Was vor dem ersten Schnitt geschieht: OP-Pflege und Logistik an der Universitätsmedizin Göttingen
Hinter den Türen der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) läuft vieles, was Patientinnen und Patienten kaum zu sehen bekommen. Ein NDR-Kamerateam hat Beschäftigte für die zweiteilige Reportage „Im Einsatz für die Uniklinik“ begleitet. Heute, am 3.11.2026, lässt sich in Göttingen nachvollziehen, wie viele Hände, Wege und Kontrollschritte nötig sind, bevor ein Eingriff überhaupt beginnt.
OP-Pflegekraft Vanessa Junitz ist schon mehr als eine Stunde vor dem Chirurgen im Saal. Sie kontrolliert den Raum, packt die Operationsinstrumente aus und legt alles an den vorgesehenen Platz. Steril muss es sein, vollständig und griffbereit. Im Zentralen OP der UMG befindet sich die zentrale OP-Abteilung auf Ebene 01 im Hauptgebäude. Dort gibt es 28 Operationseinheiten, die verschiedenen chirurgischen Kliniken zugeordnet sind. Zusätzliche Säle betreiben unter anderem die Augenheilkunde, die Dermatologie, die Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (ZMK), die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO) sowie weitere Kliniken.
Was vor dem ersten Schnitt passiert
Pflegekräfte übernehmen bei ambulanten und stationären Eingriffen instrumentierende Tätigkeiten und Springerdienste. Instrumentierkräfte stellen Materialien bereit, bereiten die Operationseinheit vor, unterstützen die Operateure bei der Patientenlagerung, übernehmen die sterile Vorbereitung der Patientinnen und betreuen den Eingriff mit.
Vor einer Operation werden sterile Instrumente und Materialien zusammengestellt, der Saal auf Sterilität und Vollständigkeit geprüft und die Patientenvorbereitung mit dem Anästhesieteam abgestimmt. Bei längeren oder komplexen Eingriffen können Instrumente, Implantate, Lagerungssysteme und Geräte schon etwa eine Stunde vor dem Schnitt bereitliegen. Bei seltenen oder neuen Verfahren braucht es zusätzlich gemeinsame Vorbereitungen, Simulationen und detaillierte Ablaufpläne.
Im sterilen Bereich arbeitet der instrumentierende Dienst am Tisch und reicht Scheren, Pinzetten, Haken und andere Materialien in der benötigten Reihenfolge an. Der Springerdienst bleibt außerhalb der sterilen Zone, beschafft Material, bedient Geräte und hält den organisatorischen Faden zusammen. Erfahrene Kräfte ahnen oft, welcher Schritt als Nächstes kommt. Ein kurzer Blick, ein Handzeichen – viel gesprochen wird im OP nicht, aber die Abstimmung zwischen Chirurgie, Anästhesie, Anästhesiepflege und OP-Pflege muss sitzen.
Während der Operation werden Sterilität und korrekte Instrumentenauswahl laufend kontrolliert. Bei Blutungen oder zusätzlichem Bedarf muss das Material sofort da sein. Das Instrumentenzählen folgt einem dokumentierten Vier-Augen-Prinzip: vor, während und nach dem Eingriff. Checklisten, darunter die WHO-Sicherheitscheckliste, strukturieren die Abfragen vor dem Schnitt, vor dem Verlassen des Saals und bei Übergaben.
Vom OP-Tisch bis zur Zentralsterilisation
Nach der Operation werden Instrumente und Materialien vollständig gezählt, der Ablauf dokumentiert und die Aufbereitung veranlasst. Das benutzte OP-Besteck landet in der UMG-Zentralsterilisation. Hüseyin Kocabiyik und sein Team reinigen, prüfen, sortieren und sterilisieren dort täglich Zehntausende Instrumente. In der Regel durchlaufen die Instrumente Reinigung, Desinfektion und Sterilisation in einer zentralen Sterilgutversorgung beziehungsweise AEMP.
Auch Verfallsdaten steriler Materialien, Bestellungen von Verbrauchsmaterial und die Abstimmung der Instrumentensets mit der Sterilgutversorgung gehören zur Logistik. Eine enge Zusammenarbeit mit AEMP oder ZSVA verhindert Verzögerungen im OP-Plan. Manche Pflegekräfte arbeiten zeitweise in der Sterilgutversorgung mit, um den gesamten Aufbereitungsprozess kennenzulernen.
Hinter den Klinikmauern ist außerdem ein weit verzweigtes automatisches Transportsystem unterwegs. Mechatroniker Lars-Simon Facius betreut diese Anlage. Und dann gibt es noch Daniel Knoke: Der Blutfahrer bringt Blutproben und Blutkonserven mit dem Fahrrad durch die langen Klinikflure. Nicht gerade die große Bühne – aber ohne diese schnellen Wege würde der Betrieb ordentlich ins Stocken geraten.
In der Pathologie untersucht Oberärztin Dr. Laura Langer Gewebe, Organe und Tumore. Im „Zuschnitt“ bereitet sie Präparate für die mikroskopische Untersuchung vor. Die Ergebnisse bilden später die Grundlage für Diagnosen und Behandlungen. Das klingt nüchtern, ist aber ein Moment, an dem sich entscheidet, wie es für einen Menschen weitergeht.
Der Beruf zwischen Präzision und Bereitschaftsdienst
OP-Pflege bedeutet Sterilität, hohe Konzentration, Zeitdruck und enge Teamarbeit. Voraussetzung ist eine abgeschlossene Ausbildung als Pflegefachkraft. Üblicherweise folgt eine zweijährige berufsbegleitende Fachweiterbildung für den Operationsdienst, mit Anatomie, Hygiene, Instrumentenkunde und Assistenz bei verschiedenen Eingriffen.
Die Anforderungen wechseln je nach Operation deutlich – eine Hüftoperation läuft nicht wie ein Herz- oder neurochirurgischer Eingriff. In der Herz-Thorax-Chirurgie gehört gegebenenfalls die Arbeit mit der Herz-Lungen-Maschine dazu, in der Neurochirurgie zählen extreme Präzision und oft lange Operationszeiten. Die Unfallchirurgie bringt häufig Notfälle und ein großes Instrumentenspektrum mit. Ambulante Chirurgie bietet meist kürzere, standardisierte Eingriffe und planbarere Arbeitszeiten. In anderen Fachbereichen ist dafür normalerweise keine erneute Grund-Fachweiterbildung nötig; häufig reicht eine Einarbeitung.
Robotergestützte Chirurgie verlangt zusätzlich technisches Verständnis für Bedienung und Wartung. Wird geröntgt, etwa in der Unfallchirurgie oder Kardiologie, sind Bleischürzen, Dosimeterkontrollen und Sicherheitsabstände notwendig. Nach einigen Stunden stehen Rücken, Nacken und Gelenke trotzdem nicht jubelnd daneben: Statische Körperhaltungen, lange Stehzeiten und schwere Schutzkleidung belasten. Höhenverstellbare Tische, dämpfende Stehmatten und ergonomische Operationsleuchten können helfen.
Der Dienstplan besteht meist aus regulären Tagdiensten und Bereitschaften nachts, am Wochenende und an Feiertagen. Viele Kliniken verteilen diese Dienste über ein Rotationssystem. Notfälle verlängern den Arbeitstag, manchmal deutlich, und machen private Planung zur Glückssache. Belastend sind mehrstündige Konzentration, unerwartete Komplikationen, enge OP-Taktungen und kurze Wechselzeiten ebenso wie schwere Verläufe oder Todesfälle. Nach belastenden Notfällen gibt es in manchen Kliniken Nachbesprechungen, Fallberatungen, Supervision oder psychologische Unterstützung.
Wenn es plötzlich schnell gehen muss
Blutungen, allergische Reaktionen oder unerwartete Befunde verlangen koordiniertes Handeln. Die OP-Pflege stellt Zusatzmaterial sofort bereit. Simulationstrainings üben zum Beispiel massive Blutungen oder Herzstillstände und verbessern Reaktionsgeschwindigkeit und Teamkoordination. Fehler sollen in einer offenen Fehlerkultur gemeinsam analysiert werden; Critical-Incident-Reporting-Systeme ermöglichen die anonyme Meldung und Auswertung von Beinahe-Fehlern.
Neue Mitarbeitende werden meist mehrere Wochen eingearbeitet. Häufig beginnen sie im Springerdienst, bevor sie eigenständig instrumentieren. Sie lernen Abläufe, Instrumentensiebe und teaminterne Regeln kennen. Aufmerksamkeit, Lernbereitschaft und das offene Ansprechen von Unsicherheiten sind gefragt. Praktische Erfahrung und Mentoring bleiben wichtig, denn vorausschauendes Arbeiten lernt man nicht allein aus Büchern.
Zwischen zwei Eingriffen werden Räume gereinigt, neu instrumentiert und für den nächsten Fall vorbereitet. In ruhigeren Phasen legt die instrumentierende Pflege schon die nächsten Instrumente bereit, während der Springerdienst Material beschafft und organisatorische Aufgaben erledigt. Verlängert sich eine Operation oder tritt eine Komplikation auf, verschiebt sich der ganze Tagesablauf – und aus einem scheinbar festen Plan wird schnell ein Zettel voller Änderungen.
Angehörige haben keinen Zugang zum OP-Saal. Bei langen Eingriffen können Koordinatoren oder geschulte Pflegekräfte jedoch über ungefähre Abläufe informieren. Medizinische Auskünfte und die ärztliche Aufklärung bleiben Aufgabe des ärztlichen Teams.
Fortbildungen hören nach der Fachweiterbildung nicht auf. Neue OP-Verfahren, Instrumente, Geräte, Hygienestandards, Robotik, andere Medizintechnik und spezielle chirurgische Fachgebiete verlangen regelmäßiges Lernen. Weitere Wege führen etwa in die Anästhesie- und Intensivpflege, die Endoskopie oder ambulante OP-Zentren. Möglich sind auch OP-Koordination, die Leitung eines Zentral-OPs, Praxisanleitung sowie Management- und Führungsqualifikationen. Internationale Hospitationen und Fachkongresse eröffnen Einblicke in andere Organisations- und Ausbildungsmodelle.
Ambulante OP-Zentren bieten häufig planbarere Tagesarbeitszeiten ohne Nacht
