TUM und NEURA eröffnen RoboGym für das Training verkörperter KI an realen Aufgaben
Am 22. Oktober 2026 haben NEURA Robotics und die Technische Universität München (TUM) am Münchner LabCampus das „TUM RoboGym powered by NEURA“ eröffnet. Heute, am 28. Oktober 2026, ist das Zentrum bereits gut gefüllt: Roboter sollen dort lernen, mit der physischen Welt klarzukommen – nicht nur auf Bildschirmen, sondern zwischen Bauteilen, Kartons, Flaschen und Werkzeugen.
Auf mehr als 2.300 Quadratmetern stehen 48 Trainingszellen und zunächst rund 100 Roboter bereit. Zum Fuhrpark gehören humanoide Roboter, Serviceroboter und Roboterarme. Dazu kommen hohe Rechenkapazitäten für KI-Modelltraining und Computersimulationen. Betrieben wird das Zentrum gemeinsam vom TUM Institute of Robotics and Machine Intelligence (TUM MIRMI) und NEURA Robotics.
Roboter lernen an echten Aufgaben
Das RoboGym verbindet Forschung, Robotiktraining und industrielle Anwendungen. Unternehmen bringen konkrete Aufgaben und ihr Prozesswissen ein; Forschende und Entwicklungsteams prüfen, wie Roboter Abläufe schneller lernen und anschließend zuverlässiger ausführen. Im Mittelpunkt stehen zunächst Bauteilbeladung, Komponentenmontage, Werkzeugbedienung, Flaschenabfüllung sowie Verpackungs- und Kartonhandling.
Seit September trainieren Partnerunternehmen dort Prozesse aus mehr als zehn Branchen. Genannt werden unter anderem Automobilindustrie, Pharma, Medizintechnik, Verpackung, Logistik, Landwirtschaft und Pflege. Geübt wird beispielsweise das Falten von Boxen, das Zusammenstecken von Bauteilen, das Befüllen von Flaschen, Kartonhandling und das Be- und Entladen von Holzbauteilen. Zu den Partnern gehört Schaeffler.
Unternehmen können Anwendungen testen, ihren Trainingsbedarf ermitteln und verschiedene Robotersysteme bewerten, bevor sie einen Einsatz ausweiten. Die Kapazitäten in München sind nach Angaben der Betreiber bereits stark gefragt: Mehr als 2.600 Unternehmen bewarben sich um Plätze. Das RoboGym ist allerdings noch nicht vollständig implementiert. Zunächst geht es um Schulung und Datengenerierung, nicht um die direkte Systemintegration in Betrieben.
Auch Forschende und Studierende erhalten Zugang. Externe Unternehmen, Institute und Universitäten können Plätze beantragen; die TUM bietet Training als Dienstleistung an. NEURA stellt unter anderem Roboter, technische Infrastruktur, Rechenleistung und Betriebspersonal bereit. Die TUM bringt Flächen, wissenschaftliche Expertise sowie Ressourcen für Forschung und Betrieb ein.
Drei Wege zu Physical AI
Die Daten entstehen auf drei Wegen: bei realen Robotereinsätzen, durch menschliche Demonstrationen und in Simulationen. Sensoren erfassen Bewegungen, Kontakte und Ergebnisse. Menschen zeigen Abläufe mit sensorisierten Datenanzügen, Motion-Capture-Systemen und per Teleoperation. Simulationen ergänzt ein „Data Amplifier“ um zusätzliche Situationen und Varianten.
In Kooperation mit Bosch sollen mehr als 1.000 Arbeitskräfte mit Sensoranzügen ausgestattet werden. Für NEURA-Chef David Reger ist die Sammlung realer Daten eine zentrale technische Herausforderung. Verkörperte künstliche Intelligenz braucht im Unterschied zu generativer KI wie ChatGPT Erfahrungen aus physischen Interaktionen – und genau diese Daten sind bislang knapp.
Die Trainingsdaten werden strukturiert aufbereitet und in einem kuratierten Cloud-Data-Lake gesammelt. Dort sollen sie für Modelle der Physical AI bereitstehen. Untersucht werden unter anderem generalisierbare Roboterfähigkeiten, sichere Mensch-Roboter-Interaktion und KI-Modelle für die Robotik. Wissenschaftlicher Koordinator des TUM RoboGym ist Prof. Achim Lilienthal vom TUM MIRMI.
Das Neuraverse verbindet die Trainingsinfrastruktur mit NEURAs Software- und KI-Werkzeugen. Erlernte Fähigkeiten sollen darüber weiteren vernetzten und serienfertigen Robotern zur Verfügung gestellt werden. TUM MIRMI vernetzt knapp 80 TUM-Lehrstühle aus Robotik und KI, darunter Perzeption und Data Science.
Ein leichterer 4NE1 mit „Smart Limbs“
Bei der Eröffnung stellte NEURA die vierte Generation seines humanoiden Roboters 4NE1 („For Anyone“) vor, die auch auf der NVIDIA GTC Berlin gezeigt wurde. Nach Unternehmensangaben ist der für die Serienfertigung entwickelte 4NE1 Gen 4 rund 20 Prozent leichter als die Vorgängergeneration. Unabhängige Messungen dazu liegen bislang nicht vor.
Der Roboter ist etwa 1,8 Meter groß und wiegt rund 64 Kilogramm. Er ist schlanker gestaltet und trägt eine schwarze textile Außenhaut. Sie ist für Einsätze neben Menschen vorgesehen und soll einfache Individualisierungen ermöglichen. Klingt zunächst nach einem Detail, dürfte im Alltag aber einen Unterschied machen, wenn Mensch und Maschine auf engem Raum nebeneinander arbeiten.
Überarbeitete Hände sollen präziser greifen. Die „Smart Limbs“ integrieren Reflexe direkt in die Gliedmaßen, sodass diese eigenständig auf ihre Umgebung reagieren können. NEURA zufolge soll sich der Roboter dadurch flüssiger und menschenähnlicher bewegen. Qualcomm-Dragonwing-Robotics-Prozessoren auf Gelenkebene übernehmen die lokale Steuerung von Reflexen, Griffkraft und Balance.
Als Softwarebasis dient Neuron AI, das am 14. Oktober 2026 vorgestellte Perception-Language-Action-Modell von NEURA. Es verbindet Wahrnehmung, Sprache und Aktion, verarbeitet mehrere Sensorströme und arbeitet lokal ohne Cloudanbindung. Neben Bildinformationen fließen Berührung, Kraft, Klang und der interne Zustand des Roboters ein; daraus werden Bewegungen abgeleitet. Ein Beispiel: Der Roboter soll erkennen können, ob ein industrieller Verschluss korrekt eingerastet ist.
Neuron AI wird mit realen Roboterdaten, menschlichen Demonstrationen und Simulationen trainiert. Der 4NE1 Gen 4 ist bereits in NEURA Gyms im Einsatz; Unternehmen können dort Aufgaben mit der neuen Robotergeneration üben. Verifizierte Kundendaten zu Erfolgsraten, Interventionshäufigkeit oder Betriebskosten des Roboters liegen laut NEURA bislang nicht vor.
Ein Drei-Jahres-Projekt mit internationalem Plan
Das gemeinsame Vorhaben ist zunächst auf drei Jahre angelegt. Das Gesamtvolumen beträgt rund 17 Millionen Euro, davon trägt NEURA etwa 11 Millionen Euro. München bildet den Auftakt für ein internationales Netzwerk von NEURA Gyms. Bis Ende 2026 plant das Unternehmen den weltweiten Betrieb von fünf Trainingszentren; weitere Standorte sind in Europa, den USA und China vorgesehen.
In Deutschland soll ein weiterer Standort in Kooperation mit der RWTH Aachen entstehen. Vorgesehen sind dort 3.000 Quadratmeter Fläche. Ein weiteres Zentrum ist in Hangzhou in Zusammenarbeit mit Alibaba Cloud geplant, zehn zusätzliche Einrichtungen befinden sich in Planung.
NEURA Robotics wurde 2019 gegründet und hat seinen Hauptsitz in Metzingen. Das Unternehmen entwickelt kognitive Roboter sowie Software-, KI- und Dateninfrastruktur für Physical AI. Das TUM RoboGym am Münchner Flughafen soll nun helfen, aus Forschungsergebnissen praktische Anwendungen zu machen und Forschungsprototypen gemeinsam mit der Robotikindustrie systematisch und schnell zu marktfähigen Produkten weiterzuentwickeln.
