Vom 2. Juni 1967 zur 68er-Bewegung: Hajo Funkes Erinnerungen an den Westberliner Studentenprotest
Am 28. September 2026 hängt an der Freien Universität Berlin noch immer etwas vom alten Streit in der Luft: Wie viel Veränderung hält eine Gesellschaft aus – und was passiert, wenn aus Protest politische Gewissheit wird? Hajo Funke, damals junger Politikstudent, erlebte die Westberliner Studentenbewegung aus nächster Nähe. Am 2. Juni 1967 demonstrierte er, nachdem der Student Benno Ohnesorg erschossen worden war. Die Reaktion der Westberliner Polizei sowie politischer und gesellschaftlicher Institutionen empfand Funke als brutal und autoritär.
Seitdem, schreibt er, habe sich seine politische Haltung nicht grundlegend verändert: gegen autoritäre und gewalttätige Übergriffe, für mehr gesellschaftliche Gleichheit und für Frieden statt Krieg – auch gegen den Vietnamkrieg. Er bezeichnet sich weiterhin als Linken: für individuelle Freiheit, gegen soziale Ungleichheit, für Frieden. Diskussionen darüber, ob die Kategorien „rechts“ und „links“ bedeutungslos geworden seien, hätten daran nichts geändert. Seine Haltung wolle er seit dem 2. Juni 1967 beibehalten.
Vom Studentenprotest zur großen gesellschaftlichen Unruhe
Die westdeutsche Studentenbewegung hatte keine direkten historischen Vorläufer. Zwar engagierten sich im Vormärz einige deutsche Studenten für parlamentarische Demokratie und die Revolution von 1848/49; danach gehörte die Mehrheit der deutschen Intelligenz jedoch zur politischen Rechten. Nach 1945 waren die meisten westdeutschen Studenten unpolitisch oder konservativ.
Marshallplan und Wirtschaftswunder stärkten die von Konrad Adenauer betriebene Westintegration. Sozialdemokratische Konzepte von Blockfreiheit und schneller Wiedervereinigung gerieten ins Abseits. Die Wiederbewaffnung ab 1955 und die geplante atomare Bewaffnung der Bundeswehr ab 1958 lösten erheblichen Widerstand aus – erstmals entstand eine westdeutsche außerparlamentarische Opposition. Die Bewegung „Kampf dem Atomtod“ verlor 1959 an Bedeutung, nachdem sich SPD und DGB zurückgezogen hatten.
Im selben Jahr verabschiedete die SPD mit dem Godesberger Programm den Marxismus und orientierte sich als gemäßigte Volkspartei auf neue Wählerschichten. Teile des SPD-nahen Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, kurz SDS, lehnten diesen Kurs ab, setzten die Anti-Atom-Proteste fort und kooperierten mit ehemaligen KPD-Anhängern. Der Konflikt führte 1961 zum Ausschluss des SDS aus der SPD. Danach wurde er zur wichtigsten parteiunabhängigen Organisation der westdeutschen Studentenbewegung.
Internationale Entwicklungen relativierten zugleich den Ost-West-Systemkonflikt und stellten den westdeutschen Antikommunismus der 1950er Jahre infrage. Ostermärsche hielten die Forderung nach einer Zukunft ohne Massenvernichtungswaffen und Krieg präsent. Impulse kamen aus antikolonialen Befreiungsbewegungen, der US-Bürgerrechtsbewegung, den US-amerikanischen „Students for a Democratic Society“, der britischen und französischen Neuen Linken sowie den Situationisten.
Seit den 1950er Jahren veränderten Konsum, Freizeitangebote und Popkultur die Lebenswelten junger Menschen. Um 1960 begann eine gesellschaftliche Modernisierung, die Mentalitäten, Werte und Geschlechterbilder erfasste. Dieser Wandel ging durch verschiedene soziale Schichten und politische Richtungen – eine Voraussetzung der 68er-Bewegung. Rock- und Beatmusik, neue Kleidung und veränderte Vorstellungen von Sexualität und gesellschaftlichen Konventionen gehörten dazu. Manches blieb unpolitisch, unorganisiert oder systemkonform, wurde von vielen Erwachsenen aber als Angriff auf etablierte Lebensformen wahrgenommen. Die Generationen rieben sich aneinander, bis es ordentlich knirschte.
Der 1949 als SPD-Jugendorganisation gegründete SDS beschäftigte sich mit der Aufklärung über den Nationalsozialismus, seine Ursachen und Verbrechen. Als 1959 die Verjährung zahlreicher NS-Verbrechen bevorstand, organisierten SDS-Gruppen die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“, vorbereitet von Studenten der Freien Universität Berlin um Reinhard Strecker. Sie thematisierte ehemalige NS-Juristen und forderte eine umfassende Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Nach dem Ausschluss der Initiatoren aus der SPD wurde die Ausstellung fortgeführt; sie gilt als ein Entstehungsfaktor der Studentenbewegung.
Weitere Impulse zur NS-Aufarbeitung kamen durch den Eichmann-Prozess ab 1961, die Frankfurter Auschwitzprozesse ab 1963 und die Bundestagsdebatte über die Verjährung 1965. Rolf Hochhuth griff das Thema in „Der Stellvertreter“ (1963) auf, Peter Weiss in „Die Ermittlung“ (1965). Die Fischer-Kontroverse auf dem Berliner Historikertag 1964 stärkte sozialgeschichtliche Perspektiven und die Untersuchung personeller Kontinuitäten deutscher Eliten von 1871 bis zur Gegenwart. Die Studentenbewegung gab dieser Sichtweise eine breite gesellschaftliche Basis. Seit 1964 verdrängten in Teilen der Bewegung ökonomisch-marxistische Faschismustheorien die in den 1950er Jahren verbreitete Totalitarismustheorie. 1968 machte der SDS außerdem die NS-Vergangenheit von Bundespräsident Heinrich Lübke öffentlich zum Thema.
Pressefreiheit, Vietnam und der 2. Juni
Die Spiegel-Affäre von 1962 hatte nach der Verhaftung von Redakteuren wegen eines kritischen Bundeswehrberichts breite Proteste für die Pressefreiheit ausgelöst. Studenten, die Gruppe 47 und das PEN-Zentrum Deutschland forderten den Rücktritt von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß. Der SDS organisierte eine bundesweite Unterschriftensammlung und verband die Affäre mit der Kritik an den geplanten Notstandsgesetzen. Daraus wurde ein Vorläufer der späteren Kampagne gegen den Springer-Verlag.
Auch die sogenannten „Halbstarken“ der 1950er Jahre gehören in diese Vorgeschichte. Freizeitorientierte Jugendliche wurden von Erwachsenen autoritär eingeschränkt. Am 21. Juni 1962 begannen in München-Schwabing nach einer Anzeige wegen Ruhestörung gegen Straßenmusiker fünftägige Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Polizei. Viele Studenten der benachbarten Ludwig-Maximilians-Universität beteiligten sich. Die „Schwabinger Krawalle“ gelten als frühes Zeichen des studentischen und jugendlichen Protestpotenzials, vielleicht sogar als Auftakt der Studentenbewegung. Die Forderung: eine demokratischere Polizei und eine Reform ihrer autoritären Ausbildung.
Die Gruppe 47 wandte sich Anfang der 1960er Jahre gegen die gesellschaftliche Restauration und unterstützte Wahlaufrufe zugunsten der SPD. Einige Autoren solidarisierten sich mit der Studentenbewegung und kritisierten die politische Zurückhaltung anderer Mitglieder. 1966 stritt die Gruppe bei einem Treffen in den USA über die Unterstützung der US-Antikriegsbewegung und Proteste gegen den Vietnamkrieg. Peter Weiss, Hans Magnus Enzensberger und Reinhard Lettau unterstützten die Antikriegsbewegung; Günter Grass und Hans Werner Richter distanzierten sich. 1967 löste sich die Gruppe 47 auf.
Am Otto-Suhr-Institut erlebte Funke eine weitgehend gewaltfreie Initiative und traf auf linke Assistenten, die zur Demokratisierung bereit waren. Die Studierenden waren laut seiner Darstellung erfolgreich und veränderten ihr Studium grundlegend. Eine SDS-Hochschuldenkschrift von 1962 hatte die Reduzierung von Bildung auf berufliche Ausbildung, fehlende studentische Mitbestimmung und hierarchische Universitätsstrukturen kritisiert. Gefordert wurden demokratische Selbstverwaltung, Mitbestimmung in Seminaren, Instituten, Fakultäten und Senaten sowie der Abbau sachfremder Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse. Hochschulreformen galten als Teil einer umfassenden Gesellschaftsreform.
In Theoriezirkeln lasen Studenten Marx, Bakunin, Rosa Luxemburg, Georg Lukács, Karl Korsch, Wilhelm Reich und Vertreter der Frankfurter Schule. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse beeinflussten die Bewegung mit der Kritischen Theorie und ihrer Staats- und Gesellschaftsanalyse. Situationistische Gruppen kritisierten Studenten als angepasste „Kader der Großindustrie“ und forderten eine umfassende Gesellschaftskritik sowie ein selbstorganisiertes Proletariat.
Der SDS unterstützte antikoloniale Bewegungen. Bereits 1954 wurde Hồ Chí Minh als Vertreter eines von der Sowjetunion unabhängigen Sozialismus in Vietnam thematisiert. 1965 rief der SDS zu Informationsveranstaltungen über den Vietnamkrieg auf. Am 5. Februar 1966 demonstrierten SDS, SHB, LSD und HSU in West-Berlin gegen den Krieg; etwa 500 von rund 2.500 Teilnehmern blockierten das Amerika-Haus. Einige warfen Eier gegen die Fassade und hissten die US-Flagge auf dem Dach auf halbm
