das Ergebnis anerkennen, erklärte Dahlemann. Nach einem solchen Resultat könne er jedoch nicht einfach weitermachen wie bisher. Mit der Bildung der neuen Landesregierung und dem Zusammentritt des neuen Landtags endet seine Tätigkeit in der Landespolitik. Sein Bürgerbüro in Torgelow muss zum Jahresende schließen.
Der Schritt kommt nach einer steilen Karriere. Mit 25 Jahren wurde Dahlemann erstmals Landtagsabgeordneter, mit 28 parlamentarischer Staatssekretär und mit 33 Jahren Chef der Staatskanzlei. Als enger Vertrauter von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) gehörte er zuletzt zu den sichtbareren Figuren der Landesregierung.
Vom jüngsten SPD-Mitglied zum Staatskanzleichef
Aufgewachsen ist Dahlemann in Torgelow (Vorpommern), als Sohn eines Forstarbeiters und einer Sekretärin. 2008 legte er am Greifen-Gymnasium in Ueckermünde das Abitur ab. Seine Begeisterung für Politik entdeckte er früh: Mit 16 Jahren trat er der SPD bei und war zeitweise das jüngste SPD-Mitglied im Landkreis Uecker-Randow.
Seit 2009 engagierte er sich in der Kommunalpolitik – in der Stadtvertretung Torgelow, im Amtsausschuss Torgelow-Ferdinandshof, im Kreistag und in der Gemeindevertretung Mönkebude. Von 2009 bis 2022 gehörte er der Stadtvertretung Torgelow sowie dem dortigen Ausschuss für Soziales, Bildung, Kultur und Sport an. Ebenfalls seit 2009 war er Mitglied des Kreistags Uecker-Randow und des Jugendhilfeausschusses. Von 2011 bis 2021 saß er im Kreistag Vorpommern-Greifswald und war erster stellvertretender Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses.
Bei der Landtagswahl 2011 kandidierte Dahlemann als SPD-Direktkandidat im Wahlkreis Uecker-Randow I, unterlag jedoch dem CDU-Kandidaten. Von Oktober 2011 bis April 2014 arbeitete er als Büroleiter der Landtagsabgeordneten Katharina Feike. Am 9. April 2014 rückte er für den ausgeschiedenen Abgeordneten Volker Schlotmann in den Landtag Mecklenburg-Vorpommern nach.
Bundesweite Aufmerksamkeit bekam er im Januar 2014 durch ein selbst geschnittenes und kommentiertes YouTube-Video. Es ging um eine NPD-Wahlkampfveranstaltung vom 31. Juli 2013 in Torgelow. Dahlemann hielt dort eine freie Rede gegen NPD-Parolen und gegen das Schüren von Ängsten vor einem geplanten Asylbewerberheim. Den Einwohnern bot er einen offenen Dialog über das Thema und weitere Probleme an. Das Video mit Aufnahmen der NPD-Veranstaltung wurde vor seiner Löschung rund 180.000-mal aufgerufen und ist inzwischen wieder auf YouTube verfügbar.
2014 begann damit seine Landtagszeit, in der er seitdem die Städte Ueckermünde, Torgelow und Eggesin sowie die Ämter Stettiner Haff und Torgelow-Ferdinandshof vertrat. Bei der Landtagswahl 2016 gewann er für die SPD das Direktmandat im Wahlkreis Vorpommern-Greifswald IV: Die SPD kam auf 31,0 Prozent der Erststimmen, die AfD auf 29,3 Prozent und die CDU auf 18,5 Prozent. Sein Mandat war damals eines von nur drei SPD-Direktmandaten in Vorpommern.
Vorpommern im Blick
Am 18. Oktober 2016 wurde bekannt, dass Dahlemann im Kabinett Sellering III parlamentarischer Staatssekretär für Vorpommern werden sollte. Ministerpräsident Erwin Sellering ernannte ihn dazu. Nach Manuela Schwesigs Amtsübernahme blieb Dahlemann parlamentarischer Staatssekretär.
In dieser Funktion sollte er als Ansprechpartner vor Ort der Wahrnehmung entgegenwirken, Schwerin vernachlässige den östlichen Landesteil. Dahlemann nahm zahlreiche Vor-Ort-Termine wahr und initiierte den Vorpommern-Fonds. Im April 2018 trat der neu gegründete Vorpommern-Rat in Anklam erstmals zusammen. 2021 übernahm der Landtagsabgeordnete Heiko Miraß seine Funktion.
Bei der Landtagswahl 2021 gewann Dahlemann den Wahlkreis Vorpommern-Greifswald IV erneut für die SPD, mit 36,8 Prozent der Erststimmen – dem besten SPD-Ergebnis in einem vorpommerschen Wahlkreis. Nach der Bildung des Kabinetts Schwesig II am 15. November 2021 wurde er erneut parlamentarischer Staatssekretär und zugleich Chef der Staatskanzlei.
Dahlemann lebt mit seiner Ehefrau und der im November 2020 geborenen Tochter in Mönkebude. Nun steht dort neben Familie, Rückzug und dem Ende des Bürgerbüros auch die Frage im Raum, wie es mit dem Abschluss weitergeht. Die alte Baustelle ist jedenfalls wieder offen.
