Ideenfutter Expo: Wie Larven, KI und Roboter die Landwirtschaft resilienter machen sollen
Im Gare du Neuss roch es an diesem Messetag nach neuen Ideen, Gewürzen und ein wenig nach Stall. Bei der Ideenfutter Expo präsentierten Unternehmen und Start-ups Lösungen für die Ernährung und Landwirtschaft von morgen. Veranstalter waren der Foodhub NRW und der Rhein-Kreis Neuss. 24 Stände und mehrere Talkrunden füllten die Halle.
Janosch Klemm vom Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn eröffnete mit unbequemen Zahlen: Rund 700 Millionen Menschen hungern weltweit, etwa drei Milliarden nehmen zu wenig Mikronährstoffe auf, weitere drei Milliarden sind übergewichtig oder adipös. Eine Welt ohne Hunger bis 2030 sei nicht erreichbar, sagte Klemm. Stattdessen brauche es Ernährungssysteme, die Stabilität, Flexibilität und Veränderungsfähigkeit verbinden und dadurch besser mit lokalen und globalen Krisen umgehen können.
Larven im Stroh, Brot ohne Mehl
Bei Flyfeed wurden lebende Larven der Schwarzen Soldatenfliege als Schweinefutter gezeigt. Marius Wenning stellte die Uni-Ausgründung aus Aachen vor, die Landwirten Anlagen anbietet, in denen sie aus Lebensmittelresten selbst Larven züchten können. Im Probebetrieb suchten Schweine intensiv im Stroh danach. Die Rechnung dahinter: geringere Futterkosten und eine bessere Tiergesundheit.
Das Neusser Start-up „Stullenwunder“ brachte ein Brot ohne Mehl und zugesetzten Zucker mit. Stattdessen stecken vor allem Saaten, Kerne und Nüsse darin. Gemeinsam mit der Neusser Gewürzmühle Engels entwickelt das Gründerteam eine handwerkliche Backmischung. Hintergrund ist auch die Zahl von rund zehn Millionen Menschen mit Diabetes in Deutschland.
Aus Köln kam Oiy Solutions mit „The Oater Barista“, einem vollautomatisierten System für frische Hafermilch. Gedacht ist es für Catering und Food Services; die Zutaten werden in vordosierten Boxen geliefert. Dazu gab es ein zuckerfreies Getränk mit Tamarindengeschmack und Ingwer-Shots in Tafelform vom Aachener Start-up „Ingwer Shoc“.
Stallgrün aus Münster zeigte Indoorfarming. Das Unternehmen baut Gemüse in einem ehemaligen Schweinestall an – eine ziemlich direkte Verbindung von alter Landwirtschaft und neuer Produktion. Die Hochschule Niederrhein wiederum präsentierte einen humanoiden Roboter für mögliche Einsätze in der Lebensmittelproduktion. Auf der Messe bewegte er sich allerdings lediglich ferngesteuert und blinkte.
Wenn der Acker trocken bleibt
Auch auf dem Feld ging es um praktische Antworten. Rindergülle soll zu hochwertigem Dünger aufbereitet werden. Der „Dürre-Pilot“ von DA Draught Analytics aus Köln berechnet in Echtzeit Bewässerungsempfehlungen, unter anderem für den Kartoffelanbau. Kurovia bietet Pflanzenkohle an, die die Dürreresilienz verbessern soll. Ein Start-up aus Baesweiler entwickelt ein Brennnessel-Substrat als Dünger und zum Schutz vor Blattläusen.
Passend dazu widmete sich ein runder Tisch der Frage „Landwirtschaft ohne Chemie? Ersatz für Dünger, Pestizide und Co.“ Elisabeth Schloten von Kurovia und Caspar Langenbach von AgPrime diskutierten biologische Alternativen zu chemischem Pflanzenschutz und synthetischem Dünger. Y Combinator führt pestizidfreie Landwirtschaft als eines der größten zu lösenden Probleme. Resistenzentwicklungen, steigende Kosten chemischer Mittel und regulatorische Bedenken treiben die Suche weiter an.
Im Gespräch waren KI-gestützte Echtzeiterkennung von Unkraut und Schädlingen, präzise Robotik sowie Mikroben, Peptide und RNA-basierte Wirkstoffe. Es ging um marktreife Lösungen, bestehende Hürden und Chancen für Landwirte, Start-ups und die gesamte Wertschöpfungskette.
Die Veranstalter und Teilnehmer betonten mehrfach, wie wichtig der Transfer von Forschungsergebnissen in die Wirtschaft ist. Der Rhein-Kreis Neuss beheimatet Unternehmen der Land- und Ernährungswirtschaft – von landwirtschaftlichen Betrieben und Primärproduzenten bis zu Technologie- und Produkt-Start-ups. Die Hochschule Niederrhein zählt zu den größten Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Deutschland.
Ein dichtes Programm zwischen Roboter und Förderantrag
Das Programm begann von 11:00–11:15 Uhr mit „Willkommen im Rhein-Kreis Neuss“, dem Grußwort von Katharina Reinhold, Landrätin des Rhein-Kreises Neuss. Von 11:15–11:30 Uhr folgte „Wie Food-Start-ups im Rhein-Kreis Neuss wachsen: Erfolgsbeispiel Stullenwunder“ mit Eva de Schrevel von der impuls.RheinKreisNeuss Wirtschaftsförderung und Corinna Kuhlen vom foodineum. Vorgestellt wurden auch die Angebote der Wirtschaftsförderung Rhein-Kreis Neuss und des foodineum für Unternehmen und Gründer.
Von 11:30–12:00 Uhr sprach Dr. Janosch Klemm vom Center for Development Research der Universität Bonn über „Resilientes Ernährungssystem“: Der Versuch einer Definition. Er erläuterte das Konzept resilienter Ernährungssysteme, strukturelle Herausforderungen der Land- und Ernährungswirtschaft sowie Stabilität, Anpassungsfähigkeit und Versorgungssicherheit. Im Raum stand die Frage, wie Ernährungssysteme zukunftsfähig und resilient gestaltet werden können und welche Chancen daraus für die Branche entstehen.
Parallel zur Diskussion über Landwirtschaft ohne Chemie lief von 12:15–13:00 Uhr die Runde „Humanoide Roboter: Die Zukunft der Lebensmittelproduktion?“ mit Prof. Dr.-Ing. Hendrik Poschmann von der Hochschule Niederrhein und Stephanie Bienefeld vom foodineum. Humanoide Roboter könnten bei wechselnden Aufgaben, in unstrukturierten Umgebungen, bei häufigen Umrüstungen und kostenintensivem Retrofit eingesetzt werden. Sie gelten außerdem als mögliche Unterstützung gegen den Fachkräftemangel in der Lebensmittelindustrie. Fortschritte bei KI, Sensorik und Robotik sowie sinkende Produktionskosten fördern ihre Entwicklung. Poschmann forscht gemeinsam mit dem foodineum am praktischen Einsatz in der Lebensmittelproduktion.
Ebenfalls von 12:15–13:00 Uhr informierte ein Workshop mit Sebastian Henz von Zenit über „Fördermittel für KMU, Start- und Scale-ups“. Auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene gibt es mehr als 500 relevante Förderprogramme, teils themenbezogen, teils themenoffen. Je nach Programm sind Partnerschaften erforderlich oder Einzelanträge möglich. Im Workshop ging es um Struktur und Voraussetzungen der Programme sowie um weiterführende Unterstützung bei der Antragstellung.
Von 13:15–14:15 Uhr bot die „Spotlight Expo“ Zeit für den Austausch mit den Ausstellenden. Beim „Lunch Q&A: Fundraising“ von 13:30–14:15 Uhr beantwortete Henrik Burger, Co-Founder von The Oater und Vorstandsmitglied von Foodhub NRW, Fragen zu Finanzierung und Fundraising. Besprochen wurden Early-Stage-Finanzierung, die Auswahl geeigneter Venture-Capital-Investoren und Wachstumsfinanzierung. Burger berichtete aus Erfahrungen mit Family-and-Friends-Finanzierung, strategischen Angels, Crowdinvesting und institutionellen Investoren.
Von 14:15–15:00 Uhr ging es bei „Steckt in deiner Innovation ein ‚Dual Use Case‘?“ um Technologien mit zivilen sowie sicherheits-, abwehr- oder resilienzbezogenen Anwendungen. Moderiert wurde die Runde von Annika Topham von ESA BIC. Als Beispiele dienten Küchenroboter und landwirtschaftliche Drohnen; diskutiert wurden neue Märkte sowie zusätzliche Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten für AgriFood-Innovationen.
Zur selben Zeit widmeten sich Dr. Petra Vossenberg und Dr. Karin Lenssen von Novabite der Frage „Who Should Change: The Ingredient or the Industry?“. Thema waren „Drop-in“-Zutaten, die Hersteller mit geringem Reformulierungsaufwand einsetzen können. Auf den Tisch kamen regulatorische Anforderungen, Novel-Food-Einstufungen und lebensmittelrechtliche Vorgaben, aber auch technische und wirtschaftliche Herausforderungen bei alternativen und upgecycelten Zutaten, Fehlgeschmacksmanagement und Verarbeitung. Eine frühzeitige Zusammenarbeit von Zutatenentwicklern, Herstellern und Regulierungsexperten soll Genehmigungshürden senken und die Markteinführung beschleunigen. Diskutiert wurde zudem, ob es mehr regulatorische Flexibilität oder eine frühere Abstimmung braucht.
Auf der Reverse-Pitch-Bühne „Pain sucht Lösung“ stellten von 15:00–15:30 Uhr landwirtschaftliche Betriebe, Lebensmittelverarbeitung, Handel und Gastronomie aktuelle Herausforderungen vor. Moderiert wurde die Runde von M. Lee Greene vom Foodhub NRW. Gesucht wurden Lösungen von Start-ups, wissenschaftlichen Teams und innovativen Unternehmen. Die Challenges kamen unter anderem aus der Landwirtschaft und von einem etablierten Markenhersteller. Eine Fragestellung betraf moderne Technologien, KI und datengetriebene Ansätze, mit denen sich Umsatzch
