Heute, am 7.10.2026, wirkt die TUM München wie ein Ort, an dem ständig jemand eine Idee auf einen Bierdeckel schreibt und kurz darauf einen Investor sucht. Die Gründerstadt München ist allerdings nicht über Nacht entstanden. Ihren vielleicht wichtigsten Anschub bekam sie im November 2000 – in einer 109-seitigen Diplomarbeit.

Helmut Schönenberger war damals 28 Jahre alt und untersuchte, was die Technische Universität München von der Stanford University und dem Silicon Valley lernen könne. Sein Konzept für ein Start-up-Gründerzentrum bekam später den Namen UnternehmerTUM. Die Idee wurde anfangs vielfach belächelt. Schönenberger verteilte Flyer an der TU und füllte damit seinen ersten Businessplankurs mit 30 Teilnehmern. In den ersten zehn Jahren galt er nach eigener Aussage auch an der Universität als „Innovationsspinner“.

Heute ist Schönenberger Vizepräsident der TU München und weiterhin Geschäftsführer von UnternehmerTUM. Auf dem Weg dorthin überzeugte er neben dem damaligen TU-Präsidenten auch die Unternehmerin Susanne Klatten, Bayerns damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und dessen Nachfolger, darunter Markus Söder. Klatten lernte er kennen, als sie eine Initiative für Technologiegründer plante. Ihr Rat: nicht wie eine Behörde arbeiten, sondern unternehmerisch.

Ein Ökosystem mit Universität, Kapital und Politik

Seit der Jahrtausendwende arbeiten Wissenschaft, Kapital und Politik daran, München als Gründerstadt zu etablieren. Gemessen an der Einwohnerzahl werden heute in München mehr Start-ups gegründet als in jeder anderen deutschen Stadt. Nach Angaben der Stadt gibt es rund 1700 Start-ups, etwa 70 Prozent davon gehören zum Technologiesektor. Auch bei der Finanzierung liegt München bundesweit an der Spitze.

Die Basis bilden die TU München, die Ludwig-Maximilians-Universität sowie Institute der Fraunhofer-, Helmholtz- und Max-Planck-Gesellschaften. Als Gründerzentren und Vermittler wirken unter anderem UnternehmerTUM, BayStartUP, Werk1, das Strascheg Center for Entrepreneurship und das LMU Innovation & Entrepreneurship Center. Sie bringen Studierende und Gründer mit Unternehmen wie Allianz, BMW und Siemens sowie mit Investoren zusammen.

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Die Liste der Münchner Start-ups liest sich inzwischen wie ein Who’s who der deutschen Technologieszene: Celonis, Personio, Finn, Flix, Helsing, Isar Aerospace, Proxima Fusion und Scalable Capital gehören dazu. Gleichzeitig zieht die Stadt internationale Konzerne an. Amazon, Apple und OpenAI eröffneten Niederlassungen in München, Microsoft ist schon länger vertreten. JP Morgan eröffnete im Vorjahr ein Büro an der Maximilianstraße und verwies auf Münchens Wirtschaftskraft und die Deeptech-Start-up-Szene. Zu den von JP Morgan betreuten Unternehmen gehört das Drohnen-Start-up Quantum Systems.

UnternehmerTUM sitzt im Munich Urban Colab. Dort gibt es einen MakerSpace, Büros von Stadtmitarbeitern und Räume von Unternehmen wie BMW, SAP, Hörmann und Siemens. Seit der Gründung 2002 hat die Einrichtung nach eigenen Angaben mehr als 1000 Start-ups unterstützt. Jährlich nehmen mehr als 17.000 Menschen an den Seminaren teil. Das Angebot reicht von Trainings und Finanzierung über Büros und Maschinen bis zu Kontakten zu Kunden und Investoren.

Zwölf Venture Labs betreibt UnternehmerTUM inzwischen, darunter Angebote zu Food, Agro und Biotech, Aerospace und Defense sowie Robotics und KI. Rund 60 Prozent des Budgets der gemeinnützigen GmbH stammen von Unternehmen, die für Kooperationen zahlen. Etwa 500 Menschen beschäftigt UnternehmerTUM mittlerweile. Nach eigenen Angaben unterstützt die Organisation rund 5000 neue Arbeitsplätze pro Jahr und zieht internationale Investoren an.

Vom ersten Fonds bis zum nächsten Gründer

2010 legte UnternehmerTUM den Fonds UVC Partners auf und sammelte zunächst 25 Millionen Euro ein. Zu den frühen Investments gehörte Flix. Das Unternehmen beschäftigt inzwischen rund 5500 Menschen und erzielte 2023 erstmals mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. UVC Partners verwaltet mittlerweile rund 800 Millionen Euro.

In München sind außerdem General Atlantic und Vsquared Ventures aktiv, ebenso die Unternehmens-Venture-Arme von Allianz und BMW sowie die Family Offices der Familien Strüngmann und Schörghuber. Schönenberger hält ehemalige Gründer für einen wichtigen Faktor der Nachhaltigkeit des Ökosystems: Sie investieren in die nächste Generation und geben ihr Wissen weiter. Das klingt weniger nach Hochglanzbroschüre als nach einem ziemlich praktischen Kreislauf – jemand, der vor Jahren selbst vor verschlossenen Türen stand, hält heute anderen die Tür auf.

Felix Haas, einer der frühen Teilnehmer des UnternehmerTUM-Programms, gründete das Gründerfestival Bits & Pretzels. Beim Munich Start-up Festival präsentierte unter anderem David Baumgartner, Gründer der Kette Dean & David, seine Erfahrungen und bot sich als Investor und Ansprechpartner an. Das Festival warb mit dem Satz: „The next Unicorn starts here.“

Auch Celonis-Mitgründer Bastian Nominacher absolvierte zuvor Kurse bei UnternehmerTUM. 2011 gründete er Celonis, das eine Software zur Analyse und Beschleunigung von IT-Prozessen entwickelte – „Process Mining“. Celonis beschäftigt mehr als 3000 Menschen und wird mit mehr als 13 Milliarden US-Dollar bewertet.

Nominacher sieht einen Vorteil Münchens in der Größe seiner Universitäten. Die TU München habe rund 7000 Informatikstudierende, Stanford etwa 1500. Aus Celonis gingen nach seinen Angaben bereits rund 20 Start-ups hervor. Nominacher investiert selbst in Münchner Gründungen, darunter Orbem.

MRT für Eier, Obst und Gemüse

Orbem wurde 2019 gegründet und entwickelt MRT- und KI-Technik zur automatisierten Untersuchung von Objekten. Geschäftsführer Pedro Gómez kam 2013 für seine Informatikpromotion aus Mexiko nach München. Seine Forschung an der TU bildete die Grundlage für eine Methode, MRT-Aufnahmen zu beschleunigen und automatisiert auszuwerten.

Das klingt zunächst nach Klinik und Röhre, landet aber auch im Stall und in der Lebensmittelproduktion. Orbems System untersucht Eier innerhalb einer Sekunde auf männliche Embryonen, damit diese vor dem Schlüpfen aussortiert werden können. Auch bei Avocados und Wassermelonen soll die Technik innere Schäden erkennen. Nach eigenen Angaben arbeitet Orbem mit internationalen Geflügelkonzernen und weiteren Lebensmittelproduzenten zusammen.

Der erste Investor war der UnternehmerTUM-Fonds. Über eine UnternehmerTUM-Veranstaltung entstand der Kontakt zur Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung und anschließend zum Tiergenetikunternehmen Hendrix Genetics. Orbem wuchs von drei auf mehr als 200 Beschäftigte und sei seit dem Markteintritt 2023 profitabel. Zu den Investoren gehören unter anderem Bastian Nominacher und Personio-Gründer Hanno Renner.

Fusionspläne zwischen Garching und Gundremmingen

Noch größer ist der Anspruch von Proxima Fusion. Das Fusions-Start-up wurde 2023 von Francesco Sciortino gegründet. Sciortino kam 2021 vom MIT zum Max-Planck-Institut für Plasmaphysik nach Garching und setzte auf die Stellarator-Technologie statt auf den verbreiteten Tokamak.

Proxima Fusion entwickelt einen Stellarator zur Einschließung heißen Plasmas und zur Energiegewinnung durch Kernfusion. In seiner letzten Finanzierungsrunde sammelte das Unternehmen 411 Millionen Euro ein und wurde mit 2,4 Milliarden Euro bewertet. Der UnternehmerTUM-Fonds gehörte zu den frühen Investoren.

Schönenberger vermittelte Sciortino Kontakte zu politischen Entscheidungsträgern. Ministerpräsident Markus Söder erklärte Kernfusion zur politischen Priorität. In Garching soll die Anlage „Alpha“ die Technologie testen und nachweisen. Mit Unterstützung von RWE und Google soll in den 2030er-Jahren auf dem Gelände des früheren Kernkraftwerks Gundremmingen ein rund zwei Milliarden Euro teures Fusionskraftwerk entstehen.

Derzeit beschäftigt Proxima Fusion etwa 170 Menschen; für die 2030er-Jahre sind mehr als 5000 Arbeitsplätze geplant. Das Münchner Start-up Lilium meldete dagegen Insolvenz an. Sciortino bezeichnete dessen Technik als leistungsfähig, verwies aber auf den Wettbewerb mit staatlich unterstützten Konkurrenten. Der Weg vom Labor zur Industrie bleibt eben holprig, manchmal sogar ziemlich brutal.

Der Münchner Versuch, Schule zu machen

Nach Angaben von Schönenberger waren unter anderem Bill Gates und Astro Teller von Google X in München. UnternehmerTUM kooperiert inzwischen mit Google X. Schönenberger sitzt außerdem im Start-up-Council der Bayerischen Staatsregierung.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bat ihn, das UnternehmerTUM-Konzept auf zehn weitere deutsche Städte zu übertragen. Susanne Klatten hatte bereits 2023 erklärt, zehn Zentren nach dem Vorbild von UnternehmerTUM könnten Deutschland ähnlich gründungsstark