In Spanien gehen heute Tausende Menschen gegen die Wohnungsnot auf die Straße. Sie fordern menschenwürdigen Wohnraum und besseren Mieterschutz. Proteste gibt es unter anderem in Madrid, Barcelona und Valencia; nach Angaben des staatlichen Senders RTVE waren für Samstag Demonstrationen in mehr als 50 Städten angekündigt.

Der Unmut richtet sich auch gegen die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez. Am Freitag scheiterte seine linke Regierungskoalition im Parlament mit zwei Dekreten gegen steigende Mieten und Zwangsräumungen. Konservative und rechtspopulistische Abgeordnete lehnten die Vorhaben ab. Für die Demonstrierenden ist das ein Signal, dass die Politik ihre Wohnungsnot nicht ernst genug nimmt.

Proteste nach Zwangsräumung

Valeria Racu, Sprecherin des Mieterverbands von Madrid, nannte die Proteste eine Warnung an die Politik. Sie forderte einen Generalstreik und kündigte an, die Demonstrationen so lange fortzusetzen, bis es politische Veränderungen gibt.

Auslöser der jüngsten Protestwelle war die im Fernsehen übertragene Zwangsräumung der 87-jährigen Maricarmen Abascal – in manchen Berichten wird ihr Name als Mariacarmen Abascal geschrieben – aus ihrer Wohnung in Madrid. Landesweit gingen daraufhin Zehntausende unter dem Motto „Ni una Maricarmen más“ („Nicht eine weitere Maricarmen“) auf die Straße. In Madrid und anderen Städten entstanden Zeltlager, außerdem wurden Protestcamps in Barcelona, Sevilla und Málaga errichtet. Abascal durfte inzwischen in ihre Wohnung zurückkehren.

Was im Parlament scheiterte

Geplant waren ein Mietenstopp und ein erweiterter Kündigungsschutz. Das erste Dekret sollte Zwangsräumungen besonders schutzbedürftiger Menschen verhindern, Immobilienspekulation erschweren, strengere Regeln für Kurzzeitvermietungen einführen und steuerliche Anreize für Vermietungen sowie den Wohnungsbau schaffen. Es wurde mit 178 von 350 Stimmen abgelehnt.

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Das zweite Dekret sah vor, befristete Mietverträge in dauerhafte Mietverhältnisse umzuwandeln. Es scheiterte mit 184 Gegenstimmen; sein Ende war bereits vor der Debatte erwartet worden. Mietverträge in Spanien laufen bislang höchstens acht Jahre. Danach können Vermieter und Mieter einen neuen Vertrag mit veränderten Bedingungen vereinbaren.

Pedro Sánchez hatte für die Maßnahmen geworben, um große wirtschaftliche und soziale Schäden abzuwenden. Wohnungsbauministerin Isabel Rodríguez von der PSOE stellte die Abstimmung als Entscheidung zwischen der Unterstützung und dem Schutz der Bevölkerung auf der einen Seite und den Interessen von Immobilienfonds auf der anderen dar, die mit Wohnraum spekulierten.

Die konservative Volkspartei Partido Popular, die rechtspopulistische beziehungsweise rechtsextreme Vox und die konservative katalanische Separatistenpartei Junts stimmten gegen die Dekrete. Oppositionssprecher warnten, die Maßnahmen würden das Wohnungsangebot verknappen und die Mieten weiter erhöhen.

Junts-Parlamentssprecherin Míriam Nogueras forderte die Regierung auf, beide Dekrete zurückzuziehen, und bot Gespräche über Änderungen an. Bis zuletzt hatte Sánchez gehofft, dass Junts zumindest das erste Dekret unterstützen würde.

Mieten fast verdoppelt

Der Streit kommt in einem Land, in dem Wohnen für viele Menschen kaum noch leistbar ist. Laut dem Immobilienportal Idealista stieg der durchschnittliche Mietpreis pro Quadratmeter von 8,20 Euro im Jahr 2016 auf 15,10 Euro im Jahr 2026. Die durchschnittliche Miete von 1.176 Euro entspricht laut spanischem Jugendrat für junge Menschen fast 99 Prozent ihres Durchschnittsgehalts. Da bleibt am Monatsende nicht viel übrig – wenn überhaupt.

Die Regierung argumentiert mit dem Schutz vor Verdrängung und Spekulation. Die Opposition hält dagegen, staatliche Eingriffe könnten das Angebot weiter verknappen. Mieterschutzverbände kündigten nach der Parlamentsentscheidung neue Proteste an; die Forderung nach einem Mietenstopp und besseren Regeln dürfte damit nicht so schnell verschwinden.

Regierung unter Druck

Politisch verschärft das Scheitern die Krise der Regierung. Seit die konservative katalanische Separatistenpartei Junts mit ihren sieben Abgeordneten vor knapp einem Jahr ihre Unterstützung aufgekündigt hat, kann Sánchez Gesetzesinitiativen nur noch schwer durch das Parlament bringen. Vor der Abstimmung war deshalb erneut über vorgezogene Neuwahlen spekuliert worden.

Regulär wären die nächsten Wahlen im kommenden Sommer, die für das kommende Jahr geplante Parlamentswahl könnte nach Einschätzung spanischer Medien jedoch vorgezogen werden. Sánchez hat sich dazu bislang nicht geäußert. Laut „El País“ will er an diesem Wochenende die Stimmung in der Bevölkerung nach dem Scheitern der Dekrete und den landesweiten Protesten prüfen und anschließend über Neuwahlen entscheiden.

Zusätzlich steht der Ministerpräsident wegen der Migrationskrise in Ceuta und wegen Korruptionsfällen unter Druck. Heute, am 3.10.2026, wird die Wohnungsfrage damit endgültig zu mehr als einem Streit über zwei Gesetzestexte: In Madrid, Barcelona, Valencia und Dutzenden weiteren Städten sammeln sich Menschen, die genug haben von steigenden Zahlen auf dem Mietvertrag und zu wenig Platz im eigenen Leben.