EU und Kanada suchen in Montreal nach einer neuen Partnerschaft jenseits der EU-Mitgliedschaft
Beim EU-Kanada-Gipfel in Montreal steht heute, am 29.10.2026, eine ungewöhnlich enge Partnerschaft im Raum. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will die Beziehungen zu Kanada auf die höchstmögliche Ebene heben. Eine Vollmitgliedschaft ist wegen Kanadas geografischer Lage ausgeschlossen – trotzdem soll das Land näher an die Europäische Union rücken.
Von der Leyen hatte dem kanadischen Premierminister Mark Carney am 16. September 2026 vorgeschlagen, Kanada eine „assoziierte Mitgliedschaft“ zu ermöglichen. Carney begrüßte die Idee, machte aber zugleich klar: Kanada strebt keine EU-Vollmitgliedschaft an. Einen solchen Status gibt es bislang nicht. Dafür müsste die EU erst einen eigenen Vertragsrahmen schaffen.
„Allianz für die Zukunft“ statt assoziierter Mitgliedschaft
Beim zweitägigen Gipfel in Montreal bremsten Bundeskanzler Friedrich Merz und mehrere weitere EU-Staats- und Regierungschefs den Vorstoß vorerst aus. Deutschland setzte gemeinsam mit anderen EU-Staaten durch, dass die Begriffe „assoziierte Mitgliedschaft“ und „assoziiertes Mitglied“ aus dem Entwurf der Abschlusserklärung gestrichen wurden.
Auch weitreichende Zusagen zur Finanzmarktintegration und zur gegenseitigen Vorzugsbehandlung bei Maßnahmen zur wirtschaftlichen Sicherheit wurden abgeschwächt. Die EU-Staaten nahmen den Text am Mittwochabend in einem schriftlichen Verfahren an. Veröffentlicht werden soll die Abschlusserklärung am Freitag zum Ende des Gipfels.
Statt des umstrittenen Status ist nun von einer „Allianz für die Zukunft“ die Rede – eine Bezeichnung, die maßgeblich von Premierminister Carney geprägt wurde. Der Entwurf sieht außerdem vor, bis zum EU-Kanada-Gipfel im kommenden Jahr ein Konzept für eine „immer engere Anbindung Kanadas an die EU“ zu entwickeln. Von der Leyen hatte den Vorschlag einer assoziierten Mitgliedschaft bereits im September bei einer Rede im Beisein Carneys vorgestellt.
Neben Carney und von der Leyen nehmen EU-Ratspräsident António Costa sowie mehrere EU-Kommissarinnen und EU-Kommissare am Gipfel teil. Abgestimmt werden soll eine engere Zusammenarbeit in Energie, Klimaschutz, Technologie und Sicherheit. Kanada soll zudem umfassender an EU-Programmen für Forschung, Bildung und Verteidigung beteiligt werden. Im Hintergrund stehen auch die zunehmenden Konflikte mit den USA unter Präsident Donald Trump.
Ein Vertrag, der erst geschaffen werden müsste
Rechtlich wäre eine Assoziierung kein kleiner Etikettenwechsel. Ein Assoziierungsabkommen nach Artikel 217 AEUV erfordert Einstimmigkeit im Rat der EU und die Zustimmung des Europäischen Parlaments. Der geplante Status müsste also politisch ausgehandelt und institutionell sauber abgesichert werden.
Kanada gilt als parlamentarische Demokratie mit gemeinsamen politischen Werten und als Partner in Sicherheitsfragen. Als mögliche Felder gelten kritische Rohstoffe, saubere Energie, Forschung, Schlüsseltechnologien sowie Verteidigung und Sicherheit. Die Grundlage ist nicht leer: CETA wird seit 2017 vorläufig angewandt, 2025 wurde eine strategische Partnerschaft vereinbart und ebenfalls 2025 eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft geschlossen. Kanada beteiligt sich außerdem am europäischen SAFE-Programm – als einziger Nicht-EU-Staat.
Die engere Verbindung soll über Handelsfragen hinausgehen. Es geht um gemeinsame Handlungsfähigkeit bei Lieferketten, Verteidigung, künstlicher Intelligenz, Energie und Klimaschutz. Dabei sollen ökologische und soziale Standards eine Rolle spielen; CETA soll nicht dazu dienen, niedrigere Standards zu umgehen. Angestrebt wird ein gemeinsames Regulierungsniveau, nicht bloß ein leichterer Austausch von Rohstoffen und Industriegütern.
Von Wasserstoff bis Batterierecycling
Vorgeschlagen wird ein verbindlicher EU-Kanada-Klima- und Energiepakt. Er könnte gemeinsame Investitionen in erneuerbare Energien, Wasserstoffinfrastruktur, Stromnetze, Wärmepumpen und Batteriefertigung bündeln. Öffentliche Förderung soll an gute Arbeitsbedingungen, lokale Wertschöpfung, Kreislaufwirtschaft und nachweisbare Emissionsminderungen geknüpft werden.
Auch bei kritischen Rohstoffen ist ein gemeinsames Programm im Gespräch. Verantwortungsvoller Bergbau, Recycling, Materialsubstitution und transparente Lieferketten sollen zusammen gedacht werden. Geplant wären gemeinsame Zertifizierungsstandards für Lithium, Nickel, Kobalt, Seltene Erden und weitere Rohstoffe, dazu verbindliche Sorgfaltspflichten zu indigenen Rechten, Umwelt- und Arbeitsschutz.
Ein gemeinsames Recyclingnetzwerk könnte Batterien, Elektronik und Windkraftanlagen erfassen. Ergänzend wäre Forschung zu Materialsubstitution und effizienterem Materialeinsatz möglich. Das klingt trocken, betrifft aber Dinge, die in Laboren, Werkstätten und am Ende auch im studentischen Alltag landen – von Akkus bis zu Netzen, die den Strom dafür liefern.
Mehr Austausch, mehr digitale Leitplanken
Kanada soll stärker in europäische Programme für Forschung, Innovation, Bildung und Jugend eingebunden werden. Die Beteiligung an Säule II von Horizon Europe gilt bereits als erster Schritt. Im Raum stehen eine dauerhafte Teilnahme Kanadas an Erasmus+, ein EU-Kanada-Programm für Jugendliche und Fachkräfte sowie mehr Austausch zwischen Studierenden, Auszubildenden, Forschenden und Fachkräften.
Der bestehende digitale Dialog zu KI-Sicherheit, Regulierung und Innovation soll zu einer digitalen Wertepartnerschaft ausgebaut werden. Mögliche Bausteine sind interoperable Standards, vertrauenswürdige künstliche Intelligenz, sichere Zahlungsinfrastrukturen und Schutz vor digitaler Abhängigkeit. Datenschutz, algorithmische Transparenz, Medienpluralismus und der Schutz vor Überwachung gehören ebenfalls auf die Liste.
In der Sicherheits- und Verteidigungszusammenarbeit reicht der mögliche Rahmen von ziviler Krisenprävention und Katastrophenschutz bis zu Cyberabwehr und hybriden Bedrohungen. Genannt werden außerdem die Unterstützung der Ukraine, Klimarisiken, Waldbrandbekämpfung, Arktis-Sicherheit, digitale Resilienz und humanitäre Hilfe. Ziemlich viel für ein einziges Partnerschaftsmodell – und genau deshalb dürfte es in den Verhandlungen ordentlich knirschen.
Für demokratische Legitimation sollen das Europäische Parlament, nationale Parlamente und zivilgesellschaftliche Akteure früh beteiligt werden. Vorgesehen sind Gespräche mit Gewerkschaften, indigenen Gemeinschaften und Umweltverbänden, außerdem ein EU-Kanada-Bürger*innenrat und ein gemeinsames parlamentarisches Assoziationskomitee.
Der Fahrplan liegt noch auf dem Tisch
Der EU-Kanada-Gipfel am 29. und 30. Oktober 2026 in Montreal soll einen verbindlichen Fahrplan beschließen. Vorgeschlagen sind eine politische Absichtserklärung für Verhandlungen über ein Assoziierungsabkommen, klare Kapitel zu Klima, Digitalisierung und Sicherheit sowie der sofortige Beginn konkreter Projekte – etwa zu Rohstoffen, Waldbrandschutz, Wasserstoff, Forschungsmobilität und Zahlungsinfrastruktur.
Daneben soll ein EU-Rechtsrahmen mit ausgewählten Mitwirkungsrechten für Kanada entwickelt werden. Wichtig wäre eine klare Abgrenzung zwischen Assoziierung und EU-Mitgliedschaft. Eine assoziierte Mitgliedschaft soll Europas strategische Handlungsfähigkeit stärken, ökologisch und sozial glaubwürdig sein und Menschen in Europa und Kanada konkrete Vorteile bringen.
Ob am Ende wirklich ein neuer Status entsteht, bleibt offen. Erst müssten Rat und Parlament zustimmen, und schon beim ersten Anlauf haben Merz und weitere Regierungen die Formulierung aus dem Gipfeltext gestrichen. Heute in Montreal geht es daher weniger um einen fertigen Beitritt als um die Frage, wie nah Kanada der EU politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich kommen kann – während draußen vielleicht kalte Oktoberluft durch die Straßen zieht und drinnen an jedem einzelnen Wort gefeilt wird.
Quelle 1: Deutschlandfunk
Quelle 2: Handelsblatt
Quelle 3: joswig.eu
