Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Halle, zeigt Verständnis dafür, dass die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stark abgeschnitten hat. Im Interview spricht er über die Gründe für diese Wahlentscheidung – und über Probleme, die viele Menschen offenbar bei anderen Parteien nicht ausreichend angesprochen sehen.

Privorozki thematisiert außerdem Antisemitismus innerhalb der Linken und des BSW sowie modernen Judenhass. Weitere Aussagen des Interviews sind wegen einer Bezahlschranke im vorliegenden Text nicht enthalten.

Besorgnis jüdischer Organisationen

Der Wahlerfolg der AfD löste bei jüdischen Organisationen in Deutschland und im Ausland große Besorgnis aus. Der Landesverband der jüdischen Gemeinden in Sachsen-Anhalt veröffentlichte ein Positionspapier zur Zukunft jüdischen Lebens. Darin fordert er den konsequenten Schutz demokratischer Grundwerte, den Ausbau der Sicherheitsstrukturen und ein klares Bekenntnis zu gesellschaftlicher Vielfalt und Minderheitenschutz.

Auch jüdische Einrichtungen müssten geschützt und die Bildungsarbeit nachhaltig gestärkt werden. Angesichts anhaltender antisemitischer Bedrohungen sehen die jüdischen Gemeinden Staat und Politik besonders in der Pflicht. Demokratische Wahlen seien das Fundament des Gemeinwesens, heißt es in dem Papier. Doch auch nach dem Wahltag müssten Gedenkkultur, demokratische Wehrhaftigkeit und Minderheitenschutz bestehen bleiben.

Die Erinnerung an den Holocaust und die NS-Verbrechen müsse bewahrt und weiterentwickelt werden. Jüdisches Leben sei seit mehr als 1.000 Jahren in Sachsen-Anhalt verwurzelt und bleibe Bestandteil der Gesellschaft. Wegen der unklaren Mehrheitsverhältnisse im neuen Landtag wollten sich die Verantwortlichen der jüdischen Gemeinden zunächst nicht konkret zu möglichen Folgen des AfD-Siegs äußern.

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„Gruseliger Schwebezustand“

Der jüdische Antisemitismus-Aktivist Igor Matviyets aus Halle bezeichnete die Wahlergebnisse als „gruseligen Schwebezustand“. Viele Menschen hätten für eine radikale politische Veränderung gestimmt. Welche Folgen daraus entstünden, sei noch unklar. Nach seiner Einschätzung sei der Konsens über Erinnerungspolitik, Religionsfreiheit und internationale Solidarität aufgebrochen. Nun müsse sich zeigen, wie die Befürworter dieser Werte reagierten.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, erklärte, er sei über das gute Abschneiden der Rechtsextremen persönlich entsetzt. Die Ziele der AfD seien in den Monaten zuvor klar erkennbar gewesen. Wer die Partei trotz oder wegen dieser Ziele gewählt habe, trage Verantwortung für das Ergebnis.

Charlotte Knobloch, Holocaustüberlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sagte, sie erkenne ihre Heimat an solchen Tagen nur schwer wieder. Einen Wahlsieg von Rechtsextremen in Deutschland in diesem Ausmaß habe sie nicht für möglich gehalten. Auch Eva Umlauf, Vorsitzende des Internationalen Auschwitz-Komitees und Überlebende des NS-Vernichtungslagers Auschwitz, sprach von Angst. Holocaustüberlebende hätten nicht damit gerechnet, dass eine rechtsextreme Partei erneut stärkste Fraktion in einem deutschen Parlament werden könnte.

Warnungen aus dem In- und Ausland

Gady Gronich von der Europäischen Rabbinerkonferenz kritisierte die Medienberichterstattung über die AfD. Die monatelange Fokussierung auf die Partei und die Verstärkung jeder Provokation könnten zu ihrer Stärke beigetragen haben. Die Antwort dürfe nun nicht in weiterer Empörung und Polarisierung bestehen. Die demokratische Mitte müsse Probleme klar benennen und Vertrauen zurückgewinnen. Antisemitismus sei kein jüdisches Problem, sondern ein Warnsignal für die Demokratie.

Alina Bricman, Europa-Direktorin von B’nai B’rith International, bezeichnete den Wahlerfolg als zutiefst beunruhigend. Der Landesverband der AfD wird vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft. Das Ergebnis müsse über Deutschland hinaus als Warnsignal verstanden werden. Demokratische Institutionen und die Zivilgesellschaft müssten eine klare Grenze gegen Antisemitismus, Geschichtsverfälschung und die Rehabilitierung faschistischer Ideologie ziehen.

Nötig sei eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung zur Bekräftigung der Grundlagen der deutschen Nachkriegsdemokratie. B’nai B’rith International sorgt sich zusätzlich über die pro-russische Ausrichtung der AfD, ihre Einbindung in internationale Netzwerke extremistischer Bewegungen sowie die gegenseitige Unterstützung und Legitimierung dieser Bewegungen über Grenzen hinweg.

Bricman forderte, die im Grundgesetz vorgesehenen Schutzvorkehrungen zu nutzen und demokratische sowie zivilgesellschaftliche Strukturen stärker zu finanzieren, um eine weitere Normalisierung der AfD zu verhindern. Das Berliner Büro des American Jewish Committee erklärte am Wahlabend, der AfD-Sieg sei ein düsterer Meilenstein. Die Partei sei nur noch einen Schritt davon entfernt, die erste rechtsextreme Landesregierung in Deutschland seit der NS-Zeit zu bilden.

Das AJC warne seit Langem vor dem aus seiner Sicht grundlegenden und in der Partei verankerten Antisemitismus der AfD. Dieser sei tief in ihrer autoritär-nationalistischen Politik verwurzelt. An der Uni Halle dürfte die Nachricht heute, am 25.09.2026, dennoch nicht nur als abstrakte Berliner oder Magdeburger Debatte ankommen: Halle ist der Ort, an dem Privorozki und Matviyets ihre Stimme erheben – zwischen Seminaren, Bibliothekslicht und dem ganz normalen Lärm des Hochschulalltags.