Tierversuche zwischen medizinischer Hoffnung und ethischer Grenze
Heute Abend läuft im ZDF eine Dokumentation, die an der Universität Münster beginnt und schnell bei einer ziemlich unbequemen Frage landet: Wie viel Leid darf Forschung verursachen, wenn sie später Menschen helfen könnte? Prof. Dr. Stefan Schlatt ist der einzige Forscher, der sich nach zweijähriger Suche für die „37 Grad“-Dokumentation bereit erklärte, öffentlich über seine Tierversuche zu sprechen.
Schlatt und sein Team verpflanzen unter Narkose Affenhoden auf Mäuse. Das Ziel: die Zeugungsfähigkeit von Jungen und männlichen Jugendlichen wiederherzustellen, wenn Bestrahlungen oder Chemotherapien sie zerstört haben. Primaten werden eingesetzt, weil sie dem Menschen besonders ähnlich sind. Schlatt sagt, dass er wegen seiner öffentlichen Haltung zu Tierversuchen massiv angefeindet werde.
Ein Labor zwischen Hoffnung und Einsamkeit
In seinem Labor werden Tiere eingeschläfert. Nach ihrem Tod nutzt das Team die Körper für möglichst viele weitere Untersuchungen. Schlatt rechtfertigt das mit medizinischem Fortschritt und möglichen Vorteilen für Menschen. In den Käfigen leben Java- und Weißbüschelaffen teilweise seit mehr als 20 Jahren, manche einzeln. Täglich dürfen sie zwei Stunden Kinderfernsehen schauen – ein seltsames Stück Alltag in einer Umgebung, in der ihre Körper zugleich Forschungsobjekte sind.
Vor jedem Versuch müsse geprüft werden, ob er wissenschaftlich sinnvoll sei oder durch eine Alternative ersetzt werden könne, sagt Schlatt. Genannt werden künstliche Haut, menschliche Zellkulturen und Organe auf Chips. Filmemacher Manfred Karremann hält solche Verfahren im Einzelfall sogar für aussagekräftiger. Auch das Deutsche Zentrum zum Schutz von Versuchstieren verweist auf In-vitro-Methoden, Organoide und Computersimulationen. Organoide sind künstlich erzeugte Zellen oder Gewebestrukturen; Computersimulationen bilden die Wirkweise von Stoffen im Körper nach.
Für die Kosmetikforschung ist ein vollständiger Ersatz tierischer Sicherheitsprüfungen vorgesehen. Bei Medikamentenprüfungen halten Forschende einen kompletten Verzicht derzeit nicht für möglich: Nur ein intakter Organismus könne die Gesamtheit der Wirkungen eines Stoffes abbilden. In der neurobiologischen Grundlagen- und Infektionsforschung sehen manche Wissenschaftler auch Versuche an nicht-menschlichen Primaten weiterhin als nicht ersetzbar an. Ob das wirklich so ist, bleibt umstritten.
Mehr als drei Millionen erfasste Tiere
Die 2024 veröffentlichten Zahlen des Deutschen Zentrums zum Schutz von Versuchstieren beim Bundesinstitut für Risikobewertung zeigen, wie groß das Feld ist. Insgesamt wurden 3.063.569 Tiere erfasst. 1.327.931 Tiere wurden in Tierversuchen verwendet, darunter 1.297.092 erstmals und 30.839 mehrfach. 626.538 Tiere wurden zu wissenschaftlichen Zwecken getötet, etwa zur Organentnahme. Versuche und wissenschaftliche Tötungen ergeben zusammen 1.954.469 Tiere. Weitere 1.109.100 Tiere wurden als sogenannte Überschusstiere aus anderen Gründen getötet.
Seit 2021 erfasst das Bf3R neben verwendeten und zu wissenschaftlichen Zwecken getöteten Tieren auch gezüchtete, aber nicht verwendete Überschusstiere. Ohne diese Tiere weist die Bf3R-Darstellung eine Gesamtzahl von unter zwei Millionen aus. Der Begriff umfasst etwa Tiere mit einer nicht gewünschten genetischen Veränderung, dem falschen Alter oder Geschlecht sowie Tiere, für die kein Versuch vorgesehen ist. Tiere, die in Zuchtanlagen, beim Transport oder außerhalb eines Versuchsvorhabens unbeabsichtigt sterben, werden weiterhin nicht gezählt. Wirbellose Tiere bleiben grundsätzlich außen vor, Kopffüßer bilden eine Ausnahme: 2023 wurden 70, 2024 dann 127 erfasst.
Seit Beginn der Erhebung 1989 sank die Zahl der Versuchstiere zunächst von 2,6 Millionen auf 1,5 Millionen im Jahr 1997. Ab 2000 wurden zusätzlich wissenschaftlich getötete Tiere erfasst. Bis 2012 stieg die kombinierte Zahl auf 3,1 Millionen. Danach blieb sie trotz Schwankungen hoch; seit 2020 ist ein leichter Rückgang erkennbar. Die Zahl der Überschusstiere fiel von 2,5 Millionen im Jahr 2021 auf 1,4 Millionen 2023 und 2024 um fast 20 Prozent auf 1,1 Millionen.
| Tierart | Zahl 2024 | Anteil, soweit angegeben |
|---|---|---|
| Mäuse | 956.636 | 72 Prozent |
| Fische | 176.778 | 13,3 Prozent |
| Ratten | 83.369 | 6,3 Prozent |
| Kaninchen | 57.966 | |
| Vögel | 16.304 | |
| Schweine | 6.009 | |
| Meerschweinchen | 5.157 | |
| Hunde | 2.220 | |
| Affen | 1.088 | |
| Katzen | 698 |
Mäuse waren damit 2024 mit Abstand die häufigste Tierart. Rund 88 Prozent der Kaninchen wurden in der Routineproduktion eingesetzt, unter anderem zur Herstellung polyklonaler Antikörper.
Affen sind selten – und trotzdem im Zentrum der Debatte
1.088 Affen wurden 2024 eingesetzt, nach 1.676 im Jahr 2023. 212 Affen wurden mehrfach verwendet; ihr Anteil stieg von 11 auf 20 Prozent. Von den erstmals eingesetzten Affen stammten 730 aus Nicht-EU-Ländern in Asien oder Afrika und 146 von registrierten Züchtern innerhalb der EU. 870 Affen, also 80 Prozent, wurden für regulatorische Zwecke eingesetzt, etwa für Giftigkeitsprüfungen.
Seit 1991 werden in Deutschland keine Menschenaffen mehr für Versuche eingesetzt. Die EU-Tierschutzrichtlinie 2010/63/EU verbietet Forschung an Gorillas, Orang-Utans, Schimpansen und Bonobos grundsätzlich. Artikel 55 Absatz 2 erlaubt Genehmigungen nur unter besonders strengen Voraussetzungen. Die Richtlinie und der Durchführungsbeschluss 2012/707/EU vereinheitlichten das Meldewesen. Seit 2015 berücksichtigen EU-Erhebungen weitere Tierarten und Lebensformen wie Kopffüßer und Föten sowie den Schweregrad der Verfahren. Der Anwendungsbereich wurde außerdem auf Grundlagenforschung und Routineproduktion ausgeweitet.
In Deutschland wurden 2022 insgesamt 2.437.794 Wirbeltiere und Kopffüßer für wissenschaftliche Zwecke verwendet: rund 1,73 Millionen in Tierversuchen, knapp 712.000 wurden ohne vorherige Eingriffe für wissenschaftliche Zwecke getötet. Rund 55 Prozent entfielen auf biologische Grundlagenforschung. Nagetiere und Fische machten zusammen gut 98 Prozent der verwendeten Tiere aus, Mäuse etwa 87 Prozent. Ihre Haltungsbedingungen gelten als geeignet, sie haben eine kurze Generationenfolge, transgene Mäuse lassen sich einsetzen und ihre Genomsequenz ist vollständig entschlüsselt.
Auch EU-weit dominierten Nagetiere und Fische. 2017 wurden in den Mitgliedstaaten etwa 9,4 Millionen Tiere erstmals für wissenschaftliche Versuche verwendet, 2016 waren es rund 9,8 Millionen – ein Rückgang von etwa 4,5 Prozent. Hunde, Katzen und nicht-menschliche Primaten machten zusammen weniger als 0,3 Prozent aus.
Grundlagenforschung, Pflichtprüfungen und veränderte Gene
Die Grundlagenforschung blieb 2024 der größte Einsatzbereich: 758.244 direkt in Versuchen verwendete Tiere, 57 Prozent. 2023 waren es 852.209 beziehungsweise 58,5 Prozent, 2016 mit 1.175.664 der Höchststand. Zum Vergleich: 1999 wurden 438.000 Tiere in diesem Bereich eingesetzt, 2003 bereits 851.000.
Gesetzlich vorgeschriebene Tierversuche gingen ebenfalls zurück: von 246.650 Tieren oder 16,9 Prozent im Jahr 2023 auf 221.157 beziehungsweise 16,7 Prozent im Jahr 2024. Dazu zählen Tests für Medikamente, Medizinprodukte, Biozide, Pflanzenschutzmittel sowie Lebens- und Futtermittel. Seit den frühen 1990er-Jahren sank der Anteil zunächst von etwa 36
