Putins Krieg und die imperiale Tradition Russlands
Heute, am 22.10.2026, wirkt der Krieg gegen die Ukraine auch in Dresden nicht weit weg. An der TU Dresden, wo Geschichte, Politik und Technik täglich nebeneinanderstehen, stellt sich eine unbequeme Frage: Warum setzt Russland den Angriff fort, obwohl die eigenen Verluste enorm sind?
Der Historiker Martin Schulze Wessel spricht von etwa 35.000 Toten und Schwerverletzten, die Russland derzeit pro Monat verliert. Trotzdem geht der Krieg weiter. Putins Motivation lasse sich dabei nicht allein mit persönlichem Machtwillen erklären, sagt Schulze Wessel. Dahinter stehe auch Russlands jahrhundertelange Geschichte als expandierendes Imperium.
Ein Imperium als politisches Vorbild
Russische Herrscher, die große Gebiete eroberten, werden in Russland bis heute verehrt. Putin strebe offenbar danach, eine ähnlich bedeutende historische Rolle wie frühere Zaren einzunehmen und Russland wieder zu einer Großmacht zu machen. Als mögliche Vorbilder gelten Peter der Große und Katharina die Große, die das russische Staatsgebiet stark erweiterten. Auch Iwan der Schreckliche und Josef Stalin gehören zu jener imperialen Traditionslinie, in die Putin sich stellt.
Die neoimperialistische Politik unter Wladimir Putin knüpft laut Bundeszentrale für politische Bildung an Traditionen des Zarenreichs und teilweise an die Stalinzeit an. Ihre Wurzeln reichen weit zurück: Die „Sammlung russischer Erde“ begann im 15. Jahrhundert mit der Eingliederung benachbarter Fürstentümer unter Iwan III. Fehlende natürliche Grenzen und die dünne Besiedlung vieler östlicher Gebiete erleichterten die Expansion. Nach dem Beginn der Eroberung Sibiriens unter Iwan IV. erreichten russische Truppen 1649 den Pazifik.
In alle Himmelsrichtungen kamen weitere Eroberungen hinzu. Zahlreiche ethnisch, religiös und kulturell unterschiedliche Völker gerieten unter russische Herrschaft. Rechtfertigt wurde das mit der angeblichen Überlegenheit russischer Sprache und Kultur sowie mit dem Anspruch, nach dem Untergang Ostroms das Zentrum des byzantinisch-orthodoxen Erbes zu sein. Moskau galt als „Drittes Rom“. Im Inneren entstand ein autokratisches und absolutistisches Herrschaftssystem.
Rekrutierungen und steigende Steuern finanzierten die Expansion und belasteten vor allem Dörfer und Bauern. Die bis ins 19. Jahrhundert bestehende Leibeigenschaft und die wirtschaftliche Schwäche des Staates verstärkten den Eroberungsdruck. Staatsdiener wurden häufig mit neu erobertem Land entlohnt; Bauern hofften auf eine Befreiung aus der Leibeigenschaft durch Militärdienst. Um 1895 erreichte das Zarenreich mit etwa 22,8 Millionen Quadratkilometern seine größte Ausdehnung – von Finnland bis Alaska und vom Nordpolarmeer bis nach Persien.
Viele Völker, viele Konflikte
Die zentralistische zaristische Herrschaft tolerierte ethnische, religiöse und kulturelle Vielfalt, solange lokale Eliten die Herrschaft des Zaren anerkannten. In heterogenen Regionen ohne gemeinsame Staatstradition setzte sich die russische Herrschaft häufig schneller durch, militärisch oder als vermeintliche Schutzmacht. Ukraine und Bessarabien waren über Jahrhunderte von wechselnden Herrschaften Russlands, Polens, der Habsburger und des Osmanischen Reiches geprägt.
Homogene Gesellschaften mit ausgeprägter gemeinsamer Identität leisteten länger Widerstand. Im Kaukasus kämpften unter anderem Dagestaner, Tschetschenen, Osseten und Tscherkessen gegen die russische Eroberung. Hochgebirge und die autonome Lebensweise in abgelegenen Dörfern halfen ihnen dabei. Erst nach der Niederlage der von Imam Schamil geführten Verbände 1859 gelang die Eroberung.
Im 19. Jahrhundert förderte der Nationalismus das Selbstbewusstsein der Völker im russischen Imperium und den Wunsch nach eigenen Staaten. Der Nationalstaat stellte ein Gegenmodell zu Imperien dar, in denen viele Völker politisch und wirtschaftlich abhängig waren. Die Zaren unterdrückten nationale Bewegungen im eigenen Reich, etwa bei Polen und Litauern. Gleichzeitig unterstützte Russland Nationalbewegungen von Griechen, Serben und Bulgaren gegen das Osmanische Reich – nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern um Gebiete zu gewinnen und die eigene Stellung am Schwarzen Meer sowie in Südosteuropa auszubauen.
Ab spätestens 1848 wurden Ethnonationalismus und Separatismus zu Problemen für das Imperium. Sie trugen zum Zerfall während der Revolutionen von 1917 bei. Die Bolschewiki proklamierten im November 1917 die Souveränität der Völker des ehemaligen Zarenreichs und ihr Recht auf eigene Staaten. Es entstanden unter anderem unabhängige Republiken in Moldau 1917, Georgien und Armenien 1918 sowie ukrainische Republiken.
Langfristig entsprach diese Unabhängigkeit allerdings nicht den Interessen der Bolschewiki. Sie wollten die Revolution auf ein möglichst großes Gebiet und schließlich weltweit ausdehnen. Den nicht-russischen Völkern wurde Selbstbestimmung innerhalb eines freiwilligen, föderalen sozialistischen Bundesstaats zugesagt. Während der Bürgerkriege wurden Unabhängigkeitsbestrebungen schrittweise beendet.
Nach dem georgisch-südossetischen Krieg von 1918 bis 1920 übernahmen die Bolschewiki in Georgien die Kontrolle und zwangen Georgien, Armenien und Aserbaidschan in die Transkaukasische Sowjetrepublik. Die Ukraine zerfiel nach Kämpfen mit Polen und der Roten Armee: Der Westen kam unter polnische, rumänische und tschechoslowakische Kontrolle; Zentrum, Osten und Süden wurden 1922 als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der Sowjetunion. Die damit verbundenen Opfer und Traumata prägen laut dem Artikel bis heute die kollektive Erinnerung der betroffenen Völker.
Von Stalin bis zum Zerfall der Sowjetunion
Der sowjetische Ethnoföderalismus sollte den Vielvölkerstaat stabilisieren und nationale Selbstbestimmung kontrollierbar machen. Zunächst wurden Sprache und Kultur nicht-russischer Völker gefördert, um lokale kommunistische Eliten auszubilden. Langfristig sollte ein einheitliches „Sowjetvolk“ entstehen. Von 125 offiziell anerkannten Völkern erhielten nur 53 den Status einer Titularnation in Sowjetrepubliken, autonomen Republiken oder Gebieten.
Förderung nicht-russischer Gruppen und Unterdrückung nationaler Forderungen wechselten sich in der Sowjetgeschichte ab. In den 1930er- und 1940er-Jahren verschärfte Stalin die Russifizierung. Bildung und Kultur wurden stärker russisch geprägt, Russen gezielt in die Peripherien entsandt; ihre Zahl außerhalb der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik verdoppelte sich innerhalb von zehn Jahren etwa. Es kam zu Umsiedlungen und ethnischen Säuberungen, darunter der Ermordung und Deportation der deutschen Minderheit auf Grundlage des NKWD-Befehls Nr. 00439 vom 25. Juli 1937.
Terror, Kriegswirtschaft und die Kontrolle durch die Kommunistische Partei machten die Sowjetunion zunehmend zu einem zentral gelenkten Bundesstaat. Stalin nutzte außenpolitische Gelegenheiten zur Gebietserweiterung. Im Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt wurden Westpolen, Estland, Lettland, Litauen sowie Gebiete Finnlands und Rumäniens besetzt. Während des Zweiten Weltkriegs dehnte die Sowjetunion ihren Einfluss auf nahezu ganz Mittelost- und Südosteuropa aus. Damit wurden auch geostrategische Ziele des zaristischen Russland verfolgt.
Mehrere Reformversuche nach Stalins Tod scheiterten oder verliefen im Sande. Michail Gorbatschows „Perestroika“ und „Glasnost“ ab Mitte der 1980er-Jahre legten die Spannungen des sowjetischen Gesellschafts- und Nationsvertrags offen. Mangels pluralistischer und zivilgesellschaftlicher Institutionen mobilisierten sich viele Konflikte vor allem entlang ethnonationalistischer Ideologien.
Nach der Auflösung der KPdSU beriefen sich Unabhängigkeitsbewegungen auf das sowjetische Verfassungsrecht auf Abspaltung. Der Zerfall der Sowjetunion 1991 führte zur Entstehung von 15 neuen Staaten. Nur die Unionsrepubliken hatten ein verfassungsmäßiges Recht auf Eigenstaatlichkeit; autonome Republiken und Gebiete besaßen dieses Recht nicht. Rund 17 Millionen Russen lebten nach 1991 als Minderheit außerhalb Russlands.
Autonomie- und Sezessionsforderungen führten in mehreren neuen Staaten zu bewaffneten Konflikten. In Transnistrien wandten sich überwiegend Russen und Ukrainer gegen die Abschaffung des Russischen als Amtssprache und gegen eine mögliche
