MIA Art Collection: Weltweites Netzwerk für Künstlerinnen und Gleichberechtigung in der Kunstwelt
Eine private Kunstsammlung, die mit einem persönlichen Impuls begann und heute weltweit Künstlerinnen unterstützt: Die MIA Art Collection wurde 2010 von Alejandra Castro Rioseco gegründet. Inzwischen umfasst sie mehr als 900 Werke. Ausstellungen, Förderprogramme, Stipendien, Residenzen und institutionelle Kooperationen führen die Sammlung weit über den klassischen Ausstellungsraum hinaus.
Castro Rioseco sammelt weiterhin nach persönlicher Anziehung – und danach, ob ein Werk zur Mission von MIA passt. Künstlerinnen weltweit sichtbar zu machen und geschlechtsspezifische Ungleichheit zu verringern, steht dabei im Zentrum. Die MIA Art Collection versteht sich als private Kunstsammlung mit globaler philanthropischer Ausrichtung.
Ein Bild reist von Italien nach Dubai
Ein prägendes Erlebnis war der Transport eines Werks von Lavinia Fontana aus Italien nach Dubai. Fontana wurde 1552 in Bologna geboren und zählt zu den Pionierinnen unter den Künstlerinnen der Frühen Neuzeit. In Dubai wurde das Werk in einem öffentlichen Raum gezeigt, den täglich mehr als 2.000 Menschen besuchen.
Für Castro Rioseco lag gerade darin die Kraft des Projekts: Die Entstehungszeit des Bildes traf auf die Gegenwart, Raum und Zeit wurden durch Kunst miteinander verschränkt. Ihre Perspektive auf Kunst habe sich durch MIA nicht verändert, sondern erweitert. Klassische, kreative und technologiegetriebene Arbeiten interessieren sie weiterhin.
Ihr Hintergrund als Ingenieurin prägt dabei einen pragmatischen Zugang. Ideen sollen nicht bloß gut klingen, sie müssen umgesetzt werden – auch wenn die Anforderungen der zahlreichen MIA-Projekte und die schnell wechselnden Zeitpläne den Ankauf manchmal zu einem kleinen logistischen Kunststück machen.
Entscheidungen im internationalen Team
Unterstützt wird Castro Rioseco von einem kuratorischen Team. Ankäufe diskutiert ein internationales Gefüge aus Kuratorinnen und Kuratoren, Galeristinnen und Galeristen sowie Beraterinnen und Beratern gemeinsam. Die Vorschläge werden analysiert, Entscheidungen nicht übers Knie gebrochen. Das Team nimmt sich Zeit.
Castro Rioseco beschreibt diese Arbeitsweise als kollektiv und von feministischer Zusammenarbeit geprägt. Darin erkennt sie Parallelen zu einer jüngeren Generation von Sammlerinnen und Sammlern, die ein gesundes, Künstlerinnen einschließendes und unterstützendes Kunstökosystem fördern möchte.
MIA arbeitet mit Ausstellungen, Unterstützungsprogrammen und Stipendien und sucht dafür Partner. Wie die Zusammenarbeit mit Museen und Galerien aussieht, hängt vom jeweiligen Land und den beteiligten Institutionen ab. Museen erscheinen Castro Rioseco häufig als passendere Partner, weil sie die gesellschaftliche Mission von MIA eher teilen. Die Sammlung ist gemeinnützig und verfolgt nicht das Ziel, Projekte zu monetarisieren. Einige Galeriepartner unterstützen ebenfalls Vorhaben, die über den Verkauf von Kunstwerken hinausgehen.
Wer sichtbar wird – und wer noch fehlt
Mit der wachsenden Bedeutung der Sammlung wächst auch ihre Verantwortung: Welche Künstlerinnen werden sichtbar, ausgestellt und an internationale Netzwerke herangeführt? MIA unterstützt Frauen in unterschiedlichen Karrierephasen – junge Künstlerinnen ebenso wie bereits etablierte, die weiterhin institutionelle oder professionelle Barrieren überwinden müssen.
Die Auswahlkriterien sind breit angelegt, richten sich grundsätzlich aber an Künstlerinnen mit Unterstützungsbedarf. Für die Qualität der Förderung greift MIA auf die Expertise der beteiligten Fachleute zurück. Denn Sichtbarkeit allein, sagt Castro Rioseco, reicht nicht für eine dauerhafte Position in der internationalen Kunstwelt.
Dafür brauche es das Zusammenspiel engagierter Haltungen, Organisationen und Institutionen. Auch Künstlerinnen mit Talent, Galerievertretung und umfangreicher Ausstellungsgeschichte stoßen noch immer auf Hindernisse beim Zugang zu höchster professioneller Anerkennung. Castro Rioseco sieht darin ein institutionelles Problem. In den USA traf beziehungsweise trifft sie Museen und Institutionen, die diesen Handlungsbedarf anerkennen. Eine Lösung, davon ist sie überzeugt, entsteht nur durch gemeinsame Anstrengungen verschiedener Bereiche und durch die Unterstützung vieler engagierter Menschen.
Von Los Angeles bis ins virtuelle Museum
Aktuell ist die Ausstellung „Red Red Red“ mit Arbeiten der MIA Art Collection bis zum 21. Februar 2027 im Museum of Latin American Art in Los Angeles zu sehen. Mit dem Museum verbindet MIA inzwischen auch eine strategische Partnerschaft: Auf der ARCOmadrid 2026 wurde sie formalisiert. Ziel ist der Ausbau einer globalen Plattform für Künstlerinnen.
Auch institutionell hat sich in diesem Jahr einiges bewegt. Alejandra Castro Rioseco wurde in den internationalen Vorstand der Arco-Madrid-Stiftung aufgenommen – in Verbindung mit der langjährigen Arbeit der MIA Art Collection. Außerdem nahm MIA an der Art Rotterdam 2026 teil, mit Gesprächen über Gleichberechtigung in der Kunstwelt und der Vorstellung von Künstlerinnen und ihren Arbeiten.
Dem Beirat der Contemporary Istanbul ist die MIA Art Collection ebenfalls beigetreten. Die Kunstmesse gilt als bedeutender Treffpunkt der Türkei und als wichtiger kultureller und künstlerischer Knotenpunkt der Region.
Und dann gibt es noch MIA Anywhere, ein virtuelles Museum für Künstlerinnen. Dort präsentiert die Initiative die retrospektive Ausstellung „A Retrospective“ mit Arbeiten von 130 Künstlerinnen aus 31 Ländern. Castro Rioseco gründete MIA Anywhere 2020, um Künstlerinnen während der Pandemie Unterstützung und Sichtbarkeit zu bieten. Bis heute wurden 36 virtuelle Ausstellungen realisiert – ein digitales Museum, das nicht nach Öffnungszeiten fragt und trotzdem ziemlich viel Raum aufmacht.
Von der UdK Berlin aus betrachtet wirkt diese Mischung aus Sammlung, Förderung, Ausstellungspraxis und digitalem Experiment nicht wie ein einzelner Museumsbetrieb. Eher wie ein weit verzweigtes Arbeitsnetz: Hier ein Ankauf, dort ein Stipendium, in Los Angeles eine Ausstellung, online eine Retrospektive. Dazwischen sitzen Teams, prüfen Vorschläge, suchen Partner und diskutieren darüber, wer gesehen wird. Ganz ohne Hektik geht das offenbar nicht. Aber eben auch nicht ohne Geduld.
