Sacharow-Preis 2026: Europäisches Parlament stärkt den Internationalen Strafgerichtshof
Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) erhält 2026 den Sacharow-Preis für geistige Freiheit und Menschenrechte. Parlamentspräsidentin Roberta Metsola gab die Entscheidung heute, am 22. Oktober 2026, in Straßburg bekannt. Für das Europäische Parlament ist das Gericht ein wichtiger Akteur bei der Verteidigung des Völkerrechts, der internationalen Gerechtigkeit und der Menschenrechte.
Der IStGH sitzt in Den Haag und verfolgt seit seiner Gründung im Jahr 2002 Verdächtige, denen schwerste Verbrechen vorgeworfen werden: Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Dem Gericht gehören derzeit 125 Vertragsstaaten an. Die USA, Israel, Russland, China und die Türkei erkennen den IStGH allerdings nicht an.
Ein Preis in einer angespannten Lage
Die Auszeichnung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der Gerichtshof und seine Mitarbeiter massiv unter Druck stehen. Die US-Regierung verhängte Sanktionen gegen den IStGH und kündigte an, ihn von internationalen Finanz- und Zahlungssystemen abzuschneiden. Betroffen wären unter anderem Bankgeschäfte, digitale Transaktionen und die E-Mail-Kommunikation.
Hintergrund ist vor allem der internationale Haftbefehl gegen den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Der Haftbefehl liegt seit 2024 vor; ihm werden mögliche Kriegsverbrechen im Gazastreifen vorgeworfen. Netanjahu weist die Vorwürfe zurück. Die US-Regierung wirft dem Gericht unter anderem politisch motiviertes Handeln vor. Außerdem geht Washington gegen den IStGH vor, weil dieser vorläufige Ermittlungen gegen US-Bürger wegen möglicher Kriegsverbrechen in Afghanistan geführt hat.
Im Februar 2025 verhängte US-Präsident Donald Trump Sanktionen gegen Mitarbeiter des Gerichtshofs. Betroffene konnten unter anderem keine E-Mails mehr empfangen und keine Kreditkarten nutzen. Auch Gerichtspräsidentin Tomoko Akane wurde sanktioniert. Im September rief Trump Staaten zum Austritt aus dem IStGH auf, Anfang Oktober folgten Sanktionen gegen den Gerichtshof selbst. Sie sollen erst nach 180 Tagen in Kraft treten und zielen nach Angaben aus Den Haag darauf, Vermögenswerte des Gerichts in den USA einzufrieren und seine Arbeit einzuschränken.
Akane bezeichnete den Sacharow-Preis als wichtiges Signal der Unterstützung für internationale Justiz und die Unabhängigkeit der Gerichte. Der IStGH dankte dem Parlament. Die Auszeichnung unterstütze das Gericht und die internationale Rechtsgemeinschaft, hieß es. Sie unterstreiche außerdem die Bedeutung unabhängiger und unparteiischer Justizbehörden, internationaler Zusammenarbeit und der Verpflichtung, schwerste Verbrechen nicht straflos zu lassen.
Auszeichnung mit Geschichte
Der Sacharow-Preis für geistige Freiheit wird vom Europäischen Parlament seit 1988 an Personen und Organisationen vergeben, die sich für Menschenrechte, Minderheitenschutz, Völkerrecht, Demokratie und Meinungsfreiheit einsetzen. Benannt ist er nach dem sowjetischen Dissidenten und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert.
Die Verleihung findet am 16. Dezember während einer Plenarsitzung in Straßburg statt. Zu den früheren prominenten Preisträgern zählen der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan, der frühere südafrikanische Präsident und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela sowie die venezolanische Friedensnobelpreisträgerin Machado. 2025 ging die Auszeichnung an die inhaftierten Journalisten Msia Amaghlobeli aus Georgien und Andrzej Poczobut aus Polen beziehungsweise Belarus.
Die Entscheidung für den IStGH war von der sozialdemokratischen Fraktion vorgeschlagen worden. Ihr Fraktionsvize Yannis Maniatis erklärte, die EU stehe hinter dem Gericht und seinen Mitarbeitern und müsse alle verfügbaren Mittel zu ihrem Schutz einsetzen. Metsola verwies darauf, dass sich die Europäische Union auf die Achtung der multilateralen Ordnung und internationaler Institutionen gründe.
Gewürdigt wurden auch die weiteren Nominierten: Tundu Lissu setzte sich in Tansania für freie und faire Wahlen ein und befindet sich derzeit in Haft. Die Schwestern Taraneh und Romina Rahimi wurden stellvertretend für Menschen vorgeschlagen, die vom islamischen Regime im Iran verfolgt werden. Taraneh Rahimi droht wegen ihres Protests die Todesstrafe, Romina Rahimi jahrzehntelange Haft.
Signal aus Straßburg
Die Ankündigung erfolgte wenige Stunden nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay. Sie war von 2003 bis 2008 Richterin am IStGH. Der zeitliche Zusammenhang gibt der Entscheidung zusätzlich Gewicht, auch wenn beide Preise unabhängig voneinander vergeben werden.
Für die Studierenden und Forschenden an der Uni Europa ist der Vorgang ein Beispiel dafür, wie eng internationale Rechtsprechung, Politik und tägliche Kommunikation inzwischen zusammenhängen: Ein Haftbefehl, eine gesperrte Kreditkarte, eine nicht mehr zugestellte E-Mail – und dazwischen die große Frage, ob ein Gericht unabhängig arbeiten kann, wenn mächtige Staaten seine Arbeit nicht anerkennen.
