Franziska Rein hat im September 2026 ihre Professur für Geschichte und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe (PHKA) angetreten. Sie folgt auf Prof. Dr. Frank Meier, der in den Ruhestand gegangen ist. Am heutigen 26. Oktober ist sie damit seit wenigen Wochen in Karlsruhe tätig – und bringt ein Forschungsfeld mit, das weit über die klassische Frage hinausgeht, welche Jahreszahlen im Unterricht hängen bleiben.

Rein beschäftigt sich unter anderem mit inklusiver Geschichtsdidaktik, historischer Bildung aus postkolonialer Perspektive und Holocaust Education. Ihr Ziel: Geschichtsunterricht, der alle Schüler:innen berücksichtigt. Inklusion meint für sie nicht nur Behinderung, sondern ebenso Merkmale wie Geschlecht und Herkunft. Ein möglicher Ausgangspunkt historischer Bildung sind deshalb die Lebensgeschichten der Schüler:innen selbst.

Geschichte beginnt nicht bei allen am selben Punkt

Im Bereich Holocaust Education untersucht Rein didaktische Konzepte zur Auseinandersetzung mit der Shoah. Gemeinsam mit internationalen Wissenschaftler:innen erforscht sie unterschiedliche Perspektiven auf den Holocaust und auf Holocaust Education. An der PHKA bietet sie im aktuellen Semester ein Seminar zu Art Spiegelmans Graphic Novel „Maus. Die Geschichte eines Überlebenden“ an. Die Studierenden analysieren, wie der Holocaust anhand des 1992 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Werks reflektiert und unterrichtet werden kann. Geplant ist außerdem ein Austausch mit Studierenden der Auburn University in den USA.

Rein lehrt im Lehramtsstudium für Grundschulen sowie für die Klassen 5 bis 10 an Haupt- und Realschulen. Fachwissenschaftliche und fachdidaktische Perspektiven gehören für sie zusammen. Eine theoretische Grundlage sei wichtig für die spätere Schulpraxis: Künftige Lehrkräfte müssen entscheiden, welche Themen und Schwerpunkte sie setzen und welche Quellen und Materialien sie auswählen. Das klingt trocken, ist es aber nicht. An solchen Entscheidungen hängt schließlich, wer im Unterricht vorkommt – und wer wieder einmal durchs Raster fällt.

Ihre Arbeit ist eng mit der Frage verbunden, welche Geschichten im Unterricht erzählt werden und wie die Gesellschaft gestaltet sein soll. Koloniale Kontinuitäten, Machtstrukturen und Wissensordnungen beeinflussen historische Bildungsprozesse bis heute. Rein untersucht deshalb, wie historische Bildung dekolonial gedacht und gestaltet werden kann. Ein von ihr mitherausgegebener Sammelband zu diesem Thema soll im November 2026 erscheinen.

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Von der Sonderpädagogik zur Geschichtsdidaktik

Franziska Rein studierte an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg Sonderpädagogik mit den Schwerpunkten geistige Entwicklung sowie Sprache und Kommunikation sowie Geschichte und Deutsch. Dort promovierte sie zur historischen Sinnbildung von Schüler:innen. Weitere akademische Stationen führten sie an das Historische Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und an die Universität Hildesheim. In Hildesheim war sie Juniorprofessorin für Geschichtsdidaktik; außerdem arbeitete sie mehrere Jahre als Sonderschullehrerin.

Ihre Dissertation erschien 2021 als Historisches Lernen im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Eine Studie zur Sinnbildung durch die eigene Lebensgeschichte bei Vandenhoeck & Ruprecht UniPress in Göttingen. Der biografische Zugang zieht sich auch durch weitere Arbeiten: 2024 veröffentlichte sie „Lebensgeschichte intersektional. Empirische Betrachtungen zur subjektiven Sinnbildung“ in der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 35(3), S. 20–40 (DOI: 10.25365/oezg-2024-35-3-2; double-blind peer-reviewed). Bereits 2021 erschien „Historisches Lernen im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung – Sinnbildung über die eigene Biografie?“ in Historische Bildung inklusiv, S. 255–272 (peer-reviewed).

Auch ihre frühen Veröffentlichungen kreisen um die Verbindung von Theorie und Praxis. Gemeinsam mit Jannis Seidemann schrieb Rein 2018 „Historisches Lernen im sonderpädagogischen Förderschwerpunkt geistige Entwicklung – Zur Notwendigkeit neuer theoretischer Antworten auf praxisrelevante Probleme“ in Theorie und Praxis im Spannungsverhältnis, S. 133–144 (peer-reviewed).

Intersektionalität, Medien und Machtkritik

Reins Publikationsliste liest sich wie eine Karte ihrer Forschungsinteressen. 2025 gab sie mit Anna Lienau und Jan-Christian Wilkening Intersektionalität interdisziplinär: Bestandsaufnahme aus Bildung und Wissenschaft heraus (Universitätsverlag Kiel, Kiel; DOI: 10.38072/2703-0784/v6). Mit Sebastian Barsch veröffentlichte sie im selben Jahr Bridging History and Special Education: Interdisciplinary Perspectives on Historical Thinking and Disabilities. 2024 gab sie gemeinsam mit Sebastian Bauer und Illie Isso Fachdidaktik in Bewegung. Machtkritische und intersektionale Perspektiven heraus (Frankfurt am Main: Wochenschau-Verlag).

Im Sammelband Intersektionalität interdisziplinär schrieben Lienau, Rein und Wilkening 2025 „Unsichtbares sichtbar machen? Intersektionalität in Bildung und Wissenschaft“, S. 7–26 (DOI: 10.38072/2703-0784/p66). Mit Barsch veröffentlichte Rein außerdem „History Through the Lens of Special Education“ in Bridging History and Special Education (DOI: 10.38072/2703-0784/p57). Zusammen mit Barsch und Wilkening erschien „Beyond the Individual Cognitive Perspective: A Framework for Inclusive History Education“ beziehungsweise „Más allá de la perspectiva cognitiva individual: Un marco para la enseñanza inclusiva de la historia“ in Panta Rei 19, S. 1–19 (DOI: 10.6018/pantarei.625281; double-blind peer-reviewed).

Mit dem Repertory Grid Interview befasste sie sich 2025 im Beitrag „Das Repertory Grid Interview als qualitativ empirische Forschungsmethode in der Geschichtsdidaktik“ in Historisches Denken erforschen, Band 15, S. 51–71 (double-blind peer-reviewed). Gemeinsam mit Paul Fitchett und Carolin Hestler untersuchte sie dort außerdem „Historische Kompetenzen im Umgang mit Medienberichten über den 6. Januar 2021. Eine US-amerikanisch-deutsche Studie mit Lehramtsstudierenden und Lehrkräften“, S. 31–50 (double-blind peer-reviewed).

Weitere Themen reichen von Geschichtsbewusstsein bis Virtual Reality. 2024 schrieb Rein „Geschichtsbewusstsein aus intersektionaler Perspektive“ in Geschichtsbewusstsein, Geschichtsbilder, Zukunft, S. 138–154 (peer-reviewed). Mit Bauer und Isso veröffentlichte sie „Weißseinskritische Überlegungen zur Veränderbarkeit von Quellen? Nachbetrachtungen einer Diskussion“ in ZfGD 23, S. 143–158 (double-blind peer-reviewed). 2023 erschien ihr Beitrag „Virtual Reality im Geschichtsunterricht mit Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf“ in QfI – Qualifizierung für Inklusion 5(2), S. 1–15 (DOI: 10.21248/QfI.105; double-blind peer-reviewed).

Um Lernaufgaben und einen diversitäts- und sprachsensiblen Geschichtsunterricht ging es 2023 im gemeinsam mit Jonas Bartholomé verfassten Beitrag „Kategorien und Konzepte in Lernaufgaben. Impulse für einen diversitäts- und sprachsensiblen Geschichtsunterricht“ in Neue Aufgabenkultur im Geschichtsunterricht?, S. 169–184 (double-blind peer-reviewed). Mit Fitchett und Hestler untersuchte Rein außerdem den Angriff auf das US-Kapitol: „Documenting the January 6 attack on the US Capitol: A comparative case study on German and US perspectives for teaching the historical and the contemporary“ erschien in Research in Comparative and International Education 18(4), S. 547–568 (DOI: 10.1177/17454999231216051; double-blind peer-reviewed).

Koloniale Perspektiven – auch außerhalb des Hörsaals

Die Auseinandersetzung mit postkolonialer historischer Bildung findet bei Rein nicht nur in Aufsätzen und Seminaren statt. Gemeinsam mit Andreas Hübner sprach sie in Folge 43 des Podcasts UHiversum Talks über „Blick zurück nach vorn. Wie koloniale Perspektiven im Geschichtsverständnis überwunden werden können“. Die