Münster-Mumie: DFG-Projekt entschlüsselt das Rätsel von Sarg, Bestattung und Herkunft
In Münster beginnt ein neues Kapitel für ein altes Rätsel: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert ein zweijähriges Forschungsprojekt zur sogenannten „Münster-Mumie“ mit 130.000 Euro. Beteiligt sind Prof. Dr. Angelika Lohwasser, Dr. Marc Loth und das Team des Archäologischen Museums der Universität Münster.
Im Mittelpunkt stehen ein etwa 3.000 Jahre alter ägyptischer Sarg und eine einige Jahrhunderte jüngere Mumie. Wer war der mumifizierte Mann? Warum wurde er in einem deutlich älteren Sarg bestattet? Und wie kamen die beiden Objekte überhaupt in den Besitz des Kaufmanns Wilhelm Schmitz-Scholl? Auch der ursprüngliche Fundort ist bislang unbekannt.
Ein Sarg, eine Mumie und viele offene Fragen
Das Projekt trägt den Titel „Geschichte(n) in einem ‚dichten Befund‘ – eine multidisziplinäre Untersuchung des ägyptischen Sarges mit Mumie in Münster“. Fachleute aus Ägyptologie, Philosophie, Molekularbiologie und weiteren Disziplinen nehmen dafür Material und Herstellungsverfahren des Sarges ebenso unter die Lupe wie Stucküberzug und Farbfassung. Untersucht werden außerdem die Mittel zur Mumifizierung, das Alter der Mumie, ihre Ernährung und ihr Gesundheitszustand.
Zum Einsatz kommen moderne genetische Analysen und Untersuchungen der Balsamierungssubstanzen. Das klingt nach Laborarbeit, nach Proben, Messwerten und vermutlich sehr viel Geduld. Gleichzeitig geht es um eine Geschichte, die sich über rund 3.000 Jahre erstreckt: von der Herstellung des Sarges durch einen Schreiner über seine Überarbeitung und Bemalung bis zu Nutzung, möglicher Wiederverwendung und späterer Deponierung.
Zum Fundort und zu früheren Stationen der Objekte liegen bisher keine Angaben vor. Die früheste gesicherte Erwähnung stammt aus dem Jahr 1903. Damals schenkte Wilhelm Schmitz-Scholl Mumie und Sarg seiner ehemaligen Schule in Mülheim. Über mehrere Stationen gelangten die Artefakte schließlich in schlechtem Zustand ins Archäologische Museum Münster.
Der Mumie fehlt der Kopf. Bis heute wird er durch eine Attrappe ersetzt – ein Detail, das beim Blick auf das Ensemble vermutlich sofort auffällt. Nach umfassender Restaurierung sind Sarg und Mumie seit 2021 dauerhaft im Archäologischen Museum Münster ausgestellt.
Was Mumifizierung im Alten Ägypten bedeutete
Mumifizierung sollte menschliche und tierische Körper vor dem Zerfall schützen. Ursprünglich galt das vor allem für den Pharao: Sein Körper sollte als vergöttlichtes Abbild für die Wiedergeburt erhalten bleiben. Die Mumie repräsentierte zunächst den verstorbenen König als „Ach“, später den zu Osiris gewordenen König. Mit der Einführung des Totenbuchs im Neuen Reich konnten auch gewöhnliche Ägypter durch Mumifizierung an einer jenseitigen Existenz teilhaben.
Die Bestattungsriten vom Tod bis zur Beisetzung umfassten Mumifizierung und magische Handlungen und dauerten idealerweise 70 Tage. Diese Dauer wurde mit der mythologischen Unsichtbarkeitszeit des Sternbilds Sopdet verbunden. Der griechische Schriftsteller Herodot beschrieb den Ablauf ausführlich.
Schon seit der Prädynastischen Zeit, etwa von 4000 bis 3032 v. Chr., wurden Tote in der Wüste bestattet. Trockenheit, Hitze und der Salzgehalt des Sandes konservierten die Körper auf natürliche Weise. In Badari und Mostagedda sind frühe künstliche Mumifizierungstechniken nachgewiesen. Mit Harz getränkte Leinenbinden schützten durch ihre antibakterielle Wirkung zusätzlich vor Verwesung.
Spätestens unter König Djoser in der 3. Dynastie wurde Pottasche zur Austrocknung des Körpers verwendet. Frühere Annahmen über ein Natronbad gelten als widerlegt. Im Alten Reich erkannte man, dass die inneren Organe entfernt werden mussten, um den Zerfall zu verlangsamen. Der Körper wurde mit Harz eingerieben und bandagiert, die entnommenen Organe durch trockene Substanzen ersetzt. Bei Frauen ähnelten die Bandagen einem Kleid, bei Männern einer Hose.
Haken, Natron und vier göttliche Beschützer
Gehirn und innere Organe zersetzen sich nach dem Tod besonders schnell. Das Gehirn wurde mit einem langen Haken durch die Nase entfernt, ohne die Schädeldecke zu beschädigen. Die übrigen Organe nahm man durch einen Einschnitt im Bauch heraus. Für ihre Aufbewahrung dienten traditionell vier Kanopenkrüge. Manchmal waren diese Krüge allerdings nur symbolisch: Sie konnten leer sein, während die Organe im Körper blieben.
Später wurden die Organe einzeln in Leinen gewickelt, in Kanopen gelegt und mit harzähnlichem Salböl übergossen. Häufig standen die Gefäße in einem sargförmigen Steinkasten; bis zur 18. Dynastie hatten ihre Deckel meist Menschenköpfe. Herz und Nieren zählten nicht zu den entnommenen Organen. Das Herz galt als Sitz der körperlichen und geistigen Kräfte, die Nieren blieben wohl auch deshalb im Körper, weil ihre Funktion unbekannt und ihre Lage schwer zugänglich war.
Die vier Organe wurden getrennt zugeordnet: Amset in Menschengestalt stand für die Leber, Hapi in Pavianengestalt für die Lunge, Duamutef in Schakalgestalt für den Magen und Kebechsenuef in Falkengestalt für Unterleib beziehungsweise Gedärme. Im Alten Reich gab es zunächst Amset und Hapi als Schutzgötter der Kanopen, später kamen Duamutef und Kebechsenuef hinzu. Alle vier galten als Horussöhne. Mit ihnen verband man die Jenseitsreise, Wiederbelebung, das Begräbnis, das Mundöffnungsritual und die Stundenwachen. Ihre Hauptaufgabe: Leichnam und Eingeweide schützen.
Wohlhabende Bürger und Würdenträger wurden in einem Einbalsamierungshaus behandelt. Die Balsamierer legten den Leichnam auf einen Holz- oder Steintisch, oft außerhalb der Ortschaften am Nil oder an Bewässerungskanälen – dort war der Wasserbedarf leichter zu decken.
Nach Herodot begann die Einbalsamierung mit der Waschung. Dann wurde das Siebbein durchstochen, die Hirnhaut geöffnet und das Gehirn mit einem Haken zerkleinert und verflüssigt. Gegebenenfalls erweiterte man die Nasenlöcher; Gehirn, Hirnhaut und Blutgefäße wurden herausgezogen. Das Gesicht durfte nicht beschädigt werden, damit der Verstorbene im Totengericht erkennbar blieb. Danach goss man erhitztes Salböl in den Schädel. Es bestand aus Harzen, Bienenwachs, Pflanzenölen und teilweise Erdpech – viele dieser Stoffe mussten aus Nachbarländern importiert werden.
Entlang der linken Flanke öffnete man den Bauchraum mit einer Obsidianklinge. Die Eingeweide kamen heraus, die Bauchhöhle wurde mit Palmwein und aromatischen Essenzen gereinigt und unter anderem mit Myrrhenpulver gefüllt. Für die Trocknung verwendete man trockenes Natron beziehungsweise Nitron. Magen, Lunge, Gedärme und Leber wurden mit Räucherwerk behandelt und ebenfalls in Natron eingelegt. Die Behandlung dauerte etwa 35 bis 40 Tage.
Vom ausgetrockneten Körper zum geschützten Verstorbenen
Nach der Trocknung wurde der Körper erneut gewaschen. Erhitztes Salböl kam in den Körper und wurde in die Haut eingerieben, damit die ausgetrocknete Haut ihre Elastizität zurückgewann. Brust- und Bauchraum stopfte man mit Leinenpäckchen, Natronbeuteln, Sägespänen, Gewürzen, Samen und Flechten sowie mit Myrrhe, Weihrauch, Ölen, Zederharz, Fetten und Bienenwachs aus. Die Füllung verhinderte das Zusammenfallen der Körperhöhle und stellte das natürliche Körpervolumen wieder her.
Auch kleinere Handgriffe hatten ihren festen Platz: Nasenlöcher konnten mit salbölgetränkten Leinenbinden oder Pfefferkörnern gefüllt werden, eingefallene Augen mit Leinen, Zwiebeln oder bemalten Steinen. Schnüre stabilisierten die Nägel. Zwiebelschalen klebte man teilweise auf Augen, Mund, Nase und Hals; ganze Zwiebeln konnten an den Fußsohlen befestigt werden. Der Einsatz von Zwiebeln und anderen Pflanzenstoffen war allerdings unterschiedlich. Empfindliche Körperteile schützte man gelegentlich mit Goldauflagen oder Goldh
