Lettland ersetzt Russisch an Schulen durch Deutsch, Französisch und Spanisch
Riga/Münster, 7. Oktober 2026 – In Lettland beginnt für neue Schülerinnen und Schüler eine andere sprachliche Schulzeit: Seit dem 1. September 2026 darf Russisch nicht mehr als zweite Fremdsprache neu angefangen werden. Die Neuregelung gilt zunächst für die neuen fünften Klassen. An einer Schule in Adazi bei Riga lernen Fünftklässler seit wenigen Wochen stattdessen Deutsch – Farben stehen unter anderem auf dem Lehrplan.
Ganz verschwunden ist Russisch aber nicht. Kinder und Jugendliche, die vor der Umstellung begonnen hatten, dürfen die Sprache innerhalb festgelegter Übergangsfristen weiterlernen. Deshalb findet auch im Schuljahr 2026/27 regulärer Russischunterricht statt. Der betroffene Jahrgang hatte im Schuljahr 2025/26 zunächst nur die erste Fremdsprache gelernt. Wer bereits vor dem 1. September 2025 eine andere zweite Fremdsprache begonnen hatte, darf sie bis zum Ende der Grundbildung fortsetzen. Für Russisch gilt die Übergangsregelung längstens bis zum Ende des Schuljahres 2029/30.
Deutsch, Französisch und Spanisch rücken nach
Statt Russisch müssen Schulen eine Amtssprache der Europäischen Union oder des Europäischen Wirtschaftsraums oder eine Sprache anbieten, die durch ein zwischenstaatliches Bildungsabkommen geregelt ist. Eine bestimmte Ersatzsprache schreibt die Reform allerdings nicht vor. Was tatsächlich auf dem Stundenplan landet, hängt von den personellen Möglichkeiten der einzelnen Schulen ab. Das Bildungsministerium nennt vor allem Deutsch, Französisch und Spanisch als Schwerpunkte.
Deutsch legt dabei deutlich zu. Rund 57.000 lettische Kinder lernen inzwischen die Sprache, an den Schulen arbeiten etwa 600 Deutschlehrkräfte – doppelt so viele wie noch vor einigen Jahren. Im Schuljahr 2024/25 waren es 53.515 Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als zweiter Fremdsprache, 6.625 lernten Französisch und 4.784 Spanisch. Russisch lag mit 71.193 Lernenden an der Spitze.
Karina Della unterrichtet in diesem Schuljahr in Adazi zehn Klassen. Die Deutschlehrerin lebte mehrere Jahre in Deutschland und kennt neben politischen auch ganz praktische Gründe für die wachsende Nachfrage: Viele deutsche Unternehmen sind in Lettland aktiv, Deutschland gehört zu den wichtigsten Handelspartnern des Landes, und etliche Familien haben Verbindungen dorthin – etwa weil Angehörige dort arbeiten. Besuche bei Verwandten machen Deutsch für Kinder greifbarer.
Die 13-jährige Evita kann sich vorstellen, später in Deutschland zu leben. Ihre Mutter verweist auf gute Studienmöglichkeiten, Evita selbst auch auf Deutschland als Teil der Europäischen Union. Der 13-jährige Aleksandrs denkt bei dem Land an Erfindungen wie Autos, außerdem an Essen, Kultur und Architektur. Ein bisschen bunt ist das Bild noch, aber genau so fangen Sprachen oft an.
Bis Mitte 2031 sollen bis zu 350 zusätzliche Lehrkräfte qualifiziert werden, insbesondere für Deutsch, Französisch und Spanisch. Kooperationen mit dem Goethe-Institut und dem Institut français sollen bereits vorhandene Lehrkräfte weiterbilden. Am Goethe-Institut in Riga sind Fortbildungen für Quereinsteiger nach Angaben des Instituts stark gefragt und ausgebucht. Der stellvertretende Institutsleiter Jan Sprenger sagt, neue Deutschlehrkräfte würden in einigen Regionen dringend gesucht.
Übergangsfristen reichen bis 2030
An weiterführenden Schulen dürfen seit dem 1. September 2026 ebenfalls nur noch zugelassene europäische oder abkommensgebundene Sprachen neu als zweite Fremdsprache begonnen werden. Wer spätestens im Schuljahr 2025/26 Russisch begonnen hatte, darf dort längstens bis zum Ende des Schuljahres 2027/28 weitermachen.
Die rechtliche Grundlage bilden mehrere Änderungen des lettischen Bildungsrechts: Im April 2024 wurde die Kabinettsverordnung Nr. 259 zum Standard der Grundbildung beschlossen. Im Mai 2024 folgte eine Änderung des Bildungsgesetzes mit Regeln zum Ausstieg aus Russisch und zu den Übergangsfristen. Im Mai 2025 kam die Verordnung Nr. 317 zur allgemeinen Sekundarbildung hinzu.
Im Schuljahr 2024/25 wurde Russisch als zweite Fremdsprache an 464 Bildungseinrichtungen von 71.193 Schülerinnen und Schülern gelernt. In dieser Zahl stecken auch jene Kinder, die wegen der Übergangsregeln nicht wechseln mussten. Schon vor dem Inkrafttreten der neuen Vorgaben konnten Schüler oder Eltern schriftlich erklären, dass Russisch nicht fortgesetzt werden solle. Schulen oder Schulträger mussten dann eine andere zweite Fremdsprache ermöglichen. Die Regierung verwies dabei auch auf entsprechende Elternanträge nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine.
Parallel wurde die Unterrichtssprache schrittweise auf Lettisch umgestellt. Die 2022 beschlossene Reform begann 2023 mit einzelnen Jahrgängen; zum 1. September 2025 wurde sie auf die verbliebenen Klassen ausgeweitet. Minderheitensprachen und deren Kulturgeschichte können weiterhin in ergänzenden Programmen vermittelt werden.
Sprache im Schatten der Geschichte
Lettland gehörte bis 1991 zur Sowjetunion. Russisch wurde damals in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens zur dominierenden Sprache. Bildungsstaatssekretärin Ieva Silina bezeichnet es als eine Sprache, die Lettland während der sowjetischen Besatzung aufgezwungen worden sei. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 versucht die lettische Regierung, sich stärker von Russland zu distanzieren. Dahinter steht auch die Sorge vor einem möglichen russischen Angriff auf das Baltikum.
Anfang 2026 lebten laut lettischem Statistikamt 426.408 Menschen russischer ethnischer Zugehörigkeit in Lettland. Bei rund 1,845 Millionen Einwohnern entspricht das etwa 23 Prozent. Eine Befragung aus dem Jahr 2022 ergab zugleich, dass 34,6 Prozent der 18- bis 69-Jährigen zu Hause überwiegend Russisch verwendeten; 62 Prozent nannten Lettisch. Russisch ist im Alltag also weiter verbreitet, als es die Zahl ethnischer Russen allein vermuten lässt. Rund ein Drittel der Menschen spricht zu Hause Russisch.
Die Reform soll Lettland stärker von Russland entfernen und die Orientierung an Europa fördern. Die Sprachausbildung soll außerdem stärker auf Studium und Arbeit innerhalb Europas ausgerichtet werden. Deutsch hat im Land eine lange Tradition, war aber lange weniger verbreitet als Russisch. Für eine neue Generation wird Deutschland nun zunehmend als europäischer Partner und mögliche Zukunftsperspektive wahrgenommen.
Der russische Angriff auf die Ukraine beschleunigte in den baltischen Staaten die Debatte über Sprache, Integration und Sicherheit. Estland begann 2024 mit dem schrittweisen Übergang zu estnischsprachigem Unterricht; in der Grundbildung soll dieser bis 2030 abgeschlossen sein. Litauen erlaubt Russisch 2026 weiterhin als mögliche zweite Fremdsprache – neben unter anderem Deutsch, Französisch, Spanisch, Polnisch und Ukrainisch. Die Nachfrage sinkt dort trotzdem: Im Schuljahr 2025/26 verzichteten 51 Schulen vollständig auf Russisch als zweite Fremdsprache. Lettland geht bei der Einschränkung weiter als Litauen. Wer dort vor Beginn der neuen Regelungen Russisch angefangen hat, kann es noch bis zum Ende des Jahrzehnts weiterlernen.
Streit um Wahlfreiheit und Lehrkräfte
Unumstritten war der Kurswechsel nicht. Bei einer öffentlichen Beteiligung gingen 2024 mehr als 300 Stellungnahmen von Privatpersonen und Verbänden ein. Laut lettischem Rundfunk lehnte die Mehrheit den schrittweisen Ausstieg aus Russisch als zweiter Fremdsprache ab. Viele forderten größere Wahlfreiheit und wollten Sprachunterricht nicht von politischen Entwicklungen abhängig machen.
Elternvertreter warnten außerdem vor einem Mangel an Lehrkräften für Deutsch, Französisch, Spanisch und andere Sprachen. Der Staat reagierte mit Qualifizierungsprogrammen und Kooperationen mit ausländischen Kulturinstituten. Der Beratende Ausschuss des Europarats zum Minderheitenschutz äußerte 2024 Bedenken gegen die Einschränkung von Minderheitensprachen im Bildungssystem. Diese Kritik bezog sich vor allem auf den Übergang vom bilingualen zum lettischsprachigen Unterricht, nicht direkt auf die Regelung zur zweiten Fremdsprache.
Im Schulgebäude von Adazi dürfte derweil erst einmal ganz unspektakulär Deutsch gelernt werden: Farben, Wörter, Sätze, vielleicht irgendwann ein Gespräch über ein Studium in Deutschland oder den nächsten Familienbesuch. Politik und Geschichte stehen dabei unausgesprochen mit im Klassenraum. Und draußen bleibt Russisch, trotz der neuen Regeln, noch mehrere Jahre hörbar.
