Die Dresdner Deep-Tech-Unternehmen Phytronic und Neosat gehören seit dem 22. September 2026 zum Münchner Technologiekonzern Rohde & Schwarz. Der Konzern bestätigte die Übernahme am 23. September 2026 in München. Beide Firmen sind nun hundertprozentige Tochtergesellschaften; ihre Namen bleiben zunächst bestehen. Zusammen beschäftigen sie rund 40 Mitarbeiter.

Für Dresden ist das mehr als eine Firmenmeldung am Rand. Phytronic und Neosat arbeiten an Technologien, bei denen es um sichere Kommunikation in Luft- und Raumfahrt geht – also um Daten, die auch dann noch ankommen sollen, wenn Funknetze ausfallen, gestört werden oder gar nicht erst vorhanden sind.

Zwei Dresdner Spezialisten, ein gemeinsames Feld

Phytronic wurde 2023 von Robert Wünsche in Dresden gegründet. Das Unternehmen entwickelt Wellenformen für die sichere Datenübertragung in Raumfahrt- und Avionik-Kommunikationssystemen sowie Lösungen für sichere Kommunikation in der Luftfahrt, Raumfahrt und terrestrischen Sensorik. Dafür entwirft Phytronic auch eigene Chips. Die Systeme können unter anderem in Militärflugzeugen, Satelliten und Drohnen eingesetzt werden.

Zur technischen Expertise gehören außerdem resiliente Wellenformen und Antennenalgorithmen. Rohde & Schwarz bringt laut Phytronic-Chef und CEO Dr. Robert Wünsche Systemkompetenz, Erfahrung und Marktwissen ein. Wünsche bezeichnete die Aufnahme in den Konzern als den bedeutendsten beziehungsweise wichtigsten Schritt in der bisherigen Geschichte des jungen Unternehmens.

Neosat entstand 2018 an der Universität der Bundeswehr München und unterhält eine Niederlassung in Dresden. Das Unternehmen entwickelt Satellitensysteme mit mehreren Antennen, satellitengestützte IoT-Konnektivität und Kommunikationsnutzlasten. Hinzu kommt die Vernetzung von Maschinen und Sensoren über Satellit.

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Damit bündelt Rohde & Schwarz zwei Bereiche: Hardwaredesign für Satellitennutzlasten und Bodeninfrastruktur auf der einen, Wellenformentwicklung für Luft- und Raumfahrtsysteme auf der anderen Seite. Die Unternehmen wollen ihre Technologien schneller in integrierte SATCOM-Lösungen überführen. Neosat-Geschäftsführer Kai-Uwe Storek erwartet dabei Unterstützung durch das Ingenieurwissen, das Technologieportfolio und die Fertigungsmöglichkeiten des neuen Mutterkonzerns – fertige Systeme könnten so schneller entstehen.

Mehr Technik aus Dresden

Rohde & Schwarz will mit der Übernahme den Standort Dresden stärken. Der Familienkonzern mit Sitz in München ist dort schon länger aktiv. Nahe dem Postplatz betreibt er einen Entwicklungsstandort, der aus der TU-Ausgründung Airrays hervorging. Airrays wurde 2019 von Xilinx übernommen; Xilinx gehört später zu AMD. Rohde & Schwarz übernahm das Dresdner Team 2023. Seitdem stieg die Zahl der Beschäftigten von 40 auf rund 90. Entwickelt werden dort unter anderem Funklösungen für Behörden und das Militär.

Ebenfalls in Dresden ansässig ist Inradios, eine auf Satellitenkommunikation spezialisierte Tochtergesellschaft von Rohde & Schwarz. Gemeinsam mit Inradios sollen sich zusätzliche Synergien ergeben, weil sich die Kompetenzen ergänzen. Nach Angaben des Konzerns stärken die gebündelten Bereiche die Kommunikation im Weltraum, die eigene Wertschöpfungstiefe, die Wettbewerbsfähigkeit und die Wachstumsperspektiven im SATCOM-Markt.

Rohde-&-Schwarz-Manager Thomas Bohne, Vice President Space, nennt sichere Satellitenkommunikation eine kritische beziehungsweise wichtige Fähigkeit für die Bundeswehr, zivile Sicherheitsbehörden und Betreiber kritischer Infrastrukturen. Eigene Technologien in diesem Bereich sollen die Abhängigkeit von Anbietern aus anderen Staaten verringern. Es geht also auch um technologische Souveränität – ein Begriff, der in Forschung und Politik derzeit ziemlich viel Gewicht trägt.

Der Konzern beschäftigt weltweit mehr als 15.000 Menschen. Im Geschäftsjahr 2024/25 erzielte Rohde & Schwarz einen Umsatz von 3,16 Milliarden Euro. Zum Kaufpreis machte das Unternehmen keine Angaben.

Der größere europäische Rahmen

Wie wichtig solche Systeme werden, zeigt ein Vorhaben, das am 16. Juni 2026 in Köln einen symbolischen Spatenstich bekam: Am dortigen DLR-Standort entsteht ein GOVSATCOM-Hub. Er soll ein zentraler europäischer Knotenpunkt für sichere, robuste und kosteneffiziente Satellitenkommunikation werden und sensible Kommunikationsdienste für Behörden, Einsatzkräfte und behördliche Hilfsorganisationen bündeln.

Die Dienste sollen auch bei Naturkatastrophen, in Krisengebieten, bei der Überwachung von See- und Landesgrenzen, bei Einsätzen außerhalb Europas und für diplomatische Einrichtungen verfügbar bleiben – gerade dann, wenn herkömmliche Kommunikationswege ausfallen, gestört oder überlastet sind. Der Kölner Hub wird einer von zwei zentralen EU-Knotenpunkten für staatliche und kommerzielle Satellitenkommunikation.

Im Gebäude sollen Anbieter und Nutzer von Satellitenkommunikationsdiensten für behördliche und sensible Anwendungen koordiniert werden. Dieses „Pooling und Sharing“ verbindet hoheitliche Nutzer mit vorhandenen Satellitenressourcen und organisiert die sichere Bereitstellung der Kommunikationsdienste. Zuständig für den Betrieb des GOVSATCOM-Hubs ist die EUSPA.

Der Hub ist Teil der europäischen Programme GOVSATCOM für staatliche Satellitenkommunikation und IRIS² – „Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite“. Parallel entwickelt die EU für IRIS² eine Satellitenkonstellation mit mehreren hundert Satelliten. Sie soll leistungsfähige und sichere Kommunikation auch in Gebieten ohne terrestrische Netzabdeckung ermöglichen; künftig sollen diese Dienste ebenfalls über Köln bereitgestellt werden.

Das Bauprojekt basiert auf einer Vereinbarung zwischen dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt und dem Land Nordrhein-Westfalen. Nordrhein-Westfalen unterstützt es mit bis zu 50 Millionen Euro. Am Spatenstich nahmen unter anderem Vertreterinnen und Vertreter der EU, der EUSPA, des Bundes, des Landes Nordrhein-Westfalen, der Stadt Köln, des DLR und der DLR GfR mbH teil.

Für Deutschland und Europa soll der Hub den Zugang zu souveräner und widerstandsfähiger Satellitenkommunikation stärken und zugleich den Raumfahrtstandort Köln beziehungsweise Nordrhein-Westfalen weiterentwickeln. In Dresden sitzen nun mit Phytronic und Neosat zwei weitere Spezialisten mitten in diesem wachsenden Feld – mit eigenen Chips, Antennen, Wellenformen und der Aussicht, dass aus einzelnen Bausteinen schneller komplette Systeme werden.