MOVE Prosthetics: TUM-Studierende entwickeln erschwingliche myoelektrische Prothesen
Am 3.11.2026 war auf dem TUM-Campus in München einiges los: Bei der TUM Student Club Fair drängten sich Studierende zwischen Ständen, Projektmodellen und Gesprächen über die nächste große Idee. Raketen standen neben Formel-1-Autos, Drohnen neben Flugzeugen. Man konnte sich schon fragen, wie all das neben Studium, Nebenjob oder familiären Verpflichtungen überhaupt in einen Kalender passt.
Neue Student Clubs waren ein Highlight der diesjährigen Messe. Einige waren erst wenige Monate zuvor gegründet worden und präsentierten bereits eigene Projekte. Einer davon ist MOVE Prosthetics. Die studentische Initiative der Technischen Universität München entstand im vergangenen Semester und entwickelt myoelektrische Systeme für kostengünstigere Prothesen. Auf der Messe zeigte das Team den Machbarkeitsnachweis seines ersten Prototyps und suchte weitere Mitglieder aus verschiedenen Fachrichtungen sowie potenzielle Sponsoren.
Ein Prototyp, viele Fachrichtungen
Hinter MOVE steht ein konkretes Problem: Schätzungsweise 40 Millionen Menschen in Entwicklungsländern leben mit einer Amputation, doch nur etwa fünf Prozent von ihnen haben Zugang zu einer Prothese. Die Initiative will diese Lücke kleiner machen. Dafür verbindet sie Elektronik, Signalverarbeitung und Maschinenbau und arbeitet an myoelektrischen Systemen, die Muskelsignale zur Steuerung einer Prothese nutzen.
Das Team besteht aus TUM-Studierenden der Elektrotechnik, Informatik, des Maschinenbaus und der Medizin. Zusätzlich erforscht MOVE eine modulare Prothesenarchitektur mit austauschbaren Komponenten. Sie soll die Haltbarkeit erhöhen, die Wartung erleichtern und den Schutz vor Wasser verbessern. Geplant sind außerdem spezielle Aufsätze für unterschiedliche Nutzer und Alltagsaufgaben – denn eine Prothese muss im echten Leben mehr können als nur im Labor funktionieren.
Pavel Tzvetkov, Mitgründer von MOVE Prosthetics, lernte die Vielfalt der Clubs in seinem ersten TUM-Semester kennen. Auf der Messe sah er damals unter anderem Raketen, Formel-1-Autos, Drohnen und Flugzeuge. Jetzt präsentierte er selbst ein Projekt. Der Kreis schließt sich irgendwie schnell an einer Universität, an der aus einem neugierigen Rundgang offenbar ziemlich viel entstehen kann.
Vom Messegespräch ins Leitungsteam
Auch etablierte Clubs nutzten die Fair zur Mitgliedergewinnung. Die IKOM organisiert mit mehr als 100 ehrenamtlichen Mitgliedern jedes Jahr vier Karriereforen. Laut Gesamtleiterin Mariia Savina bekommt die Organisation durch ihre Vorstellung auf der Student Club Fair mehr Anmeldungen für ihre Infoabende.
Rene Jacob kam vor drei Jahren nach einem Gespräch auf der Messe zu TUfast Eco. Inzwischen leitet er dort die Bereiche Logistik und Marketing. Der Club entwickelt energieeffiziente Konzeptfahrzeuge und präsentierte mit dem „lux025“ sein erstes Solarauto. Viele heutige Teamleitungen, sagt Jacob, fanden über die Messe zu TUfast Eco. Ein Gespräch zwischen zwei Ständen kann also Folgen haben – manchmal landet man drei Jahre später in der Verantwortung für Logistik und Marketing.
An den Ständen ging es deshalb nicht bloß um Flyer und offene Listen. Studierende zeigten Projekte und Wettbewerbe, in die sie neben Vorlesungen, Nebenjobs oder familiären Verpflichtungen viel Freizeit investieren. Anne Hüttenrauch, stellvertretende Leiterin Student Engagement und Organisatorin der Messe, betonte das freiwillige Engagement und die persönliche Verbundenheit der Studierenden mit ihren Clubthemen. Das merkt man den Gesprächen an: Manche erklären ihren Aufbauplan mit leuchtenden Augen, andere wirken nach langen Messestunden schon ein wenig durch – und machen trotzdem weiter.
Ein Markt zwischen Sensoren und Rehabilitation
Für MOVE ist die Arbeit Teil eines größeren technologischen Feldes. Nach Anwendung stellen Prothesen für die oberen Extremitäten derzeit das größte Marktsegment dar. Eine hohe Zahl von Verletzungen und Behinderungen an Armen und Händen, technologische Fortschritte und ein wachsendes Bewusstsein für die Funktionalität myoelektrischer Systeme treiben diese Entwicklung. Gefragt sind bessere Funktionalität, Geschicklichkeit, Kontrolle und Ästhetik.
Prothesen für die unteren Extremitäten wachsen dagegen am schnellsten. Steigende Amputationszahlen infolge von Diabetes und Gefäßerkrankungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie Fortschritte bei speziell für den Unterkörper entwickelten Prothesen. Gleichzeitig gewinnen Rehabilitationstechnologien an Bedeutung: Sie unterstützen die Genesung nach einem Gliedmaßenverlust, ermöglichen adaptive Trainings und helfen beim Wiederaufbau motorischer Fähigkeiten. Die Entwicklung beider Bereiche weist auf integrierte Versorgungslösungen hin, bei denen Prothese und Rehabilitation enger zusammenspielen.
Nach Endverwendung halten Krankenhäuser den größten Marktanteil. Ihre umfassende medizinische Versorgung, der Zugang zu fortschrittlichen Technologien und der stetige Zustrom von Patientinnen und Patienten mit Prothesenbedarf sind dafür ausschlaggebend. Rehabilitationszentren gelten als das am schnellsten wachsende Segment, weil sie die Anpassung an myoelektrische Prothesen begleiten und während des Genesungsprozesses maßgeschneiderte Therapien anbieten.
Wenn Muskelsignale Befehle werden
Bei den Technologien dominiert die Oberflächen-Elektromyographie, kurz sEMG. Sie übersetzt elektrische Muskelsignale in Steuerbefehle und gilt als zuverlässig, präzise und vielseitig einsetzbar. Mustererkennung wächst am schnellsten beziehungsweise gilt als aufkommende Technologie: Sie interpretiert komplexe Muskelsignale und kann dadurch eine intuitivere, sanftere und natürlichere Steuerung ermöglichen.
Diese Entwicklung deutet auf anspruchsvollere Steuerungstechnologien und stärker personalisierte Prothesen hin. Das Komponentensegment umfasst Sensoren, Aktuatoren und Steuerungsalgorithmen. Sensoren bilden dabei das größte beziehungsweise dominante Segment. Sie wandeln Muskelsignale in verwertbare Eingaben um und sind für die Prothesensteuerung unverzichtbar. Fortschritte bei Präzision, Anpassungsfähigkeit und Vielseitigkeit fördern ihre Verbreitung.
Aktuatoren sind die am schnellsten wachsende beziehungsweise aufkommende Komponentengruppe. Neue Materialien, höhere Energieeffizienz und Miniaturisierung verbessern ihre Reaktionsfähigkeit, Effizienz und Fähigkeit, natürliche Bewegungen nachzuahmen. Steuerungsalgorithmen haben zwar einen kleineren Marktanteil, bleiben aber die entscheidende Verbindung zwischen Sensorik und aktiven Mechaniken. Der Schwerpunkt liegt zunehmend auf künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen, um Funktionalität und Benutzeroberfläche zu verbessern.
Sensoren führen den Markt weiterhin an, während Aktuatoren wegen technologischer Fortschritte schnell aufholen. Und mitten in dieser großen Entwicklung steht an der TUM ein studentisches Team mit einem ersten Prototyp, offenen Plätzen für neue Mitglieder und der ziemlich praktischen Frage, wie eine Prothese im Alltag länger hält, weniger kostet und mehr kann.
