Eichmann und kein Ende: Wie der NS-Verbrecher entkam und vor Gericht gestellt wurde
Wie konnte ein Mensch, der Millionen Deportationen organisierte, nach dem Krieg jahrelang unter falschem Namen leben? Und was geschieht, wenn ein Gericht versucht, ein Verbrechen von kaum vorstellbarem Ausmaß in einzelne Verantwortlichkeiten zu zerlegen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Ausstellung „Eichmann und kein Ende“ der TU Dortmund. Sie ordnet den Eichmann-Prozess in die Geschichte der Verfahren zur Ahndung nationalsozialistischer Verbrechen und von Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.
Adolf Eichmann war SS-Obersturmbannführer und leitete im Reichssicherheitshauptamt das Referat IV B 4 („Judenangelegenheiten, Räumungsangelegenheiten“). Er organisierte die Deportation von Millionen Jüdinnen und Juden in nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager und war damit an ihrer Ausbeutung und Ermordung beteiligt. Die Ausstellung verfolgt, wie Recht und Institutionen auf solche Verbrechen reagierten – von den Nürnberger Prozessen über den Eichmann-Prozess und die Auschwitz-Prozesse bis zu den letzten Holocaust-Prozessen in Deutschland und zur Entwicklung des Internationalen Strafgerichtshofs.
Vom Schulabbrecher zum Organisator der Deportationen
Geboren wurde Eichmann in Solingen als ältester Sohn des Buchhalters Karl Adolf Eichmann und Maria Eichmann. 1914 zog die Familie nach Linz, wo sein Vater kaufmännischer Direktor einer Elektrizitäts- und Straßenbahngesellschaft wurde. Adolf Eichmann verließ das Bundesrealgymnasium Linz ohne Abschluss; seine Geschwister beendeten die Schule erfolgreich. Deutscher Staatsbürger blieb er, weil sein Vater die österreichische Staatsbürgerschaft erst nach Eichmanns Volljährigkeit erhielt. Während der Schulzeit lernte er Ernst Kaltenbrunner kennen, der später sein Vorgesetzter wurde.
1921 begann Eichmann eine Mechanikerausbildung, brach sie ebenfalls ohne Abschluss ab und arbeitete danach als Bergbauarbeiter, Verkäufer und bis 1933 als Vertreter der Vacuum Oil Company. 1927 trat er der Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreichs bei. Am 1. April 1932 folgten die österreichische NSDAP und im selben Monat die SS. Nach dem Verbot von NSDAP und SS in Österreich ging er 1933 nach Bayern. Als Mitglied der Österreichischen Legion absolvierte er eine 14-monatige paramilitärische SS-Ausbildung.
Im Oktober 1934 meldete sich Eichmann freiwillig zum Sicherheitsdienst der SS in Berlin. Zunächst arbeitete er an einer Freimaurerkartei, ab Juni 1935 in der Abteilung „Juden“, wo er das Referat „Zionisten“ leitete. Eng mit der Gestapo verbunden, trieb er die erzwungene Auswanderung jüdischer Menschen aus Deutschland voran. In einer wahrscheinlich von ihm verfassten Denkschrift von 1937 bezeichnete er das Judentum als dauerhaften Feind des Nationalsozialismus, forderte wirtschaftliche Ausgrenzung, systematische „Arisierung“ und die Förderung jüdischer Auswanderung – und befürwortete gewaltsame Ausschreitungen gegen Juden.
1937 reiste Eichmann mit Herbert Hagen nach Palästina, wurde aber nach wenigen Tagen von der britischen Mandatspolizei nach Ägypten abgeschoben. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 wurde er zum SD-Führer im SS-Oberabschnitt Donau versetzt. Während der Novemberpogrome 1938 kommandierte er nach den vorliegenden Angaben Zerstörungseinheiten. Zusammen mit Alois Brunner baute er in Wien die Zentralstelle für jüdische Auswanderung auf. In etwa 18 Monaten wurden aus Wien rund 150.000 Juden vertrieben. 1939 folgte der Auftrag, eine entsprechende Behörde in Prag aufzubauen.
Ende 1939 oder Anfang 1940 wurde Eichmann Leiter der Reichszentrale für jüdische Auswanderung in Berlin und des Referats IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt. Pläne zur Deportation von Juden nach Madagaskar und Nisko scheiterten. Mit dem Kriegsbeginn und der abnehmenden Aufnahmebereitschaft anderer Staaten ließ sich die Wiener Auswanderungspolitik nicht fortsetzen.
Im Juli 1941 wurde Eichmanns Referat umstrukturiert und nach dem Auswanderungsverbot für Juden dem Referat IV B 4 zugeordnet. Als Referatsleiter plante er Transporte, koordinierte Dienststellen und sorgte für die Zusammenstellung und Auslastung der Züge. Sie führten in Polizeilager, Ghettos und überwiegend in Konzentrations- und Vernichtungslager. Eichmann war dadurch direkt an Enteignung, Deportation und Ermordung von etwa sechs Millionen Juden beteiligt.
Nach den vorliegenden Aufzeichnungen besuchte er eine Massenerschießung in Minsk sowie die Vernichtungsstätten Bełżec, Chełmno und Auschwitz. In Auschwitz ließ er sich von Rudolf Höß über die Tötung mit Blausäure informieren. Für die Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 verfasste Eichmann die Redevorlagen für Reinhard Heydrich und führte das Protokoll. Danach wurde sein Referat personell ausgebaut und mit weiteren Dienststellen im Ausland vernetzt. Nach der deutschen Besetzung Ungarns im März 1944 war das sogenannte Eichmann-Kommando maßgeblich an der Deportation ungarischer Juden in Vernichtungslager beteiligt. Im Auftrag Heinrich Himmlers verhandelte Eichmann zugleich mit dem jüdischen Hilfskomitee in Budapest über den Freikauf einzelner Gefangener. Adolf Hitler begegnete er nach den vorliegenden Angaben nie persönlich.
Seit Ende der 1930er-Jahre kursierten Gerüchte, Eichmann beherrsche Hebräisch und Jiddisch und kenne die jüdische Kultur. Manche behaupteten sogar, er sei in der Nähe von Tel Aviv geboren und könne sich unerkannt unter Juden bewegen. Die Gerüchte erschienen auch in deutsch-jüdischen Exilzeitungen und hielten sich nach dem Krieg. Tatsächlich sprach Eichmann weder Hebräisch noch Jiddisch und hatte keine Verbindung zur Siedlung Sarona. Er verfügte lediglich über einige selbst erlernte hebräische Sprachkenntnisse und einzelne Sprachfragmente. Historiker vermuten, dass Eichmann oder sein Mitarbeiter Dieter Wisliceny die Geschichten gezielt verbreiteten: Sie sollten jüdische Gemeinden einschüchtern und ihre Ausreisewilligkeit steigern, zugleich aber Eichmann bei deutschen Behörden als Fachmann für jüdische Angelegenheiten erscheinen lassen.
Flucht, Argentinien und die Entführung
1935 heiratete Eichmann Vera Liebl; das Paar hatte vier Söhne. Sein Bruder Helmut fiel 1942 als Wehrmachtssoldat an der Ostfront. Im Frühjahr 1945 trennte sich Eichmann in Altaussee von seiner Familie und seinen verbliebenen Mitarbeitern. Unter dem Namen Adolf Barth und mit dem angeblichen Rang eines Luftwaffen-Obergefreiten geriet er in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Wegen seiner SS-Blutgruppentätowierung gab er sich als SS-Untersturmführer Otto Eckmann aus. Nachdem er seine Identität Mitgefangenen offenbart hatte, erhielt er ein Empfehlungsschreiben für ein Untertauchen in der Lüneburger Heide.
Im Februar 1946 floh Eichmann aus dem Lager und gelangte über Hamburg nach Altensalzkoth. Mit gefälschten Papieren trat er als Kaufmann Otto Heninger auf, arbeitete als Holzfäller und Waldarbeiter und lebte ab 1948 von Gelegenheitsarbeiten sowie dem Verkauf von Eiern und Geflügel. Über den Pfarrer Johann Corradini gelangte er nach Südtirol und wurde in einem Franziskanerkloster in Bozen untergebracht.
1950 setzte er sich mit Unterstützung deutsch-katholischer Netzwerke über Italien nach Argentinien ab. Mit einem Flüchtlingspass des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz reiste er unter dem Namen „Ricardo Klement“. Später holte er seine Familie nach. 1955 wurde sein Sohn Ricardo geboren. Eichmann arbeitete schließlich als Elektriker im Daimler-Benz-Lkw-Werk in González Catán. Zehn Jahre lang lebte er mit seiner Familie unter diesem Namen.
Hinweise auf seinen Aufenthaltsort kamen aus mehreren Richtungen. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer erhielt 1957 von Lothar Hermann, einem KZ-Überlebenden in Buenos Aires, Informationen. Hermanns Tochter hatte Eichmanns ältesten Sohn kennengelernt und dessen antisemitische Äußerungen bemerkt. Bauer informierte Israel, weil er befürchtete, ein deutsches Auslieferungsersuchen könnte Eichmann warnen. Ein erster Mossad-Agent hielt dessen einfache Wohnung für zu ärmlich für einen hochrangigen Nationalsozialisten. Hermann wandte sich deshalb erneut an israelische Behörden.
2021 wurde bekannt, dass der deutsche Geologe und Histor
