Auf dem Campus der Uni Bielefeld leuchten kleine Zahlen auf Handgelenken: Herzfrequenz, Kalorienverbrauch, Bewegungsziele, Schlafdauer und Schlafqualität. Für manche Nutzer sind sie ein Anstoß zu einer gesünderen Lebensweise. Für andere wird aus der Hilfe schnell zusätzlicher Druck. Heute, am 27.09.2026, geht es dabei längst nicht mehr nur um Schritte und verbrannte Kalorien.

Ein „Recovery“-Wert soll anzeigen, wie gut sich der Körper nach Belastung und Stress erholt hat. Der Schlafscore bündelt unter anderem Schlafdauer, Schlafphasen, Herzfrequenz und nächtliche Bewegungen. Doch wenn die Uhr „Recovery 43 Prozent“ meldet, wurde dieser Wert nicht direkt am Körper gemessen.

Die Zahl ist ein Modell

Urs-Vito Albrecht, Professor für Digitale Medizin an der Universität Bielefeld, erklärt: Gemessen werden einzelne Signale wie Herzfrequenz, Herzfrequenzvariabilität, Bewegung und Schlafdauer. Ein Algorithmus verarbeitet sie anschließend zu einem Score. Dieser soll die körperliche Realität möglichst gut abbilden, ist aber keine unmittelbare Messung des Befindens.

Die zugrunde liegenden Messungen können wertvolle Informationen über den Körper liefern, fehlerfrei sind sie nicht. Zahlen wirken trotzdem oft objektiver, weil viele körperliche Vorgänge verborgen und kompliziert sind. Ein Score ordnet dieses Durcheinander – und vermittelt dadurch ein Gefühl von Kontrolle.

Genau da liegt die heikle Stelle. Laut Albrecht könnten Nutzer den Messwerten irgendwann mehr vertrauen als ihrem eigenen Körpergefühl. Die Bielefelderin Lea Siekmann kennt diesen Moment. Nach einer Herzmuskelentzündung kaufte sie sich eine Smartwatch, um beim Wiedereinstieg in den Sport mehr Sicherheit zu haben.

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Mit der Zeit machte sie Training und Pausen jedoch zunehmend von den Werten der Uhr abhängig. Nach eigener Aussage verlor sie dadurch ihr eigenes Körpergefühl. Sie legte die Smartwatch ab und beendete das Tracking – der Druck sei sofort geringer gewesen.

Albrecht hält das Körpergefühl allerdings nicht grundsätzlich für zuverlässiger. Menschen können körperliche Signale aus Ehrgeiz falsch deuten oder schlicht ignorieren. Digitale Messungen wiederum können etwa auf einen unregelmäßigen Herzrhythmus oder eine zu hohe Herzfrequenz hinweisen.

Orientierung, aber keine Befehlszentrale

Die Medizinstudentin Darya Aghamoradi trägt ihre Smartwatch nach eigenen Angaben ständig. Vor allem beim Sport dient sie ihr als Orientierung: Die Daten helfen ihr einzuschätzen, ob sie möglicherweise übertrainiert ist oder mehr Erholungszeit braucht.

Abhängig machen will sie sich von den Zahlen nicht. Gute Werte freuen sie, schlechte demotivieren sie nicht automatisch. Veränderungen der Herzfrequenzvariabilität betrachtet Aghamoradi als mögliche Hinweise auf eine beginnende Krankheit oder auf Übertraining. Auch Veränderungen im Zusammenhang mit ihrem Menstruationszyklus beobachtet sie. Die korrekte Interpretation, sagt sie, sei ohne medizinisches Hintergrundwissen schwierig.

Tracking kann motivieren, Veränderungen sichtbar machen und dazu bringen, Gewohnheiten zu hinterfragen. Problematisch wird es, wenn die Orientierungshilfe zur festen Vorgabe wird. Dauernde Beobachtung und Bewertung können laut Albrecht das Verhältnis zum eigenen Körper verändern – bis das eigene Erleben irgendwann auf Abstand rückt.

Seine Empfehlung ist deshalb klar: Digitale Messungen sollten die eigene Wahrnehmung ergänzen, nicht ersetzen. Sie können helfen, den Körper besser zu verstehen, dürfen aber nicht allein bestimmen, wie jemand seinen körperlichen Zustand bewertet. Technologie kann Körpersignale lesbarer machen; der Körper sollte dabei nicht ausschließlich wie ein Werkzeug erscheinen, das ständig optimiert werden muss.

EKG am Handgelenk – praktisch, aber nicht unfehlbar

Smartwatches mit EKG-Funktion können den Herzrhythmus überwachen, EKG-Daten aufzeichnen und für eine spätere Analyse speichern. Integrierte Herzfrequenzsensoren und Oximeter ermöglichen weitere Gesundheitsmessungen. Getragen werden die Geräte am Handgelenk, wo sie ihre Ergebnisse übersichtlich anzeigen.

Eine EKG-Smartwatch kann frühzeitig auf mögliche Unregelmäßigkeiten hinweisen. Eine medizinische Untersuchung ersetzt sie trotzdem nicht. Eine Smartwatch mit 100-prozentiger EKG-Genauigkeit ist bislang nicht verfügbar. Schon die Passform des Armbands, die Platzierung der Sensoren und individuelle Hautmerkmale können die Messgenauigkeit beeinflussen.

Für Diagnosen und medizinische Entscheidungen braucht es professionelle medizinische Geräte und Fachpersonal. EKG-Smartwatches lassen sich mit oder ohne Smartphone nutzen; ohne Handy bieten sie zusätzliche Flexibilität und Unabhängigkeit. Modelle für Damen verbinden die EKG-Überwachung mit einem auf Frauen ausgerichteten Design, bieten grundsätzlich aber dieselben EKG-Funktionen wie entsprechende Herrenmodelle und können ebenfalls mögliche Unregelmäßigkeiten überwachen.

Wie genau sind die Gesundheitsdaten?

Smartwatches erfassen zunehmend Herzfrequenz, Schlaf, Blutsauerstoff, EKG und Atemfrequenz. Apple, Fitbit und Samsung entwickeln solche Funktionen, genannt werden außerdem Modelle von Garmin. Wie verlässlich die Ergebnisse sind, hängt vom Hersteller, vom Modell, von der Messmethode und von der jeweiligen Nutzungssituation ab.

Bei der Herzfrequenzmessung berichtete eine Untersuchung der University of California für Apple-Watch-Modelle durchschnittliche Abweichungen von etwa 1–2 Schlägen pro Minute; Fitbit-Modelle wichen teilweise stärker ab. Eine Stanford-Studie kam beim Vergleich mit medizinischen Geräten auf 98 Prozent Genauigkeit für die Apple Watch. Einer weiteren Stanford-Untersuchung zufolge liegt die Fehlerquote im Ruhezustand meist unter 5 Prozent.

Bei intensivem Training oder schnellen Bewegungen wurden dagegen Abweichungen bis zu 20 Prozent beobachtet. Bewegung, die Position am Handgelenk, Hautfarbe und Tätowierungen können das Ergebnis beeinflussen. Ein „Connect“-Test verglich Smartwatches mit Brustgurten: Die Apple Watch Series 8 kam im Ruhezustand auf 3 Prozent Fehler, bei intensiver Aktivität auf 10 Prozent. Bei der Samsung Galaxy Watch 5 waren es 4 beziehungsweise 15 Prozent, bei der Garmin Fenix 7 5 beziehungsweise 18 Prozent.

Beim Laufen zeigte die Apple Watch Series 8 besonders genaue Werte. Beim Krafttraining traten hingegen Abweichungen bis zu 10 Schlägen pro Minute auf. Für stark wechselnde Belastungen können Brustgurte zusätzliche Messwerte liefern.

Auch die Schlafanalyse arbeitet meist mit Herzfrequenzsensoren, Bewegungssensoren, Herzfrequenzvariabilität und Algorithmen. Wie gut Tiefschlaf- und REM-Phasen erkannt werden, unterscheidet sich zwischen den Modellen. Die Apple Watch wird mit hoher Tiefschlafgenauigkeit, sehr hoher REM-Schlafgenauigkeit und 90 Prozent Gesamtzufriedenheit genannt. Bei der Garmin Venu 2 sind es mittlere Tiefschlafgenauigkeit, hohe REM-Schlafgenauigkeit und 85 Prozent Gesamtzufriedenheit. Die Fitbit Sense erreicht hohe Tiefschlafgenauigkeit, mittlere REM-Schlafgenauigkeit und 80 Prozent Gesamtzufriedenheit.

Gerade bei günstigeren Modellen bestehen größere Genauigkeitsprobleme. Die Geräte können Hinweise auf persönliche Schlafmuster geben, ersetzen aber keine präzise medizinische Schlafdiagnostik. Das klingt weniger aufregend als eine farbige Schlafgrafik am Morgen, ist aber der wichtigere Teil.

Als fortschrittliche Modelle werden die Apple Watch Series 8, die Samsung Galaxy Watch 5 und die Fitbit Sense genannt. Ihre Funktionen umfassen Herzfrequenzüberwachung, Schlafanalyse, SpO2-Messung und EKG. Eine Vergleichstabelle nennt für die Apple Watch Series 8 eine Herzfrequenzgenauigkeit von 98 Prozent, eine SpO2-Abweichung von ±2 Prozent, fortgeschrittene Schlafanalyse und verfügbares EKG. Die Samsung Galaxy Watch 5 wird mit 97 Prozent, ±3 Prozent, fortgeschrittener Schlafanalyse und EKG aufgeführt. Die Fitbit Sense 2 erreicht 96 Prozent, ±2,5 Prozent, durchschnittliche Schlafanalyse und ebenfalls EKG.

Algorithmen und künstliche Intelligenz sollen unregelmäßige Herzfrequenzen erkennen und Warnungen auslösen. Die Geräte sollen Gesundheitsbewusstsein und präventives Verhalten unterstützen, gelten aber nicht als Ersatz für ärztliche Diagnosen.

SpO2, Atemfrequenz und der Blick in die Klinik

Premium-Modelle liefern bei der Blutsauerstoffmessung laut den genannten Tests in klinischen Umgebungen vergleichsweise präzise Werte. Für die Apple Watch Series 8 wird eine durchschnittliche Abweichung von ±2 Prozent genannt, für die Samsung Galaxy Watch 5 ±3 Prozent, für die Fitbit Charge 5 ±4 Prozent. Modelle unter 100 Euro können bis zu ±5 Prozent abweichen. Unterschiede werden unter anderem auf Sensor