Im Schloss Münster trafen sich 2026 internationale Grippe-Forschende zum zehnten „Influenza Meeting“. Die Tagung findet alle zwei Jahre statt und widmete sich der Behandlung, den Folgen und der Ausbreitung von Influenza. Für Münster ist das ein ziemlich dichtes Stück Wissenschaft: Vorträge, Poster, Gespräche in den Pausen – und vermutlich mehr Fachbegriffe, als in einen Kaffeebecher passen.

Wie groß die Relevanz bleibt, zeigen Zahlen des Robert Koch-Instituts: Während einer Grippewelle erkranken in Deutschland etwa vier bis 16 Millionen Menschen, also rund fünf bis 20 Prozent der Bevölkerung. Im Mittelpunkt der diesjährigen Konferenz stand allerdings nicht die saisonale Grippe, sondern die Vogelgrippe durch den Subtyp H5N1.

H5N1 breitet sich unter Vögeln und Säugetieren aus

„H5N1-Viren haben sich inzwischen weltweit unter Vögeln verbreitet“, sagte Konferenzorganisator Prof. Stephan Ludwig, Leiter des Instituts für Virologie der Universität Münster und des Universitätsklinikums Münster. Seit 2026 ist auch Australien betroffen. Gleichzeitig infizieren die Viren zunehmend verschiedene Säugetierarten. Als neue Wirtsspezies wurden unter anderem Milchkühe in den USA festgestellt.

Damit steigt laut Ludwig das Risiko einer Infektion von Menschen. Die Forschenden diskutierten die epidemiologische Ausbreitung der Viren, ihre besonderen Eigenschaften und neue Eintrittswege in Wirtszellen. Ziel war, das Risiko einer Übertragung auf Menschen besser einzuschätzen – keine kleine Aufgabe, wenn sich ein Erreger immer wieder neue tierische Wirte erschließt.

Konkrete Hinweise kommen aus Kalifornien: Eine am 5. Mai 2026 veröffentlichte Studie wies auf 14 infizierten Milchviehbetrieben infektiöse H5N1-Viren in Aerosolen während des Melkens, in der Atemluft von Kühen und in behandeltem Abwasser nach. Das deutet auf mehrere mögliche Übertragungswege hin, zusätzlich zum direkten Kontakt mit kontaminierter Milch.

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In Kalifornien waren bislang mehr als 700 Milchviehbetriebe betroffen. Seit dem ersten Nachweis bei Rindern im Jahr 2024 wurde H5N1 in mindestens 16 US-Bundesstaaten festgestellt. Der Erreger ist ein Influenza-A-Virus des Subtyps H5N1, Clade 2.3.4.4b. Viele infizierte Rinder zeigten keine deutlichen Krankheitssymptome, wiesen aber hohe Viruslasten und H5-Antikörper in der Milch auf.

Unsichtbare Wege im Stall

Für Tiere kommen eine verminderte Milchproduktion, Fieber, Lethargie und reduzierte Futteraufnahme infrage. Manche Verläufe bleiben jedoch symptomlos. Gerade solche Tiere können mit hoher Viruslast unerkannte Übertragungsketten innerhalb und zwischen Betrieben ermöglichen.

Mögliche Übertragungswege sind der Kontakt mit infizierten Tieren oder einer kontaminierten Umgebung, aerosolbasierte Verbreitung während des Melkens und möglicherweise auch Abwasser. Beschäftigte in der Landwirtschaft können besonders bei engem Tierkontakt virusbelasteten Aerosolen ausgesetzt sein. Die Befunde aus Kalifornien liefern dazu zusätzliche Informationen.

Beim Menschen beträgt die Inkubationszeit meist zwei bis acht Tage. Mögliche Beschwerden reichen von Fieber, Husten und Atemwegsbeschwerden bis zu Bindehautentzündung; selten kommt es zu einer schweren Lungenentzündung. Als Komplikationen gelten schwere Atemwegserkrankungen und eine mögliche Anpassung des Virus an Säugetiere. Behandelt wird unterstützend, bei bestätigten oder schweren Fällen können antivirale Medikamente wie Oseltamivir eingesetzt werden.

Eine effiziente Übertragung von Mensch zu Mensch ist weiterhin nicht nachgewiesen. Die Ausbreitung in Rinderbeständen und die Infektion verschiedener Säugetierarten schaffen aber Möglichkeiten für Virusadaptationen und zoonotische Übertragungen. Genau diese Entwicklung macht die Beobachtung so wichtig, auch wenn der Alltag außerhalb von Ställen und Laboren davon meist wenig spürt.

Netzwerke für den nächsten Ausbruch

Das Forschungskonsortium FluPrep, an dem auch das Institut für Virologie in Münster beteiligt ist, nutzte die Konferenz für ein Konsortialtreffen. Teilgenommen haben Influenza-Expertenteams aus Deutschland, der Schweiz, Frankreich und den USA.

Viel Raum bekam außerdem der wissenschaftliche Nachwuchs. Junge Forschende tauschten sich in Vorträgen und auf Postern aus. Ludwig betonte, wie wichtig frühe Netzwerkbildung und internationale Kooperationen für Nachwuchsforschende sind. Kontakte entstehen schließlich nicht nur in großen Debatten, sondern auch zwischen zwei Postern oder beim schnellen Kaffee im Flur.

Wie bereits 2024 wurde die Veranstaltung gemeinsam mit dem französischen Influenza-Forschungsnetzwerk ResaFlu durchgeführt. Der Austausch mit französischen Forschenden führte laut Ludwig zu wichtigen Kooperationen und soll eine breitere europäische Ausrichtung der Veranstaltung vorbereiten. Das nächste „Influenza Meeting“ ist für September 2028 geplant.

Was das für Menschen in Deutschland bedeutet

„Vogelgrippe“ bezeichnet hauptsächlich Erkrankungen von Vögeln durch Influenza-A-Viren. Unter Umständen können diese Viren auch Menschen infizieren. Die Übertragung von Vögeln auf Menschen ist vergleichsweise schwierig, kann aber zu schweren Krankheitsverläufen führen.

Nach Angaben der WHO wurden seit 2003 weltweit mehr als 2.600 menschliche Erkrankungen und 1.100 Todesfälle durch aviäre Influenza nachgewiesen. Die häufigsten menschlichen Infektionen wurden durch die Subtypen A(H7N9) und A(H5N1) verursacht; der letzte A(H7N9)-Fall wurde 2019 gemeldet. Weitere beim Menschen nachgewiesene Subtypen sind unter anderem A(H5N6) und A(H9N2).

Nach bisherigen Erkenntnissen erfolgt die Übertragung vor allem bei engem Kontakt mit erkrankten oder verendeten Vögeln sowie deren Produkten oder Ausscheidungen. In Deutschland sind bislang keine menschlichen Erkrankungen durch aviäre Influenzaviren bekannt. Seit Ende Oktober 2025 wird jedoch in Teilen Deutschlands, insbesondere unter Wildvögeln, ein starkes A(H5N1)-Ausbruchsgeschehen beobachtet.

Das Robert Koch-Institut stimmt sich zur internationalen Lage mit dem Friedrich-Loeffler-Institut und dem Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten, ECDC, ab. Derzeit teilt das RKI die Einschätzung des ECDC, dass das Risiko für die Bevölkerung in Europa und Deutschland weiterhin gering ist.

Kranke oder verendete Wildvögel und andere Wildtiere sollten nicht berührt werden. Stattdessen ist die zuständige Veterinärbehörde zu informieren. Lässt sich ein Kontakt mit Wildvögeln oder infiziertem Geflügel aus beruflichen oder freiwilligen Gründen nicht vermeiden, sind geeignete Schutzmaßnahmen nötig. Für Reisende gilt ebenfalls: Abstand zu kranken oder verendeten Wildvögeln und Nutztieren halten.

Auch Säugetiere können sich mit A(H5N1) infizieren, vermutlich meist nach Kontakt mit infizierten Vögeln, Geflügel oder deren Ausscheidungen. Betroffen waren bislang vor allem fleischfressende Wildtiere, die sich vermutlich an verendeten Wildvögeln angesteckt hatten. Das Friedrich-Loeffler-Institut stellt Informationen zu Vorkommen und Präventionsmaßnahmen bereit.

Seit 2024 werden in mehreren US-Bundesstaaten A(H5N1)-Ausbrüche in Geflügelbetrieben und erstmals auch in Milchkuhherden gemeldet. In den USA infizierten sich in diesem Zusammenhang Menschen mit A(H5N1), die engen beruflichen Kontakt zu infizierten Milchkühen oder Geflügel hatten.

Für Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion bedeutet das: Biosicherheitsmaßnahmen, insbesondere in Milchviehbetrieben, verstärken, bei Melk- und Reinigungsarbeiten geeignete persönliche Schutzausrüstung verwenden sowie Hygiene und Überwachung der Tierbestände intensivieren. Das Bundesinstitut für Risikobewertung stellt Informationen zur Lebensmittelhygiene während der Vogelgrippe bereit.

Die Angaben zur kalifornischen Studie stammen von AGRONEGOCIOS.