Der weiße Kittel als Versprechen: Kieler Medizinstudierende beginnen ihren Weg in die Klinik
Am Abend des 14. Oktober fand im Hörsaal der Chirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel die White Coat Ceremony für Studierende der Medizin und Zahnmedizin statt. Eingeladen waren jene, die ihr erstes Staatsexamen bestanden hatten – die Prüfung, die früher „Physikum“ genannt wurde.
Der Hörsaal war voll. Jede Studentin und jeder Student wurde mit minutenlangem Applaus gewürdigt. Es ging um die bisherigen Leistungen, klar, aber auch um einen sichtbaren Schritt nach vorn: Mit der Übergabe des weißen Kittels begann für die Studierenden der praktische Ausbildungsabschnitt im Klinikum.
Ein Kittel, der Verantwortung sichtbar macht
Prof. Dr. Christof Dörfer, Studiendekan Zahnmedizin der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), erinnerte daran, dass die White Coat Ceremony 1993 erstmals in den USA eingeführt wurde, um die menschliche Seite des medizinischen Berufs zu betonen. Diese Menschlichkeit sei weiterhin wichtig. Künstliche Intelligenz und andere technische Hilfsmittel könnten den Beruf teilweise erleichtern, Wissen und Können aber nicht ersetzen.
Der weiße Kittel gilt dabei weiterhin als wichtiges Symbol des medizinischen Berufs. Prof. Dr. Philip Rosenstiel, Prodekan der Medizinischen Fakultät der CAU, verwies auf die Verantwortung, die mit dem Übergang in die klinische Praxis verbunden ist. Patientinnen und Patienten begegnen Studierenden im weißen Kittel anders, sagte Rosenstiel – und vertrauen ihnen neben Symptomen auch Sorgen, Hoffnungen und persönliche Anliegen an. Dieses Vertrauen sei verletzlich.
Gerade in Zeiten politischer Radikalisierung könnten Ärztinnen und Ärzte außerdem mit Misstrauen konfrontiert werden. Die angehenden Medizinerinnen und Mediziner müssten Grenzen setzen und zugleich helfen. Zu ihren beruflichen Aufgaben gehöre es auch, Menschenverachtung und Ausgrenzung entgegenzutreten und die Würde jedes Menschen zu achten. Kein kleiner Auftrag, wenn man gerade erst vom Hörsaal in die Klinik wechselt.
Vom vorklinischen Abschnitt in die Klinik
Eine White Coat Ceremony ist ein vergleichsweise neues Übergangsritual für Studierende der Medizin und verwandter Gesundheitsfächer. Während oder nach einer akademischen Feier erhalten fortgeschrittene Studierende typischerweise einen weißen Kittel; er ist Namensgeber und Symbol der Zeremonie. Meist haben sie zuvor grundlagenwissenschaftliche Prüfungen bestanden, etwa in Biologie, Chemie und Anatomie.
Im deutschsprachigen Raum wird die Zeremonie meist beim Wechsel vom vorklinischen in den klinischen Studienabschnitt ab dem 4. Semester gefeiert. In Anwesenheit von Freunden und Familie überreicht eine universitäre Respektsperson – meist Rektor, Präsident oder Kanzler – den Studierenden einen Kittel und eine Urkunde. Teilweise legen sie zudem ein feierliches Versprechen ab, das sich am hippokratischen Eid orientiert.
In Österreich ist mit dem Wechsel des Studienabschnitts auch der studentische Grad „cand. med.“ verbunden. Er hat ausschließlich dekorativen Charakter und wird nur innerhalb der Universität verwendet. Kürzere Klinikkittel für Medizinstudierende sind in Deutschland und Österreich dagegen nicht üblich. An US-amerikanischen Medical Schools werden Kittel wegen des dort unterschiedlichen Ausbildungssystems teilweise bereits im ersten Studienjahr verliehen.
Die weltweit erste White Coat Ceremony fand 1989 an der University of Chicago statt; die erste Zeremonie in ihrer heutigen Form wurde am Columbia University College of Physicians and Surgeons abgehalten. In den USA führen mehr als 100 Medical Schools solche Feiern durch, in Europa werden sie erst seit wenigen Jahren veranstaltet. Die Fachschaft der Universität Köln organisierte am 13. Oktober 2010 eine White Coat Ceremony, die erste Österreichs folgte am 8. Oktober 2012 an der Medizinischen Universität Graz.
Eine Idee aus Chicago
Die Zeremonie entstand 1989 an der University of Chicago. Norma Wagoner, PhD, damals Studiendekanin der Pritzker School of Medicine, entwickelte die Idee gemeinsam mit Eugene Geppert, MD, dem Dozenten des Einführungskurses „Introduction to Medicine“. Holly J. Humphrey, MD’83, MACP (1956–2025), leitete damals das Programm für Innere-Medizin-Weiterbildung und wurde später Dekanin für medizinische Ausbildung.
In Gepperts Kurs brachten Ärzte Patienten mit und führten mit den Studierenden Interviews und Gespräche. Wagoner wollte, dass sich Studienanfänger bereits als Ärzte verstehen und Erwartungen an professionelles Verhalten bei Patientenkontakten entwickeln. Geppert überreichte jedem Studierenden einen langen, mit dem Namen versehenen weißen Kittel. Getragen werden sollte er anschließend im Unterricht.
Der weiße Kittel steht seit dem 19. Jahrhundert für medizinische Autorität und wissenschaftliches Engagement. Zuvor wurden Ärzte häufig in schwarzer, formeller Kleidung dargestellt, weil Arztbesuche als ernste Ereignisse galten. Als sich die Medizin stärker an Laborwissenschaft, Antisepsis und dem Krankenhaus als Behandlungsort orientierte, wurde Weiß mit Sauberkeit, wissenschaftlichem Fortschritt, Professionalität und Vertrauen verbunden.
Für Humphrey hatte der Kittel auch eine persönliche Bedeutung. Als neunjähriges Kind erlebte sie, wie ihre jüngere Schwester im Koma lag und an neu diagnostiziertem Diabetes beinahe starb. Für ihre Familie symbolisierte der Kittel Hoffnung – und die medizinischen Fachkräfte, an deren Worte sie sich klammerten.
Für die Studierenden der ersten Zeremonie verkörperte das Kleidungsstück die Verantwortung, die sie übernehmen würden, und machte den Übergang in die Medizin greifbar. Michael Kipp, MD’93, sagte rückblickend, die Studierenden hätten nicht nur Naturwissenschaften gelernt und Forschung betrieben, sondern auch, wie man Patienten versorgt. Gute Arzt-Patienten-Beziehungen seien ihnen im Einführungskurs vorgelebt worden. Der Kittel stand außerdem für die Verpflichtung, die klinischen Standards der Pritzker School of Medicine einzuhalten.
David Litvak, MD’93, beschrieb sich nicht als anonymen Studenten, sondern als ausgewählten Botschafter der Universität. Am 9. August 2026 erhielt ein neuer M1-Student bei der White Coat Ceremony der Pritzker School of Medicine seinen weißen Kittel.
Zwischen Zugehörigkeit und Zweifel
Die an der Pritzker School of Medicine begründete Tradition wurde zu einem festen Übergangsritual in Gesundheitsberufen. Heute gibt es White Coat Ceremonies oder ähnliche Feiern an der großen Mehrheit der US-amerikanischen Medical Schools, an medizinischen Hochschulen im Ausland, an mehr als 450 Pflegeschulen sowie in Studiengängen für Physician Assistants.
Dabei verpflichten sich die Studierenden gemeinschaftlich zu Mitgefühl, Professionalität, Neugier und Dienst am Menschen. Tzung Hsiai, MD’93, PhD, formulierte dafür Leitlinien, die ziemlich bodenständig klingen: Patienten stets in den Mittelpunkt stellen, intellektuell neugierig bleiben, fachübergreifende Zusammenarbeit fördern und kontinuierlich weiterlernen.
Ganz unumstritten ist das Ritual trotzdem nicht. Kritiker beanstanden die quasi-religiöse Bedeutung des Kittels als Symbol der Zugehörigkeit zum medizinischen Stand. Befürworter nennen ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl zur Universität und zum medizinischen Beruf. Außerdem wird diskutiert, ob eine White Coat Ceremony Mitgefühl und Empathie fördern kann.
In Kiel war davon vor allem eines zu sehen: weiße Kittel, viele Gesichter und Applaus, der nicht gleich wieder abebbte. Der erste Schritt in die Klinik beginnt eben nicht nur mit Prüfungswissen, sondern auch mit der Frage, wie man Menschen begegnet, wenn sie einem ihre Sorgen anvertrauen.
