Aladin El-Mafaalani hat am Sonntag in Kassel den mit 20.000 Euro dotierten Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ erhalten. Die Verleihung fand im Interim des Staatstheaters vor rund 800 Gästen statt. Für den Soziologen war der Auftritt keine Selbstverständlichkeit: Wegen eines schmerzhaften Halswirbelproblems hatte er eigentlich andere Termine abgesagt. Außerdem steht er nichtwissenschaftlichen Auszeichnungen grundsätzlich kritisch gegenüber.

Die Glasskulptur nahm er dennoch entgegen und hielt eine Dankesrede. El-Mafaalani ist Professor für Migrations- und Bildungssoziologie an der Technischen Universität Dortmund, Bestsellerautor und erreicht auf Instagram rund 166.000 Follower. Seit April 2024 lehrt er an der TU Dortmund.

Vernunft als Brücke

Geehrt wurde El-Mafaalani für seine Suche nach Dialog über gesellschaftliche und generationelle Grenzen hinweg und für sein Vertrauen in die „brückenbauende Kraft der Vernunft“. Die Gesellschaft der Freunde und Förderer, die den Preis vergibt, begründete die Auszeichnung mit seiner Haltung in Zeiten des Umbruchs. Der Preis wurde in Kassel zum 35. Mal verliehen.

Laudatorin war die Soziologin Alena Buyx, ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates. Sie beschrieb El-Mafaalani als unvoreingenommen, wahrheitsorientiert und unabhängig von polarisierten Debattenmustern. Seine Stärke liege auch darin, komplizierte gesellschaftliche Themen so verständlich zu erklären, dass sie „nachhaltig im Gedächtnis“ blieben. Als Beispiel nannte Buyx seine Erklärung, dass Kinder und Jugendliche in einer alternden Gesellschaft eine Minderheit darstellen und besonderen Schutz benötigen.

Wilfried Sommer, Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde und Förderer, sagte bei der Verleihung im Staatstheater Kassel, die Zukunft einer Gesellschaft liege in den Händen ihrer Kinder. El-Mafaalani zeige, wie Generationenkonsens und demokratischer Zusammenhalt voneinander abhängen.

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Auch Oberbürgermeister Sven Schoeller sprach ein Grußwort. Er berichtete von einem Konzert des türkischen Musikvereins im ausverkauften Scheidemann-Haus, bei dem nach seiner Einschätzung 98 Prozent der Besucher einen türkischen Migrationshintergrund hatten. Im Publikum der Preisverleihung seien es dagegen schätzungsweise nur rund zehn Prozent gewesen. Schoellers Schluss: Bei der gesellschaftlichen Einbindung verschiedener Bevölkerungsgruppen gibt es in Kassel noch Handlungsbedarf.

In die Feier waren das Jugendgremium der Stadt und die Big Band der Jacob-Grimm-Schule eingebunden. El-Mafaalani begrüßte, dass junge Menschen im Mittelpunkt standen. Er war früher selbst Schlagzeuger in einer Hardcore-Band. Ein etwas ungewöhnlicher Lebenslauf für einen Professor, aber vielleicht erklärt das auch ein wenig, warum seine Auftritte selten nach Seminarraum klingen.

Kinder als Minderheit

El-Mafaalani sprach darüber, dass in einer alternden Gesellschaft zunächst vor allem auf die Herausforderungen des Alters geschaut werde. Gleichzeitig gebe es wegen der demografischen Entwicklung weniger Kinder; Kindheit werde „immer prekärer“. In seiner Rede fragte er außerdem, warum Bildungsforscher stark gefragt seien, während 15-Jährige in Deutschland laut Pisa-Studie heute ungefähr das Leistungsniveau von 13-Jährigen vor zehn Jahren hätten.

Ein weiterer Gedankengang führte zu den „Misstrauensgemeinschaften“, deren Mitglieder überwiegend AfD wählten, und zu Menschen, die Vertrauen in staatliche Institutionen hätten. El-Mafaalani verglich diese Misstrauensgemeinschaften mit Autoimmunerkrankungen: Ein Angriff auf sie sei deshalb nicht zielführend. Das klingt sperrig, war in Kassel aber gerade deshalb ein Satz, an dem man hängen blieb.

Alena Buyx hat familiäre Verbindungen zu Kassel und verbrachte als Kind häufiger Zeit dort. Nach der Preisverleihung erwog sie scherzhaft, mit ihrer Familie erneut nach Nordhessen umzuziehen.

Vom Ruhrgebiet in die Wissenschaft

Aladin El-Mafaalani wurde 1978 in Datteln im Ruhrgebiet als Kind eines 1971 aus Syrien eingewanderten Akademikerehepaars geboren und wuchs dort auf. Nach dem Abitur 1998 am Theodor-Heuss-Gymnasium in Waltrop leistete er Wehrdienst bei der Luftwaffe. Anschließend studierte er an der Ruhr-Universität Bochum Wirtschaftswissenschaft, Politikwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Arbeitswissenschaft. 2011 promovierte er dort im Hauptfach Soziologie.

Von 2007 bis 2013 arbeitete El-Mafaalani als Lehrer an einem Berufskolleg in Ahlen sowie als Dozent und Wissenschaftler an mehreren Hochschulen, darunter der Fachhochschule Dortmund, der Ruhr-Universität Bochum und der Hochschule Osnabrück. Von 2013 bis 2018 war er Professor für Politikwissenschaft und Politische Soziologie an der FH Münster. Dort gehörte er zu den Gründungs- und Vorstandsmitgliedern des Instituts für Gesellschaft und Digitales.

Von 2018 bis 2019 leitete er eine Abteilung im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf und koordinierte die Integrationspolitik Nordrhein-Westfalens. Von Juli 2019 bis 2024 war er Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt „Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft“ an der Universität Osnabrück. Zusätzlich arbeitete er ehrenamtlich als Beauftragter des NRW-Integrationsministeriums für Fragen des muslimischen Engagements. Bis 2025 war er Mitglied im Bundesjugendkuratorium der Bundesregierung.

El-Mafaalani ist Mitglied im Rat für Migration, im Netzwerk Flüchtlingsforschung, im Vorstand der Sektion „Bildung und Erziehung“ sowie im Konzil der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Seine Arbeiten zu Bildungs-, Migrations- und Stadtforschung wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien, dem Deutschen Studienpreis der Körber-Stiftung, dem Dissertationspreis des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen und dem Lissabon-Preis.

2023 erhielt er das Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland beziehungsweise das Bundesverdienstkreuz am Bande. Öffentlich tritt er bei Großveranstaltungen wie Arsch huh, Zäng ussenander, Birlikte, dem Deutschen Evangelischen Kirchentag und dem Haldern Pop Festival auf. Er äußert sich zu Bildungspolitik, Einwanderung, Flüchtlingspolitik, Radikalisierung und Diskriminierung. Seine Thesen wurden auch in Nordamerika öffentlich diskutiert. El-Mafaalani gehört außerdem zu den Mitgründern des PEN Berlin.

Bücher über Streit, Bildung und Vertrauen

Sein 2018 erschienenes Buch „Das Integrationsparadox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“ stand mehrere Wochen auf Bestseller- und Bestenlisten. Darin beschreibt El-Mafaalani Gegenbewegungen gegen offene Gesellschaften, darunter fremdenfeindliche, nationalistische und religiös-fundamentalistische Bewegungen. Diese Schließungstendenzen erklärt er als Nebenfolgen sozialer Öffnung und zunehmender gesellschaftlicher Integration.

Nach seiner Darstellung nimmt gesellschaftliche Teilhabe für verschiedene Gruppen und auf verschiedenen Ebenen zu. Dadurch werden Verteilungs-, Interessen- und Zugehörigkeitskonflikte wahrscheinlicher; die daraus entstehenden Neuaushandlungen beschleunigen den sozialen Wandel. El-Mafaalani fordert deshalb, eine konstruktive Streitkultur als Leitkultur zu verstehen.

2020 veröffentlichte er „Mythos Bildung“, eine Analyse von Problemen, paradoxen Effekten, Dynamik und Trägheit des Bildungssystems aus verschiedenen Perspektiven. 2025 erschienen „Kinder – Minderheit ohne Schutz“, gemeinsam mit Sebastian Kurtenbach und Klaus Peter Strohmeier, sowie „Misstrauensgemeinschaften: Zur Anziehungskraft von Populismus und Verschwörungsideologien“.

Zu seinen weiteren Veröffentlichungen zählen „Ohne Schulabschluss und Ausbildungsplatz“ (2010), „BildungsaufsteigerInnen aus benachteiligten Milieus“ (2012; Dissertation), „Vom Arbeiterkind zum Akademiker“ (2014), der von ihm herausgegebene Band „Auf die Adresse kommt es an“ (2015), „Ansätze und Erfahrungen der Präventions- und Deradikalisierungsarbeit“ (2016), gemeinsam mit Ahmet Toprak „Muslimische Kinder und Jugendliche in Deutschland“ (2017), das „Handbuch Diskriminierung“ (2017; zweite Ausgabe 2023), „Wozu Rassismus?“ (2021) und der Beitrag „Soziale Ungleichheit“ in „Selbst Schuld!“ (2024).

Der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ wurde 1990 von Kasseler Bürgern gestiftet und wird seit 1991 jährlich vergeben. Das Preisgeld wird aus Mitglied