Hinter Mauern und Bäumen an der Offenbacher Landstraße liegt ein Stück Frankfurter Wissenschaftsgeschichte: die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen. Das abgeschirmte Gelände in Sachsenhausen, an der Grenze zu Oberrad, hat historische Gebäude, einen Park und einen Campus – und feiert 2026 sein 100-jähriges Bestehen.

Gegründet wurde die heute staatlich anerkannte, private katholische Hochschule in jesuitischer Trägerschaft am 25. Oktober 1926 als „Philosophisch-Theologische Lehranstalt Sankt Georgen“. Ihr Motto lautet „pietati et scientiae“ – „Für Religion und Wissenschaft“. Entstanden ist sie, nachdem der Plan gescheitert war, an der 1914 gegründeten Goethe-Universität Frankfurt eine katholisch-theologische Fakultät einzurichten.

Vom Priesterseminar zur offenen Hochschule

Die Vorgeschichte reicht weiter zurück. Das seit 1829 bestehende Priesterseminar der Diözese Limburg sollte nach dem Willen des Limburger Bischofs Augustinus Kilian zu einer vollständigen theologischen Fakultät ausgebaut werden. Nachdem das 1917 aufgehobene Jesuitengesetz die Rückkehr des Ordens und seiner Ausbildungsstätten nach Deutschland ermöglicht hatte, suchten die Jesuiten seit Anfang der 1920er-Jahre nach einem eigenen Grundstück. 1925 erwarben sie die „Villa Grunelius“ mit dem historischen Park Sankt Georgen. Der Name erinnert an den früheren Eigentümer, den Frankfurter Bankier Johann Georg von Saint George (1782–1863).

Auf dem Gelände entstanden Hochschule, Priesterseminar und Jesuitenkommunität. Zunächst wurden vor allem Weltpriester der Diözese Limburg ausgebildet. Bald kamen Seminaristen aus Osnabrück und Hildesheim hinzu, teilweise auch aus Berlin und Aachen; seit der Wiedererrichtung des Erzbistums 1995 außerdem aus Hamburg. Der päpstliche Apostolische Nuntius Eugenio Pacelli förderte das Projekt als geplantes Zentrum scholastischer Theologie in Deutschland.

Die theologische Fakultät der Jesuiten blieb zunächst bis 1942 im niederländischen Valkenburg aan de Geul, war von 1945 bis 1950 in Büren und kam anschließend nach Frankfurt. Ab 1951 wurden dort der diözesane Priesternachwuchs und junge Jesuiten parallel ausgebildet, 1970 vereinigte man die beiden Ausbildungseinrichtungen. Alfred Delp begann sein Theologiestudium in Valkenburg und setzte es ab 1936 in Sankt Georgen fort.

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Der Zweite Weltkrieg hinterließ tiefe Spuren: Bei einem Luftangriff in der Nacht vom 18. auf den 19. März 1944 wurde Sankt Georgen zusammen mit großen Teilen Oberrads zerstört. Im November 1946 nahm der Lehrbetrieb wieder auf, 1949 war der Wiederaufbau abgeschlossen. Das kirchliche Promotionsrecht galt zunächst nur für Jesuiten, seit 1974 auch für andere Studierende. 1980 folgte die Anerkennung als Wissenschaftliche Hochschule, 1982 das Recht zur Verleihung des theologischen Doktorgrades, 1983 jenes für das theologische Lizentiat. 2000 erhielt Sankt Georgen das Habilitationsrecht in Theologie, mit Wirkung auch für den staatlichen Rechtsbereich.

Früher studierten dort rund 150 Priesteramtskandidaten, heute sind es noch sechs, nach anderer Zählung knapp zehn Priesterkandidaten aus den Bistümern Aachen, Hamburg, Hildesheim, Limburg und Osnabrück. Gleichzeitig zählt die Hochschule rund 250 Studierende; im Wintersemester 2023/24 waren es 263. Etwa 60 Dozenten, Assistenten und Lehrbeauftragte arbeiten dort, darunter 17 Professoren. Etwa die Hälfte der Professoren und Dozenten gehört dem Jesuitenorden an.

Ein Campus mit vielen Wegen

Das Studienangebot reicht längst über die klassische Priesterausbildung hinaus. Es gibt den Magister in Theologie (Mag. theol.), das Lizentiat in Theologie (Lic. theol.), das Doktorat in Theologie (Dr. theol.), ein Doktorat in Philosophie (Ph.D.) und die Habilitation in Theologie (Dr. theol. habil.). Hinzu kommen der berufsbegleitende Bachelor „Kirchliche Praxis in säkularer Gesellschaft“ sowie der Master „Sozialethik im Gesundheitswesen“ in Kooperation mit der Goethe-Universität Frankfurt.

Als Zertifikatsprogramme werden ein Philosophisches Orientierungsjahr, das Philosophicum, „Islam und christlich-muslimische Begegnung“ sowie „Medien und öffentliche Kommunikation“ angeboten. Postgraduale Aufbaustudiengänge ermöglichen Vertiefungen in biblischer, historischer, systematischer und praktischer Theologie. Dazu kommt das Aufbaustudium „Pastoralpsychologie und Spiritualität“. Der Bachelor in Philosophie lief bis 2023, das Diplom in Katholischer Theologie bis 2010.

Seit Anfang Oktober ist Stephan Herzberg Rektor, seine Stellvertreterin ist Melanie Peetz. Vom akademischen Hochschulrektor zu unterscheiden sind der Rektor beziehungsweise Superior des Jesuitenkollegs und der Rektor beziehungsweise Regens des Priesterseminars; bis mindestens 1956 lagen diese Ämter teilweise in Personalunion. Dem Campus sind das überdiözesane Priesterseminar Sankt Georgen und eine Jesuitenkommunität angeschlossen. Seit Juni 2023 ist Axel Bödefeld SJ Regens. Stephan Kessler SJ hatte das Amt von 2005 bis 2016 inne, im September 2016 folgte Herbert Rieger SJ.

Einige Studierende wohnen auf dem Campus, andere kommen nur tagsüber. Das frühere, bis in die 1990er-Jahre deutlich strengere Wohnheim funktioniert heute weitgehend wie ein normales Studierendenwohnheim. Neben angehenden Priestern leben dort weltliche Studierende, internationale Doktoranden und weitere Gäste; ein Stockwerk ist an Auswärtige vermietet. Im selben Gebäude wohnen etwa 20 meist ausländische Priester, die ein postgraduales Studium im Lizentiat oder Doktorat absolvieren (Stand 2024). Seit 2015 leben Geflüchtete im Gästehaus.

Etwa 20 Jesuiten sind noch in Sankt Georgen tätig. Sie unterrichten, veranstalten Seminare und laden sonntags zum Gottesdienst in die Campus-Kirche ein. Die 1993 fertiggestellte Kirche „St. Georg“ hieß bis 2023 „Seminarkirche“ und wurde von den Schweizer Architekten Ernst und Gottlieb Studer entworfen; der Altar stammt von Ulrich Rückriem. 2015 kam die byzantinische Kirche „Vom Heiligen Kreuz zu Jerusalem“ hinzu. Sie befindet sich in einem Raum innerhalb des Kolleggebäudes, ihr Konzept stammt von Michael Schneider.

Auf dem Campus gibt es mehrere Kirchen, Kapellen und Gebetsorte. Seit 2022 wird das Gelände zu einem „Hochschul- und Berufungscampus“ entwickelt. Der von Clemens Blattert SJ geleitete Bereich „Berufungscampus“ umfasst die seit 2017 bestehende „Zukunftswerkstatt SJ“, die vor allem Exerzitien und geistliche Auszeitwochenenden für junge Erwachsene anbietet. Das Zentrum für Berufungspastoral der Deutschen Bischofskonferenz sitzt seit 2023 hier. Ebenfalls seit 2022 gibt es das „Refugium für Mitarbeitende in Caritas und Pastoral“, eine Einrichtung des Bistums Limburg für spirituelle Angebote und die Begleitung kirchlicher Teamprozesse.

Bibliothek, Park und Weltkirche

Die Hochschulbibliothek ist auf theologische und philosophische Literatur spezialisiert. Ihre Bestände umfassen rund 450.000 Bücher, nach dem Stand von 2018 knapp 500.000 Bände. Darunter sind historische Handschriften, spätmittelalterliche Inkunabeln sowie Bücher aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Eine eigene Restaurierungswerkstatt kümmert sich um historische Bestände. Integriert wurden auch Bibliotheken des Jesuitenkollegs Valkenburg und weiterer Jesuitenkollegien; ein Sammlungsschwerpunkt ist Literatur über den Jesuitenorden.

622 laufende Zeitschriften führt die Bibliothek. Dazu kommt ein islamwissenschaftlicher Spezialbestand, der teils in der Hochschulbibliothek, teils bei CIBEDO auf dem Campus steht. Die Bibliothek ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Katholisch-Theologischer Bibliotheken. Auswärtige Forschende nutzen sie für Quellenstudien – zwischen alten Buchrücken kann das ziemlich schnell ein ganzer Arbeitstag werden.

Auch draußen gibt es einiges zu entdecken: Der Park umfasst mehr als 600, teils exotische Pflanzenarten. Tagsüber ist er zur Erholung und zum Pflanzenstudium zugänglich. Die Mensa steht externen Gästen offen und ist zugleich Treffpunkt für Menschen aus dem Stadtteil Oberrad. Seit 2015 wohnen Geflüchtete im Gäste