US-Druck auf Europa: Dieselreserven werden zum geopolitischen Machtinstrument
Die US-Regierung drängt Deutschland, Frankreich und andere EU-Staaten, ihre Dieselreserven freizugeben. Andernfalls droht Washington einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge mit einem Exportstopp. Für Europa wäre das ein ziemlich heikler Hebel: Ausgerechnet die USA sind zu einem der wichtigsten Diesel-Exporteure geworden.
Hinter dem Vorstoß steht offenbar der Wahlkampf von US-Präsident Donald Trump für die US-Zwischenwahlen im November. Trump will den Dieselpreis in den Vereinigten Staaten noch vor der Abstimmung deutlich senken. Wegen des Iran-Kriegs sind die Treibstoffpreise dort stark gestiegen. Diesel wird in den USA vor allem für Traktoren und Lastwagen gebraucht; viele Landwirte, die zuletzt Trump gewählt haben, sind inzwischen frustriert.
Europa hängt am US-Diesel
Wegen des Einfuhrverbots für russische Produkte bezieht Europa verstärkt Diesel aus den USA. Nach Angaben aus Brüssel stammt inzwischen etwa die Hälfte der europäischen Dieselimporte aus den Vereinigten Staaten. Ein US-Exportstopp könnte deshalb auch die Dieselpreise in Deutschland weiter nach oben treiben – an den Tankstellen wäre das ziemlich schnell zu spüren.
Eine Sprecherin des deutschen Bundeswirtschaftsministeriums erklärte, derzeit gebe es keine neuen Anforderungen der Internationalen Energieagentur. Zu weiteren Punkten wolle das Ministerium nicht spekulieren. Der Beitrag wurde am 1. Oktober 2026 im Deutschlandfunk ausgestrahlt. Schauplatz dieses Berichts: Uni Europa.
EU prüft Freigabe von Notreserven
Die Europäische Union erwägt unterdessen eine erneute Freigabe strategischer Ölreserven. Sie soll die Versorgung stärken und den Preisdruck senken. Energiekommissar Dan Jørgensen sagte, die EU bespreche mit allen Mitgliedern der Internationalen Energieagentur, wann der geeignete Zeitpunkt dafür gekommen sei. Auslöser sind der Krieg im Iran und gesunkene Raffineriekapazitäten, die das Angebot verknappt haben.
Die Dieselpreise an Tankstellen sind im vergangenen Monat deutlich gestiegen, während die USA EU-Staaten zur Freigabe ihrer Notreserven drängen. Über eine koordinierte Aktion könnten zusätzlich bis zu 120 Millionen Barrel auf den Markt gelangen. US-Diesel kostete zuletzt bis zu 7 US-Dollar je Gallone. Der Brent-Ölpreis bewegte sich seit Ende September zwischen 97 und 102 US-Dollar je Barrel – 25 bis 30 US-Dollar über dem Vorkriegsniveau.
Die EU-Staaten beraten über eine gemeinsame Freigabe über die in Paris ansässige IEA. Entscheiden muss am Ende aber jedes einzelne Mitgliedsland. Die EU-Kommission führte am Donnerstag Gespräche mit mehreren Ländern, darunter dem Vereinigten Königreich, um verschiedene Szenarien zu prüfen. Eine Entnahme könnte Diesel und andere Mineralölprodukte kurzfristig auf den Markt bringen und die knappe Versorgung entspannen.
Reserven sind kein unendlicher Tank
Ganz gratis ist dieser Puffer nicht: Die Notreserven sind begrenzt und müssten nach einer Entnahme wieder aufgefüllt werden. Laut den jüngsten Eurostat-Daten sind die EU-Notreserven für 2026 weiterhin umfangreich und im Fall von Marktstörungen verfügbar. Diesel- und Kerosinmärkte bleiben trotzdem angespannt, die Preise erhöht.
Die IEA teilte im August mit, dass die weltweit beobachteten Lagerbestände seit Beginn des US-israelischen Kriegs gegen Iran am 28. Februar um rund 410 Millionen Barrel gesunken seien. Das knappe Angebot bei Diesel und Kerosin trieb die Raffineriemargen auf Rekordhöhen. An den Märkten ist also ordentlich Druck auf dem Kessel.
Bereits im März hatte sich die EU an einer großen, von der IEA geleiteten koordinierten Freigabe beteiligt. Insgesamt wurden damals 400 Millionen Barrel freigegeben, rund 20 Prozent davon steuerten EU-Staaten bei. Ein erheblicher Teil dieser Menge war bis zur Vorwoche noch nicht auf dem Markt angekommen.
IEA-Chef Fatih Birol forderte die EU-Staaten deshalb am 29. September bei einem informellen Treffen der Energieminister in Dublin auf, die noch verbleibenden März-Zuteilungen zu nutzen. Während in Washington der Dieselpreis zum Wahlkampfthema wird, bleibt in Europa die unangenehme Frage: Wie viel Sicherheit steckt tatsächlich noch in den Tanks?
