Brasilien hat gewählt – und der Sieger steht fest, obwohl der unterlegene Kandidat das Ergebnis nicht anerkennen will. Luiz Inácio Lula da Silva gewann am Sonntag, dem 25. Oktober 2026, die Stichwahl gegen Flávio Bolsonaro mit 51,8 Prozent der Stimmen und einem Vorsprung von fast 4,4 Millionen Stimmen. Lula wird damit als erster Präsident Brasiliens eine vierte Amtszeit antreten. Bei ihrem Beginn im Januar 2027 wird er 81 Jahre alt sein, am Ende der Amtszeit im Jahr 2030 dann 85.

In Brasília erklärte Flávio Bolsonaro unmittelbar nach der Niederlage: „Es ist unmöglich, dieses Ergebnis anzuerkennen. Ich werde die Annullierung dieser Wahlen beantragen.“ Der Senator und Sohn des früheren rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro will die Wahl juristisch anfechten. Nach einer kurzfristigen Entscheidung, die Abstimmung um zwei Stunden zu verlängern, hatte es an einigen Wahllokalen chaotische Szenen gegeben. Lula hatte die Verlängerung beantragt, nachdem Behörden in mehreren Städten Busse aus dem Verkehr gezogen hatten und Wähler deshalb nicht zu den Wahllokalen gelangten. Auch Flávio Bolsonaro verlangte wegen heftiger Regenfälle eine Verlängerung in einigen Regionen, bezeichnete die Entscheidung danach aber als „inakzeptabel“ und „schmutzigen Trick“.

Ein knappes Ergebnis in einem tief gespaltenen Land

Der Weg zur Stichwahl hatte am 4. Oktober begonnen. Damals erhielt Flávio Bolsonaro von der Liberalen Partei PL 47 Prozent, Lula von der Arbeiterpartei PT rund 45 Prozent. Mehr als 158 Millionen Menschen waren wahlberechtigt. Weil keiner die absolute Mehrheit erreichte, musste die Entscheidung vertagt werden; auch sieben Gouverneurswahlen gingen in eine zweite Runde. Die Zahl der Nichtwähler sank nun von 21 Prozent im ersten Wahlgang auf 19 Prozent. Lula sagte, seine Kampagne habe die Menschen davon überzeugt, dass ihre Stimme für die Sicherung der Demokratie wichtig sei.

Seit 1989, der ersten Direktwahl nach dem Ende der brasilianischen Militärdiktatur, hatte kein Kandidat eine Stichwahl gewonnen, nachdem er im ersten Durchgang zurückgelegen hatte. Die Linke mobilisierte nach Lulas Rückstand rasch: Massenkundgebungen unter dem Motto „Nie wieder Bolsonaro“, dazu eine komplett veränderte Strategie in den sozialen Netzwerken. In Rio de Janeiro wurden Feuerwerkskörper gezündet und Vuvuzelas geblasen. In São Paulo feierten Tausende in roten T-Shirts, der Farbe von Lulas Arbeiterpartei, auf den Straßen. Nach der offiziellen Bestätigung des Ergebnisses war in Rio großer Jubel zu hören; zuvor hatten Autos gehupt und Lula-Anhänger Bolsonaro-Anhänger verspottet.

Die Freude hat allerdings einen Riss. Nahezu die Hälfte der Wählerschaft stimmte erneut gegen Lula. Flávio Bolsonaro, 45 Jahre alt, war 16 Jahre Abgeordneter im Bundesstaat Rio de Janeiro und ist seit 2019 Senator. Er gilt als gemäßigter als sein Vater, setzte im Wahlkampf aber voll auf Sicherheit: 500.000 neue Haftplätze, Hochsicherheitsgefängnisse nach dem Vorbild El Salvadors und eine Amnestie für Jair Bolsonaro.

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Der frühere Präsident verbüßt eine 27-jährige Haftstrafe wegen des Versuchs eines Staatsstreichs nach seiner Wahlniederlage gegen Lula bei der Präsidentschaftswahl 2022. Die bpb beschreibt das Urteil im Zusammenhang mit dem Putschversuch im Januar 2023; Jair Bolsonaro befindet sich aus gesundheitlichen Gründen im Hausarrest. Flávios Ergebnis im ersten Wahlgang lag über einer Ende September veröffentlichten Datafolha-Prognose, die Lula bei 40 und Bolsonaro bei 36 Prozent gesehen hatte. In einer Umfrage zur Stichwahl lagen beide bei 47 beziehungsweise 45 Prozent, ihre Ablehnungswerte betrugen jeweils rund 45 Prozent.

Regieren gegen eine rechte Mehrheit

Brasilien ist ein Präsidialsystem. Der Präsident wird für vier Jahre direkt gewählt und darf einmal unmittelbar wiedergewählt werden. Der Nationalkongress besteht aus 81 Senatoren – jeweils drei pro Bundesstaat, mit achtjähriger Amtszeit – und 513 Abgeordneten, die für vier Jahre nach Verhältniswahl bestimmt werden. Die Gouverneure werden ebenfalls für vier Jahre direkt gewählt. Wahlberechtigt ist, wer mindestens 16 Jahre alt ist; für 18- bis 70-Jährige gilt Wahlpflicht.

Die Sitzverteilung macht Lulas Aufgabe ziemlich ungemütlich. Bolsonaros PL gewann im Senat 19 Sitze und verfügt nun über 28 der 81 Sitze. Das Movimento Democrático Brasileiro, MDB, gewann sieben Sitze und kommt auf insgesamt acht. Lulas PT gewann sechs Sitze und hält nun neun. Bei der Senatswahl wurden 54 der 81 Sitze neu vergeben. Im Abgeordnetenhaus gewann die PL mit 121 Mandaten am meisten. Die PT errang 70 Sitze; gemeinsam mit PCdoB und Grünen kommt sie im Bündnis „Federação Brasil da Esperança“ auf 88 Sitze.

20 der 27 Gouverneurswahlen waren bereits nach dem ersten Wahlgang entschieden, die gewählten Gouverneure gehören insgesamt acht Parteien an. Über sieben Gouverneursposten wurde in Stichwahlen entschieden. Eine stabile Regierung wird Lula deshalb nicht einfach zufallen. Günther Maihold sieht Parallelen zur Wahlniederlage Jair Bolsonaros vor vier Jahren: Damals führte die Nichtanerkennung des Ergebnisses zu gewaltsamen Angriffen auf Regierungsgebäude in der Hauptstadt.

Lula muss laut Maihold verhandlungs- und kompromissfähig sein. Es geht darum, die Polarisierung zu verringern und berechenbares Regieren zu ermöglichen. Dafür braucht es einen kompetenten Regierungsapparat und Minister, die Verständigung organisieren können. Das sogenannte Centrão wird dabei wichtig: ein wechselndes, informelles Bündnis unter anderem aus MDB, PSD, União Brasil, Progressistas und Republicanos. Die Parteien sind regional stark verankert, verbindet vor allem politischer Pragmatismus. Je nach Zusammensetzung kontrollieren sie mehr als die Hälfte der Abgeordnetenkammer. Mehrheiten werden über Ministerposten, politische Ämter und die Verteilung von Haushaltsmitteln ausgehandelt – brasilianische Politik ist da eher Marktplatz als Parteiprogramm.

Im Parlament sitzt ein breites konservatives bis ultrarechtes Lager. Weitere rechte Präsidentschaftskandidaten waren Ronaldo Caiado von PSD, Romeu Zema von NOVO und Renan Santos von MISSÃO; in den Umfragen blieben sie im einstelligen Bereich. Lula wurde von einem Bündnis unterstützt, das von der politischen Linken bis zur Mitte reicht. Geraldo Alckmin von der PSB soll bei einem Wahlsieg erneut Vizepräsident werden.

Sozialstaat, Lebenshaltungskosten und die Sicherheitsfrage

Lula wuchs in großer Armut auf, stammt aus dem armen Nordosten und war früher Gewerkschafter. 2003 wurde er erstmals Präsident, 2006 gewann er die Wiederwahl. Er regierte bis 2011 und kehrte bei der Wahl 2022 in das Präsidentenamt zurück. Damals gewann er mit 50,9 Prozent gegen den damaligen Präsidenten Jair Bolsonaro. Nach einem Korruptionsskandal hatte Lula mehr als 18 Monate im Gefängnis verbracht; die gegen ihn erhobenen Vorwürfe wurden später aus formalen Gründen aufgehoben.

Während seiner dritten Amtszeit senkte Lula laut Euronews Inflation und Arbeitslosigkeit und holte Millionen Menschen aus dem Hunger. Die Arbeitslosenquote sank Ende 2025 auf 5,1 Prozent, den niedrigsten Wert seit 2012. Der Mindestlohn wurde jedes Jahr erhöht. Seit 2026 sind Einkommen bis 5.000 Reais monatlich, etwa 845 Euro, im Rahmen einer Steuerreform steuerfrei. Auch die Entwaldung im Amazonasgebiet ging deutlich zurück.

Ganz glatt lief es trotzdem nicht. Staatsausgaben und öffentliche Verschuldung stiegen, was Kritik an Lulas Finanzpolitik auslöste. Lebensmittelpreise erhöhten sich zeitweise, viele Wähler klagen über hohe Lebenshaltungskosten. Ein Betrugsskandal in der Rentenversicherung INSS führte 2025 zum Rücktritt des zuständigen Sozialministers. Lula wirbt mit Sozialprogrammen, Arbeitsmarktreformen und einer Reduzierung der gesetzlichen Arbeitszeit von 44 Stunden an sechs Tagen auf 40 Stunden an fünf Tagen.

Auch Kriminalität bleibt ein wunder Punkt. Die Mordrate sank 2025 auf 19,1 vorsätzliche gewaltsame Todesfälle je 100.000 Einwohner – der niedrigste Wert seit 2012. Gleichzeitig stieg die Zahl der Femizide auf 1.571, den höchsten Wert seit Einführung des Straftatbestands 2015. Auf jeden vollendeten Femizid kamen durchschnittlich 2,7 versuchte Femizide.

Organisierte Drogenkriminalitätsgruppen sind in Gefängnissen und dicht besiedelten Stadtvierteln aktiv. In Teilen dieser Viertel verfügen