Am Donnerstag, 8. Oktober 2026, wird Dresden anlässlich des Gedenktags der Friedlichen Revolution zwei Musiker ehren, die auf sehr unterschiedliche Weise Haltung zeigen: den Liedermacher Wolf Biermann und den Rapper Juse Ju. Im Mittelpunkt steht Musik als Ausdruck von Haltung – nicht als Dekoration, sondern als etwas, das sich einmischt, widerspricht und manchmal auch wehtut.

Die Veranstaltung wird von der AG „Friedliche Revolution“, dem Evangelisch-Lutherischen Kirchenbezirk Dresden Mitte und der Stadt Dresden organisiert. Der Auftakt ist um 17 Uhr mit einem Friedensgebet in der Kreuzkirche. Die Predigt hält Pfarrerin Annegret Fischer, beteiligt sind Schülerinnen und Schüler des Hülße-Gymnasiums. Für Musik sorgen Kreuzorganist Holger Gehring und Christoph Mueller von der Evangelischen Hochschule.

Um 18 Uhr folgt die Ehrung an den „Steinen des Anstoßes“ vor der Kreuzkirche. Biermann wird für seine Bedeutung als Liedermacher ausgezeichnet. Seine Lieder wurden in der DDR heimlich abgeschrieben und weitergegeben – von Hand zu Hand, oft unter dem Risiko, dass daraus mehr als bloß Ärger entstehen konnte. Biermann selbst nimmt per Videobotschaft an der Ehrung teil.

„Du, lass dich nicht verhärten“

Das Motto des Gedenktags stammt aus Biermanns Lied „Ermutigung“: „Du, lass dich nicht verhärten“. Juse Bönninger von der AG „Friedliche Revolution“ verbindet diese Zeile mit dem Erhalt von Empathie, Freiheit und der Fähigkeit zum Widerspruch. Gerade in einer Zeit, in der Debatten schnell laut und hart werden, ist das kein kleiner Anspruch.

Juse Ju steht für eine jüngere Generation. Nach einer Laudatio der Dramaturgin Johanna Jäger spricht er über Freiheit, Demokratie und Widerspruch. Danach tritt er auf. In seinem Song „Das Ende des Zynismus“ setzte sich Juse Ju 2025 mit Biermann und dessen Lied „Ermutigung“ auseinander. DDR-Liedermacher und Deutschrap, Kreuzkirche und Konzert – das klingt zunächst nach einer eher ungewöhnlichen Mischung. Genau daraus entsteht der Reiz des Abends.

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Vom Hamburger Jungen zum unbequemen Liedermacher

Wolf Biermann, geboren am 15. November 1936 in Hamburg, ist Liedermacher und Lyriker. Sein Gedicht und Lied „Ermutigung“ wurde als „heimliche Nationalhymne der DDR“ bezeichnet und in kirchliche Gesangbücher aufgenommen. 1953 siedelte Biermann als kommunistischer Jugendlicher in die DDR über. Dort entwickelte er sich zum Kritiker der SED und des DDR-Systems; 1965 wurde gegen ihn ein umfassendes Auftritts- und Publikationsverbot verhängt.

Seine Kindheit war von Verfolgung und Krieg geprägt. Sein Vater Dagobert war Jude, KPD-Mitglied und Arbeiter bei Blohm + Voss. Er kämpfte gegen den Nationalsozialismus und wurde im Februar 1943 im KZ Auschwitz ermordet. Im Juli 1943 zerstörte ein Luftangriff das Wohnhaus der Familie in Hamburg-Hammerbrook. Wolf Biermann und seine Mutter überlebten durch einen Sprung in den Nordkanal. Danach lebte die Familie mit der Großmutter und einem Cousin in Hamburg-Langenhorn. Mehr als 30 Familienmitglieder wurden im Zweiten Weltkrieg getötet.

Biermann besuchte die Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg und war dort Klassenkamerad von Klaus-Michael Kühne. 1948 trat er der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken bei. 1950 nahm er in Ost-Berlin am Deutschlandtreffen der Jugend teil und sprach als Sprecher westdeutscher Thälmann-Pioniere ein Einheitsgelöbnis. Im Mai 1953 zog der damals 16-Jährige in die DDR.

Er lebte in einem Schulinternat in Gadebusch bei Schwerin, besuchte dort die Oberschule und wurde Mitglied der FDJ. Nach eigenen Angaben versuchte das Ministerium für Staatssicherheit 1953, ihn als Geheimen Informator anzuwerben. Biermann verweigerte dies. 1955 legte er das Abitur ab und begann an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin ein Studium der Politischen Ökonomie, das er nach zwei Jahren abbrach.

Ab 1957 arbeitete Biermann als Regieassistent am Berliner Ensemble unter Helene Weigel. 1959 begann er ein Philosophie- und Mathematikstudium an der Humboldt-Universität. Ein Jahr später lernte er Hanns Eisler kennen, der ihn förderte und musikalisch prägte. Biermann begann, eigene Gedichte und Lieder zu schreiben.

1961 wurde er SED-Kandidat und gründete mit anderen Künstlern das Berliner Arbeiter- und Studententheater, kurz b.a.t. Ab spätestens 1962 trat er bei kleineren Veranstaltungen auf; im selben Jahr erschienen erste Gedichte in einer Anthologie. Beim Lyrikabend der Akademie der Künste am 11. Dezember 1962 erhielt Biermann den stärksten Beifall.

Sein Stück „Berliner Brautgang“ über den Bau der Berliner Mauer wurde 1963 vor der geplanten Aufführung verboten, das Theater geschlossen. Biermann erhielt ein halbjähriges Auftrittsverbot. Trotz bestandener Abschlussprüfung wurde ihm das Diplom für das Philosophiestudium zunächst nicht ausgehändigt. Nach Ablauf seiner SED-Kandidatenzeit wurde er nicht in die Partei aufgenommen.

1964 durfte er wieder öffentlich auftreten und hatte seinen ersten Gastspielauftritt in der Bundesrepublik. Im April 1965 sang er in einem Kabarettprogramm von Wolfgang Neuss in Frankfurt am Main; die Aufnahmen wurden auf einer Langspielplatte veröffentlicht. Im selben Jahr erschien sein erster Gedichtband „Die Drahtharfe“ im West-Berliner Verlag Klaus Wagenbach. Das Buch kritisierte die DDR-Führung und die politischen Verhältnisse offen und polemisch und wurde zu einem der erfolgreichsten Lyrikbände der deutschen Nachkriegsliteratur.

Nach der Veröffentlichung begann in DDR-Zeitungen und -Zeitschriften eine wochenlange Kampagne gegen Biermann. Auf dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees Ende 1965 wurde ein vollständiges Auftritts- und Publikationsverbot gegen ihn verhängt. Gleichzeitig gingen die Behörden gegen mehrere andere Schriftsteller sowie gegen Robert Havemann vor. Das MfS eröffnete gegen Biermann den Operativen Vorgang „Lyrik“ und entwickelte einen 20-Punkte-Plan zu seiner „Zersetzung“. In den folgenden Jahren wurde er weitgehend isoliert.

Trotz des Verbots trat er 1967 und möglicherweise 1969 bei Veranstaltungen in Weimar auf. Biermann unterstützte die Forderungen des Prager Frühlings nach Veränderung, Demokratisierung und Entstalinisierung. Gleichzeitig kritisierte er weiterhin sowohl die SED-Diktatur als auch die kapitalistischen Verhältnisse der Bundesrepublik.

Seine Lieder und Gedichte erschienen unter anderem im Sammelband „Mit Marx- und Engelszungen“, der auch „Ermutigung“ enthält. 1968 kam seine erste eigene Langspielplatte „Chausseestraße 131“ heraus. Sie wurde in seiner Wohnung mit westlicher Aufnahmetechnik produziert und im Westen veröffentlicht. 1969 erhielt Biermann dafür den Fontane-Preis der Stadt Berlin (West). Das Preisgeld von 10.000 DM übergab er politischen Verfolgten, die der Anwalt Horst Mahler vertrat.

In der DDR wurden zahlreiche Kopien seiner Lieder und Texte verbreitet; das konnte strafrechtliche Folgen haben. 1971 wurde ihm eine Reise zu einer Aufführung seines Stücks „Der Dra-Dra“ in Göteborg angeboten. DDR-Behörden planten, ihm danach die Wiedereinreise zu verweigern und die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Biermann trat die Reise nicht an.

1973 durfte er seine kranke Großmutter in Hamburg besuchen und nahm dort seine erste Schallplatte in einem westdeutschen Tonstudio auf. Im selben Jahr reiste er mit einer offiziellen Reisegruppe nach Moskau; auch dort wurde er vom MfS überwacht. 1974 wurde ihm die Reise zur Verleihung des Jacques-Offenbach-Preises in Köln verweigert. Das Angebot, dafür auf die DDR-Staatsbürgerschaft zu verzichten, lehnte er ab.

Das Konzert, das die Ausbürgerung auslöste

Am 11. September 1976 trat Biermann beim Uckermärkischen Kirchentag in der Nikolaikirche in Prenzlau auf. Die Staatssicherheit fertigte darüber Protokolle an. In einem anschließenden Rundfunkinterview erklärte Biermann, in der DDR bleiben zu wollen. Wenige Wochen später befand er sich auf Einladung der IG Metall auf Konzertreise in der Bundesrepublik.

Das erste Konzert fand am 13. November 197