Sachbuch-Bestenlisten im Oktober: Europas Geschichte, AfD und die digitale Macht
Heute, am 1.10.2026, liegt an der Uni Mannheim ordentlich politischer Stoff auf dem Tisch: Die Sachbuch-Bestenliste für Oktober versammelt Bücher über Kanzler und Intellektuelle, globale Umbrüche, Europas Geschichte, Migration, Mutterschaft und die digitale Macht. Veröffentlicht wird die monatliche Liste von „Die Literarische Welt“, WDR 5, der „Neuen Zürcher Zeitung“ und Ö1. Redaktion: Andreas Wang.
Ermittelt werden die zehn Bücher von einem unabhängigen Gremium aus Fachjournalistinnen, Fachjournalisten und Publizistinnen und Publizisten. Jede Jurorin und jeder Juror vergibt an vier Bücher 8, 6, 4 oder 2 Punkte. Ab Januar soll das Gremium erweitert werden. Bei einer parallel präsentierten ZDF-Bestenliste entscheidet bei Punktgleichheit die Zahl der Nominierungen; dort vergibt jedes Jurymitglied monatlich an vier Sachbücher jeweils 15, 10, 6 und 3 Punkte.
Die Ö1-Liste: Geschichte, Europa und die Gegenwart
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Peter-André Alt: Die Kanzler und die Intellektuellen. Geschichte einer unbequemen Beziehung, C. H. Beck Verlag, 811 Seiten.
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Philipp Blom: Die strauchelnde Welt. Eine Globalgeschichte 2001–2014, Carl Hanser Verlag, 397 Seiten.
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Michael Riepl: Ferne Heimat Altmontal. Das Leben meiner Großmutter zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus, C. H. Beck Verlag, 304 Seiten. Der Titel liegt gleichauf mit Bloms Buch.
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Samuel Beckett: German Diaries. 28. September 1936–1. April 1937, deutsch und Englisch, übersetzt von Gaby Hartel, herausgegeben von Mark Nixon und Oliver Lubrich, Suhrkamp Verlag, 1352 Seiten.
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Geraldine Schwarz: Wer wir waren, wer wir sind. Eine Geschichte Europas, übersetzt von Elsbeth Ranke und Thomas Studer, Verlag Rowohlt Berlin, 560 Seiten.
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Asma Mhalla: Cyberpunk. Das neue totalitäre System, übersetzt von Stephanie Singh, C. H. Beck Verlag, Edition Mercator, 137 Seiten.
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Susan Neiman: Nennen wir es Böse. Die Politik unserer Zeit verstehen, übersetzt von Manuela Grabinger, Verlag Hanser Berlin, 317 Seiten.
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Geraldine Oetken: Frieda. Die Suche nach meiner vergessenen Urgroßtante, S. Fischer Verlag, 336 Seiten. Das Buch ist punktgleich mit Neimans Titel.
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Andrea Wulf: Der Reisende. Georg Forster und die Entdeckung der Menschlichkeit, übersetzt von Andreas Wirthensohn, C. Bertelsmann Verlag, 592 Seiten.
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Marlen Hobrack: Stolz und Zweifel. Eine Verteidigung der Mutterschaft, Verlag HarperCollins, 238 Seiten.
Géraldine Schwarz’ Buch erzählt laut der zusätzlichen Einordnung rund zweitausend Jahre europäischer Geschichte – von der antiken Demokratie bis zur Gegenwart. Es fragt, wie europäische Identität vor dem Hintergrund der globalen Neuordnung entstanden ist. Ein ziemlich weiter Bogen, der neben persönlichen und politischen Büchern auffällt.
AfD, Arktis und die Frage nach dem Zusammenhalt
Die ZDF-Sachbuch-Bestenliste für Oktober 2026 setzt andere Akzente. Auf Platz eins steht Julia Ebner mit Von Fitness zu Faschismus. Gefahren extremer Männlichkeit (Suhrkamp), 85 Punkte. Ebner untersucht den weltweiten Aufstieg destruktiver Männlichkeitsbilder, unter anderem in der Manosphere und im Kampfsport. Investigative Recherchen zeigen, wie Fitness und Kampfsport junge Männer radikalisieren können – und zugleich als Gegenmittel dienen könnten.
Roger de Weck folgt mit Glanz und Elend der Konservativen (edition Suhrkamp), 52 Punkte, zuvor Platz 6. Er beschreibt konservative Erfolge dort, wo Neuerungen gewagt wurden, etwa bei der europäischen Einigung und der sozialen Marktwirtschaft. Zugleich analysiert er den Druck rechter Kräfte auf Mitte-rechts-Parteien und deren wachsende Beteiligung an Kulturkämpfen. Sein Plädoyer: ein gemäßigter Konservatismus.
Auf Platz drei landet Robert Habeck mit Arctic Meltdown. Die Neuvermessung der Welt (KiWi), 48 Punkte. Das Buch schildert seine Reise in die Arktis und den Wettlauf der USA, Russlands und Chinas um Rohstoffe und Handelswege. Im Blick stehen auch die Menschen in der Region und die Bedeutung der Arktis für die künftige Weltordnung.
Justus Benders Deutschland 2033. Ein Szenario (C.H. Beck) erreicht 42 Punkte und fällt damit von Platz 2 auf Platz 4. Das Szenario: Die AfD gewinnt die Bundestagswahl, die Union gibt die Abgrenzung nach rechts auf. Binnen eines Jahres wird der liberale Verfassungsstaat durch Verwaltung, Gesetze und eine politisierte Justiz ausgehöhlt.
Paula Fürstenbergs Niewiedervereinigung. 100 Zwischenrufe zur deutschen Einheit (KiWi) kommt auf 30 Punkte. Arbeitslosigkeit, Abwanderung und rechte Gewalt gehören zu den Folgen der deutschen Einheit, die das Buch thematisiert. Fürstenberg untersucht als Nachwendekind Leerstellen der gesamtdeutschen Erzählung und plädiert für Vielfalt statt Einheit.
Ebenfalls 30 Punkte erreichen Géraldine Schwarz’ bereits genannter Europa-Titel und Franz Walters Joachim Fest. Ein Leben im 20. Jahrhundert (dtv). Walters Biografie gilt dem 2006 verstorbenen Hitler-Biografen, FAZ-Herausgeber und konservativen Intellektuellen Joachim Fest. Auf Grundlage seines Nachlasses beschreibt sie seinen Weg vom Nonkonformisten zum Gegner der 68er-Bewegung – und zeichnet dabei auch ein Porträt der Bundesrepublik.
Sibylle Anderl kommt mit Bequeme neue Welt. Was wir gewinnen, wenn wir uns etwas zumuten (Piper) auf 22 Punkte. Sie warnt davor, dass Menschen wichtige Fähigkeiten verlieren könnten, wenn Maschinen und KI sämtliche Arbeit übernehmen, und verbindet psychologische, philosophische und naturwissenschaftliche Perspektiven mit einem Plädoyer für menschliche Anstrengung.
Svenja Flaßpöhler verteidigt in Zusammenbleiben. Von der Freiheit fester Bindungen (Klett-Cotta), 21 Punkte, die feste Zweierbeziehung gegenüber einem Leben mit permanenten Wahlmöglichkeiten. Mit Kierkegaard und ausgehend von ihrer eigenen Ehe argumentiert sie, dass bewusste Bindung eine Form von Freiheit sein kann.
Philipp Thers Der Schatz. Eine böhmische Familiengeschichte (Suhrkamp) bildet mit 20 Punkten den zehnten Eintrag. Eine vergrabene Kiste führt den Historiker zu Fotos und Dokumenten seiner böhmischen Familie. Die Funde erzählen von Verstrickungen in Nationalsozialismus, Vertreibung und Krieg – und vom Untergang einer mitteleuropäischen Welt.
Eine Empfehlung mit blauem Vorzeichen
Als besondere Empfehlung im Oktober nennt Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung und beurlaubte Professorin für Politikwissenschaft an der Universität der Bundeswehr München, Olaf Sundermeyers Blaues Land. Über Leben mit der AfD (Herder Verlag, 288 Seiten).
Sundermeyer untersucht das politische Umfeld der AfD und den Einfluss lokaler Akteure der „neurechten Bewegung“ auf ihren Aufstieg zur dominierenden politischen Kraft in mehreren ostdeutschen Ländern. Außerdem geht es um den Versuch der AfD und ihres Umfelds, den damit verbundenen gesellschaftlichen Wandel auf die alte Bundesrepublik zu übertragen, um die Reaktionen gemäßigter politischer Kräfte und um die Bedeutung des Themas Migration für den Erfolg der Partei.
Münchs Einschätzung, wie sie im Artikel wiedergegeben wird, fällt ernüchternd aus
