Kalabrien zwischen Erdbeben, Entvölkerung und Umweltpolitik
Kalabrien ist vieles zugleich: Randregion, Sehnsuchtsort, Krisenlandschaft und Schauplatz einer langen Geschichte von Abwanderung, Naturgewalt und politischen Konflikten. Am Mittwoch, 20. Januar 2027, nimmt ein Vortrag an der Universität Konstanz diese widersprüchliche Entwicklung in den Blick. Unter dem Titel „Leaving the Land: Ecologies of Depopulation in Southern Italy“ geht es um die Marginalisierung und Entleerung Kalabriens in Süditalien – und um den heutigen Umgang mit Natur und Umwelt.
Der Public Talk findet von 17:30 bis 19:00 Uhr in der Bischofsvilla und online statt. Veranstaltet wird er vom Zentrum für Kulturwissenschaftliche Forschung (ZKF) gemeinsam mit der Konstanzer Mittelmeer-Plattform. Dr. Joseph Viscomi von Birkbeck, University of London, spricht; moderiert wird der Abend von Prof. Dr. Manuel Borutta. Die digitale Teilnahme läuft über Zoom, Meeting-ID 915 3170 7702. Fragen zur Veranstaltung beantwortet das ZKF unter service.zkf@uni-konstanz.de.
Eine Region, die als „rückständig“ galt
Kalabrien wurde sowohl von frühneuzeitlichen Missionaren als auch von modernen Ökonomen als „rückständig“ verstanden. Nach 1800 verschärfte sich die Marginalisierung durch die Einbindung der Region in regionale und globale Wirtschaftssysteme – begleitet von Vorstellungen einer fortschreitenden Moderne im Anthropozän. Viscomi folgt dabei dem Bevölkerungsrückgang, veränderten Migrationsbewegungen und politischen Bündnissen.
Im Mittelpunkt stehen außerdem Naturereignisse: Erdbeben, Überschwemmungen, Brände und Wind haben die Landschaft und die regionale Entwicklung geprägt. Der Vortrag führt von den schweren Erdbeben des Jahres 1783 über Konflikte um Eigentum, Landwirtschaft und das Verhältnis zwischen Menschen und Landschaft bis zu aktuellen Debatten über Tourismus und Klimawandel. Auch die Ankunft von Migrantinnen und Migranten aus dem Globalen Süden wird thematisiert, ebenso die politische Instrumentalisierung des Umweltschutzes im Zusammenhang mit der kalabrischen Mafiaorganisation ’Ndrangheta.
Der Ausgangspunkt liegt im Jahr 1783. Damals starben mehr als 32.000 Menschen, viele weitere wurden vertrieben. Die Beben erschütterten nicht nur Häuser und Dörfer, sondern auch bestehende Vorstellungen von Gesellschaft und Politik. Über ein Jahrhundert hinweg stritten Menschen danach um Land, Besitz, Landwirtschaft und die Frage, wie eine Landschaft bewohnt und genutzt werden kann.
Fünf Hauptbeben, Tsunamis und eine Kettenreaktion
Die Erdbeben von Kalabrien waren eine Serie von fünf Hauptbeben zwischen dem 5. Februar und dem 28. März 1783. Das stärkste ereignete sich am 5. Februar: Es erreichte eine Magnitude von 7,1 MW und eine Intensität von XI MCS. Das Epizentrum lag bei 38,297° N, 15,977° O. Betroffen waren zahlreiche Orte in Kalabrien und Messina; vorsichtige Schätzungen gehen von mehr als 30.000 Todesopfern aus, während William Hamilton und Déodat Gratet de Dolomieu mehr als 40.000 Tote annahmen.
| Datum | Magnitude und Intensität | Epizentrum |
|---|---|---|
| 5. Februar 1783 | 7,1 MW, XI MCS | 38,297° N, 15,977° O |
| 6. Februar 1783 | 6,3 MV, VIII–IX MCS | 38,183° N, 15,638° O |
| 7. Februar 1783 | 6,7 MW, X–XI MCS | 38,581° N, 16,201° O |
| 1. März 1783 | 5,9 MW, IX–X MCS | 38,765° N, 16,350° O |
| 28. März 1783 | 7,0 MW, XI MCS | 38,785° N, 16,464° O |
Die Beben ereigneten sich auf einer etwa 100 Kilometer langen Zone zwischen Reggio Calabria und Catanzaro. Nach dem ersten Hauptbeben verlagerten sich die Epizentren überwiegend aus der Aspromonte-Region schrittweise nach Norden. Das erste Beben am 5. Februar begann um 12:45 Uhr Ortszeit und betraf die Verwerfungsabschnitte Cittanova, Sant’Eufemia und Galatro. Es erhöhte die Spannung an der Scilla-Verwerfung, an der sich am 6. Februar um 1:06 Uhr das zweite Hauptbeben ereignete. Die ersten beiden Beben belasteten anschließend die Serre-Verwerfung; dort folgte am 7. Februar mittags das dritte Hauptbeben. Auch das Beben vom 1. März ereignete sich an der Serre-Verwerfung und dürfte durch eine ähnliche Kettenreaktion ausgelöst worden sein.
Die ersten vier Hauptbeben hatten wahrscheinlich Herdtiefen von weniger als 20 Kilometern. Ursache, Verwerfung und Herdtiefe des letzten Hauptbebens am 28. März sind dagegen nicht abschließend geklärt. Hunderte Nachbeben traten bis 1785 auf. Mehrere Tsunamis kamen hinzu – der stärkste am 6. Februar nach einem durch das Beben ausgelösten Bergsturz. In Scilla starben dadurch mehr als 1.500 Menschen.
Tektonisch weist Kalabrien eine Dehnung auf, verbunden mit einer Bodenhebung von etwa 1,5–2,0 Millimetern pro Jahr. Entlang des Kalabrischen Apennins verläuft ein rund 350 Kilometer langer Gürtel von Abschiebungen. Er ist in Abschnitte von höchstens etwa 40–50 Kilometern Länge unterteilt; die betroffenen Verwerfungsabschnitte liegen teils an Land nahe der Küste, teils vor der Küste im Meer.
Verwüstete Orte, rutschende Hänge
Die Beben vom 5. und 6. Februar verwüsteten das Gebiet nordöstlich der Straße von Messina. Besonders schwer traf es den Aspromonte südlich von San Giorgio Morgeto und die Küste südlich von Palmi. Beim ersten Beben konnten Menschen auf freiem Feld nicht mehr stehen. Molochio, Oppido Mamertina, Terranova und Santa Cristina wurden vollständig zerstört, Palmi, Bagnara und Scilla erlitten schwere Schäden.
An der Oberfläche entstand ein etwa 18 Kilometer langer Riss mit bis zu drei Metern vertikalem und horizontalem Versatz. Zwischen Molochio und Santa Cristina lösten sich zahlreiche, teilweise kilometerlange Erdrutsche. Sie stauten Flüsse auf und bildeten mehrere Seen. Das Beben vom 6. Februar verursachte vor allem an der Küste schwere Schäden und löste indirekt einen Tsunami aus, der Scilla und das Flachland von Capo Peloro auf Sizilien verwüstete.
Am 7. Februar wurden unter anderem Soriano, Sorianello, Gerocarne und Pizzoni am Fuß des Serre-Gebirges zerstört. Bereits betroffene Orte wie San Giorgio Morgeto wurden weiter geschädigt. Das Beben vom 1. März traf vor allem die Gegend um Polia; es hatte die geringste Magnitude und das kleinste Schüttergebiet der fünf Hauptbeben. Am 28. März wurden besonders Borgia und Girifalco beschädigt.
In Gebieten mit hoher Intensität stürzten auch sorgfältig errichtete Gebäude vollständig ein. Reggio Calabria und Messina kamen vergleichsweise glimpflich davon. In Messina fielen vor allem Häuser zusammen, die bereits durch frühere Erdbeben beschädigt waren. An der Ionischen Küste Kalabriens waren die Schäden geringer als an der Tyrrhenischen Küste. Johann Wolfgang von Goethe berichtete 1787, dass in Messina nach etwa 12.000 Todesopfern die meisten Gebäude eingestürzt oder unbewohnbar gewesen seien; für die übrigen Einwohner sei eine provisorische Bretterstadt errichtet worden.
Die Opferzahlen blieben schon damals erschütternd unübersichtlich. In einer zeitgenössischen Statistik wurden für Bagnara mehr als 3.300 Tote angegeben. In Polistena, Castelnova, Terranova, Scilla, Seminara, Cinquefrondi, San Giorgio Morgeto und Oppido starben jeweils mehr als 1.000 Menschen. Gelehrte
