An der Universität Hamburg erklärt Prof. Dr. Kerstin Jergus, warum junge Menschen derzeit auf die Straße gehen. Die Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft sieht darin nicht bloß eine spontane Welle, sondern das Ergebnis eines über Jahre gewachsenen Generationenkonflikts. Viele Jugendliche hätten den Eindruck, bei politischen Entscheidungen und mit ihren Anliegen zu wenig berücksichtigt zu werden.

Der Frust hängt für Jergus eng mit dem Alltag zusammen: marode Schulgebäude, Lehrkräftemangel, hohe Wohnkosten und unzureichende öffentliche Leistungen – beim Wohnen, beim Essen und im Gesundheitsbereich. Dazu kommen die Folgen der Klimakrise. Während der Corona-Pandemie erlebten Jugendliche politische Maßnahmen besonders unmittelbar: Schulschließungen und fehlende Betreuung in Kinder- und Jugendeinrichtungen griffen direkt in ihr Leben ein.

Eine Zukunft, die sich nicht lebbar anfühlt

Deutschland und Europa beschreibt Jergus als überalterte Gesellschaften, die keine ausreichende Vision einer lebbaren Zukunft böten. Renten-, Wohn- und Sozialpolitik privilegierten ihrer Einschätzung nach vor allem ältere Generationen. Für viele Junge wirkt das wie eine Rechnung, die sie später bezahlen sollen, obwohl sie heute schon mit den Folgen leben.

Europaweit richten sich die Proteste vor allem gegen das marode Bildungssystem, fehlende soziale Gerechtigkeit und eine unzureichende Klimaschutzpolitik. Schon die Klimaproteste der Jahre 2018 und 2019 waren von diesen Themen geprägt. Die damaligen Forderungen seien politisch nicht ausreichend berücksichtigt worden, sagt Jergus. Stattdessen beobachtet sie eine rückwärtsgewandte Energiepolitik, eine auf ältere Menschen ausgerichtete Rentenpolitik sowie Kürzungen im Sozial- und Bildungsbereich.

In Deutschland kommt die geplante beziehungsweise wieder eingeführte Wehrpflicht hinzu. Sie vermittle Jugendlichen laut Jergus das Signal, politisch vor allem als Soldaten und Beitragszahler relevant zu sein – nicht als Gruppe mit eigenen Interessen. Gleichzeitig wachsen die Sorgen um die Demokratie angesichts rechtsautoritärer Entwicklungen in Europa. Jergus fasst die Proteste als Reaktion auf eine politische Verschärfung der generationellen Ungleichgewichte zusammen: Junge Menschen fordern Veränderungen, fühlen sich in klassischen politischen Institutionen aber nicht ausreichend gehört und behandelt.

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Mehrere Länder, ähnliche Wut

Protestforscher Florian Staudt beobachtet in mehreren europäischen Ländern eine Bewegung junger Menschen. Gemeinsame Forderungen richten sich unter anderem gegen gestiegene Lebenshaltungskosten und marode Bildungssysteme. Daneben gibt es länderspezifische Anliegen. Viele junge Menschen hätten den Eindruck, dass ihre bisherigen Forderungen über Beteiligungsformate und Demonstrationen nicht ausreichend gehört wurden. Größere Proteste sollen ihnen nun mehr Nachdruck verleihen.

„Die Jugend ist wütend“ – mit diesem Hinweis signalisierten die Protestierenden laut Staudt, dass sie ernsthafte Gesprächsangebote von der Politik erwarten. Erste Reaktionen, die vor allem aus Warnungen vor Gewalt, Einschränkungen und pauschalen Verurteilungen bestanden, kritisiert er als falsches Signal. Die Proteste sollten vielmehr als Möglichkeit für ernsthafte Gespräche verstanden werden.

In Frankreich wurde eine Plattform eingerichtet, auf der Schülerinnen, Schüler und Studierende ihre Forderungen eintragen können. Auch die deutsche Bundesbildungsministerin zeigte laut Staudt erste Anzeichen von Dialogbereitschaft. Für Deutschland erwartet der Protestforscher zunächst den Beginn einer Entwicklung; wie groß die Proteste werden und wie hoch der Mobilisierungsgrad ist, sei noch unklar. Er hofft auf friedliche Demonstrationen, bei denen die Forderungen im Mittelpunkt stehen, und auf anschließende Gespräche.

Frankreich ist konfrontativer

Die französische Protestkultur sei konfrontativer als die deutsche, erklärt Staudt. Ein Grund liegt im politischen Aufbau: Frankreich hat ein zentralistisches System, Deutschland eine föderale Struktur – etwa im Bildungsbereich. In Frankreich richtet sich die Wut deshalb stärker gegen den Zentralstaat.

Dort hat sich zudem über Jahre Unzufriedenheit über soziale Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit aufgebaut. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Frankreich doppelt so hoch wie in Deutschland. Ähnlich große Ausschreitungen wie in Frankreich sieht Staudt hierzulande derzeit nicht, weil dafür die Voraussetzungen fehlten. Legitime Forderungen junger Menschen gibt es trotzdem – und an denen kommt man auch in Hamburg nicht vorbei.