Wer entscheidet, was wir wissen? KI, Influencer und die Macht der Quellenwahl
Am 9.10.2026 geht es an der TU Dortmund um eine Frage, die längst nicht mehr nur in Redaktionen herumspukt: Wer entscheidet eigentlich, was wir wissen – Menschen, Plattformen oder Maschinen? Zwischen KI-generierten Antworten, politischen Kurzvideos und internationalen Medienkooperationen wird die Sache schnell unübersichtlich.
Medienforscherin Christina Elmer hält von der Vorstellung, künstliche Intelligenz werde Journalistinnen und Journalisten bald komplett ersetzen, wenig. KI könne vor allem Routineaufgaben übernehmen, etwa beim Layout oder bei der Erstellung modularer Formate. Redaktionelle Arbeit brauche aber weiterhin Menschen, die unabhängig recherchieren, Inhalte einordnen und auf Augenhöhe mit Protagonisten und Publikum arbeiten.
Zwischen Redaktion und Algorithmus
Wie KI heute schon in Redaktionen eingesetzt wird und wovor Medienschaffende Angst haben, untersuchten „Correctiv“ und „journalist“ in einer gemeinsamen Umfrage. Befragt wurden 128 Medienschaffende in Deutschland zu ihrem Redaktionsalltag und zum Umgang mit künstlicher Intelligenz.
Parallel dazu veröffentlichte die Landesanstalt für Medien NRW die Studie „Emotionalisiert, zugespitzt, meinungsstark: Political Influencer zwischen Journalismus und Algorithmus“. Im Mittelpunkt stand politische Kommunikation auf Instagram und TikTok im Umfeld der Bundestagswahl 2025. Die Forschenden analysierten 1.000 Beiträge von 98 reichweitenstarken Accounts.
Als Political Influencer definiert die Studie Content Creator, die regelmäßig politisch relevante Inhalte veröffentlichen. Offizielle Accounts von Parteien und Politikern wurden ebenso ausgeschlossen wie Journalisten und Influencer, die für Medienhäuser tätig sind. Gerade für junge Menschen werden Instagram und TikTok laut Studie immer wichtiger, wenn es um politische Meinungsbildung geht.
Die Beiträge greifen häufig Themen der Medienagenda auf, erzählen sie aber emotionaler und wertender. Mit klassischen journalistischen Standards haben sie nur begrenzt zu tun. In 59 Prozent der untersuchten Beiträge waren Information und Meinung nicht eindeutig getrennt: 35 Prozent vermischten beides deutlich, bei weiteren 24 Prozent war die Vermischung teilweise erkennbar.
Ein klares Feindbild tauchte in 28 Prozent der Beiträge auf. In 68 Prozent dieser Fälle richtete es sich gegen Institutionen oder politische Akteure, etwa Parteien oder einzelne Politiker. Solche Darstellungen vereinfachen politische Konflikte, werten Gegner ab und laden Debatten moralisch auf. Der Eindruck kann entstehen, demokratische Parteien und Institutionen seien grundsätzlich dysfunktional.
Das macht die Einordnung schwierig: Political Influencer sind laut Artikel weder eindeutig journalistische Akteure noch betreiben sie politische Werbung. Manche erreichen trotzdem Hunderttausende Nutzer. Eine Regulierung über journalistische Sorgfaltspflichten greift bislang nur unter bestimmten Bedingungen. Wer Standards einhält, riskiert Reichweite; wer sie missachtet, kann rechtliche Sanktionen auslösen. Die Studie fordert deshalb weitere Beobachtung und neue Regulierungsansätze, die auch nichtjournalistische politische Inhalte systematisch erfassen und sichtbar machen. Ein Factsheet und die vollständige Studie werden als weiterführende Materialien angeboten.
Wer Quellen auswählt, prägt Wissen
Die Frage verschiebt sich, sobald Nutzerinnen und Nutzer nicht mehr selbst durch Artikel klicken, sondern eine KI nach den Nachrichten fragen. Eine Studie der Agora Digitale Transformation untersuchte, aus welchen Quellen KI-Systeme bei der Nachrichtensuche schöpfen. Analysiert wurden sechs führende KI-Systeme, 675 Nachrichtenanfragen an fünf aufeinanderfolgenden Werktagen und insgesamt 4.811 Quellenverweise. Ausgewertet wurden 544 zitierte Domains.
Das Ergebnis: Die Systeme greifen auf einen engen Quellenpool zurück. 46 Prozent der Domains wurden nur einmal zitiert. Die bestehenden Ungleichgewichte bei der digitalen Aufmerksamkeit werden laut Studie dadurch nicht kleiner, sondern reproduziert und verstärkt.
Bei ChatGPT entfielen 34 Prozent der Quellenverweise auf „welt.de“. Die Studie führt diese Konzentration auf die Kooperation zwischen OpenAI und Axel Springer zurück. Für Nutzerinnen und Nutzer sei oft nicht erkennbar, dass solche Kooperationen die Quellenbasis beeinflussen.
Auch die politische Ausrichtung hängt vom System und vom Thema ab. Gemini wirke insgesamt politisch ausgewogen. Beim Thema Klima stammten dort allerdings 45 Prozent der journalistischen Quellen aus dem konservativen Spektrum. Bei ChatGPT kamen 53 Prozent der journalistischen Quellen aus diesem Spektrum; als ein Faktor wird der hohe Anteil von „welt.de“ genannt.
Bei kontroversen Fragen sinkt der Anteil journalistischer Quellen ohnehin: In der Innenpolitik lag er bei 69 Prozent, beim Klima bei 44 Prozent. Claude verwies im Untersuchungszeitraum siebenmal auf das Pravda-Netzwerk, das im Artikel als russisches Desinformationsnetzwerk bezeichnet wird. Gekennzeichnet wurden diese Verweise laut Studie nicht; sie standen neben journalistischen Quellen.
Die fertige Antwort steht auf dem Bildschirm, die Originalquelle bleibt häufig unangetastet. Nutzerinnen und Nutzer rufen sie selten auf. Die wenigen von KI-Systemen weitergeleiteten Besuche konzentrieren sich auf einige wenige Leitmedien. Für Verlage entsteht ein wirtschaftliches Dilemma: Ohne Zitate verlieren sie Sichtbarkeit, bei Zitaten ohne anschließende Besuche auf ihren Seiten aber potenzielle Einnahmen und Reichweite.
Die europäische KI-Verordnung regelt laut Studie die Dokumentation von Trainingsdaten, nicht die Quellenauswahl im laufenden Betrieb. Gefordert werden deshalb transparente Kriterien für die Auswahl während der Nutzung sowie sichtbare Hinweise auf Kooperationen zwischen KI-Anbietern und Medienhäusern.
Propaganda im Reisevideo, Recherche im geschlossenen Milieu
Wie leicht politische Einflussnahme in scheinbar harmlose Formate rutschen kann, zeigt eine Recherche von „Greece Fact Check“. Demnach baut die Kommunistische Partei Chinas in Griechenland ein verdecktes Influencerinnen-Netzwerk auf. Lifestyle-, Reise- und Food-Videos auf Griechisch würden mit politischer Einflussnahme und verdeckter Auslandspropaganda verbunden.
Reporter ohne Grenzen fordert die griechischen Behörden auf, die Finanzströme zwischen den Influencerinnen und chinesischen Propagandanetzwerken zu untersuchen. Ein Tellergericht, ein Reisetipp, ein freundlicher Clip – und irgendwo dahinter möglicherweise ein Netzwerk. Ganz schön schwer, das im Vorbeiscrollen zu erkennen.
Bei einem Online-Fachgespräch ging es außerdem um Recherchen im Übergangsbereich von Esoterik und Rechtsextremismus. Empfohlen wurden Kenntnisse über szenetypische Codes, der Kontakt zu Mobilen Beratungsstellen sowie strukturierte OSINT- und Organigramm-Analysen.
Für den Eigenschutz helfen laut den vorgestellten Strategien Gefahrenanalysen, Notfallketten bei Vor-Ort-Terminen und Auskunftssperren im Melderegister. Gerade bei Recherchen in geschlossenen Milieus ist das keine Nebensache, sondern kann darüber entscheiden, ob ein Termin überhaupt vertretbar ist.
Wenn Zeitungen einander immer ähnlicher werden
Auch innerhalb klassischer Medien verändert sich die Vielfalt. Seit dem 1. Oktober erhalten rund 30 ehemals eigenständige Zeitungstitel nahezu identische Mantelinhalte der „Südwest Presse“. Kritisiert wird dabei besonders die Übernahme und redaktionelle Angleichung der „Stuttgarter Zeitung“ durch die Ulmer Neue Pressegesellschaft.
Als Folgen nennt der Artikel einen harten Sparkurs, umfangreichen Stellenabbau und einen Qualitätsverlust. Wenn dieselben Texte an vielen Orten erscheinen, klingt die Region irgendwann wie ein einziger großer Redaktionsraum – nur mit unterschiedlichen Briefkästen.
Zur globalen Wissenschaftskommunikation untersucht Susanne Fengler, wer bei internationalen Forschungskooperationen Themen, Publikationssprachen und theoretische Ansätze bestimmt. Im Blick steht auch die oft unsichtbare Arbeit des Übersetzens, Koordinierens und Vermittelns. Wer am Ende sichtbar publiziert, ist eben nicht automatisch die Person, die am meisten Fäden zusammengehalten hat.
Was Serien im Kopf hinterlassen
Ein Vorfall auf einem Flydubai-Flug liefert schließlich einen etwas unerwarteten Zugang zum Wissen. Ein Passagier soll mithilfe von Kenntnissen aus der TV-Reihe „Mayday – Alarm im Cockpit“ einen Absturz verhindert haben. Mehrere „taz“-Autorinnen und -Autoren nehmen diesen Fall zum Anlass, über den praktischen Nutzen von Popkultur nachzudenken.
Serien und Hörspiele können demnach unerwartetes Alltagswissen vermitteln – und prägende Grundeinstellungen gleich mit. Manchmal bleibt aus einer Folge eben nicht nur Spannung hängen, sondern eine Handlungsoption für den Moment, in dem es plötzlich ernst wird.
