Regionaljournalismus im KI-Zeitalter: Wie Deepfakes das Vertrauen in Nachrichten herausfordern
In der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel ging es um eine Frage, die inzwischen nicht mehr nur Medienhäuser beschäftigt: Wie bleibt Regionaljournalismus verlässlich, wenn künstlich erzeugte Bilder, Videos und Stimmen in Sekunden glaubwürdig wirken können? Fachleute diskutierten darüber bei der Podiumsdiskussion „Fakt oder Fake? – Regionaljournalismus im KI-Zeitalter“.
Veranstaltet wurde der Abend von NDR Schleswig-Holstein und NDR Info im Rahmen der Hamburger Woche der Pressefreiheit. Auf dem Tisch lagen KI-generierte Bilder, Deepfakes, Desinformation, Vertrauen und die Suche nach Orientierung. Also ziemlich viel Stoff für einen Abend – und wenig Raum für einfache Antworten.
Wenn ein Video fast echt aussieht
Wie leicht sich das Auge täuschen lässt, zeigte ein vollständig KI-generiertes Video über Altersarmut. Zunächst wirkte es authentisch. Nur kleine Details im Hintergrund deuteten auf die Fälschung hin. Sven Lohmann, Leiter des NDR-Teams Verifikation, erklärte, manche Manipulationen seien am Bildmaterial selbst kaum noch zu erkennen.
Redaktionen müssten deshalb weiter ausholen: Existiert der dargestellte Ort tatsächlich? Gibt es weitere Aufnahmen desselben Ereignisses? Berichten unabhängige Quellen darüber? Gerade Video- und Audioaufnahmen, die bis in die 1990er-Jahre hinein oft als eindeutige Beweise galten, brauchen heute zusätzliche Belege.
Lohmann erwartet im Vorfeld kommender Wahlen auch in Schleswig-Holstein gezielte Desinformationskampagnen – bis hinein in die Kommunal- und Landespolitik. Er rief zu kritischer Prüfung auf, warnte aber davor, grundsätzlich niemandem mehr zu vertrauen. Dieser Unterschied ist klein, aber entscheidend: Misstrauen allein prüft noch keine Information.
Der Potsdamer Staats- und Verhaltenswissenschaftler Christoph M. Abels beschrieb, woran Desinformation häufig andockt: an bestehende gesellschaftliche Konflikte und starke Gefühle. Wut, Angst und Empörung ziehen Aufmerksamkeit an und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Beiträge geteilt werden. Wer eine Meldung liest, die das eigene Weltbild bestätigt, hinterfragt sie außerdem seltener.
Plattform-Algorithmen verstärken diesen Effekt. Inhalte mit Überraschungs- oder Empörungspotenzial halten Menschen länger auf der jeweiligen Plattform; dadurch kann mehr Werbung ausgespielt werden. Ein nüchterner Faktencheck hat es gegen einen emotionalen Aufreger also nicht immer leicht.
Tempo gegen Prüfung
Journalismus steht damit in einem Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Anna Albrecht, die unter anderem für Tagesschau und NDR in sozialen Medien arbeitet, verwies auf das hohe Tempo digitaler Plattformen. Falschinformationen können innerhalb weniger Minuten veröffentlicht werden. Seriöser Journalismus braucht dagegen Recherche, Prüfung und Einordnung.
Trotzdem müssen Medienhäuser auf TikTok und Instagram präsent sein, wenn sie jüngere Menschen erreichen wollen. Beim schnellen Scrollen zählt oft der erste Moment. Die journalistische Aufgabe beginnt dann unter Bedingungen, die eher an eine überfüllte Kreuzung erinnern als an einen ruhigen Redaktionsraum.
Auch synthetische Stimmen machen die Prüfung komplizierter. Medien testen solche Stimmen, um geschriebene Nachrichten zusätzlich als Audio anzubieten. RTL Deutschland erprobte dies ab 2022 unter anderem mit einer digitalen Kopie der Stimme des Nachrichtensprechers Maik Meuser. Für die Erstellung genügt eine einmalige Stimmaufnahme; ein Text-to-Speech-System kann anschließend geschriebene Texte in Audiodateien umwandeln.
Das kann Zeit und Kosten sparen und eine vertraute Stimme nutzbar machen. Gleichzeitig stellen sich Fragen zur Vergütung der Sprachaufnahme und zur Exklusivität der Stimme. Noch heikler: Sprachaufnahmen lassen sich online leicht kopieren und missbrauchen. Im Mai 2023 wurde eine Audioproduktion der Tagesschau angegriffen. Die Stimme eines Nachrichtenmoderators wurde mithilfe von KI imitiert, um Falschnachrichten zu verbreiten.
Auch prominente Stimmen sind per Mausklick verfügbar. Fans produzierten eigene Lieder mit einer geklonten Stimme des Rappers Drake. Die Schauspielerin Emma Watson wurde Opfer eines Voice-Cloning-Falls: Ihre Stimmkopie wurde genutzt, um aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ vorzulesen. Für den Journalismus wird es dadurch schwieriger, echte und gefälschte Inhalte auseinanderzuhalten. Factchecking soll die Richtigkeit und Vertrauenswürdigkeit der Berichterstattung sichern.
Vertrauen entsteht nicht von selbst
Sabine Doppler, Direktorin des NDR-Landesfunkhauses Schleswig-Holstein, bezeichnete Vertrauen als zentrale Voraussetzung journalistischer Arbeit. Angriffe auf Medien und Begriffe wie „Lügenpresse“ könnten Misstrauen fördern. Ihre Gegenmittel: sachliche Prüfung, zuverlässige Berichterstattung, Recherche und die Einhaltung journalistischer Kriterien.
Doppler sprach sich außerdem für mehr Transparenz über den Rechercheaufwand hinter Fernseh-, Radio- und Onlinebeiträgen aus. Veranstaltungen wie die Diskussion in Kiel böten die Möglichkeit, journalistische Arbeitsweisen zu erklären und direkt mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Das klingt unspektakulär, ist aber oft der Teil, der hängen bleibt: Wer hat was geprüft – und wie?
Tanja Köhler, Chefredakteurin der Kieler Nachrichten, verwies auf die Stärke regionaler Medien. Reporterinnen und Reporter seien vor Ort, Informationen könnten häufig unmittelbar überprüft werden. Gerade im Wahlkampf sei das wichtig. Trotz des Aktualitätsdrucks sollten Nachrichten erst veröffentlicht werden, wenn sie durch mehrere Quellen bestätigt sind.
Das gilt auch für visuelle Deepfakes. Videos lassen sich heute leicht manipulieren oder vollständig fälschen. Neben entwürdigendem Bild- und Videomaterial besteht ein hohes Risiko gezielter Desinformation. Viele Konsumentinnen und Konsumenten erkennen solche Inhalte nur schwer; öffentliche Debatten können dadurch auf falsche Grundlagen gestellt werden.
Ein Beispiel ist ein gefälschtes Video über eine angebliche „Pfandsteuer“. Es zeigte Außenministerin Annalena Baerbock bei einer vermeintlichen Pressekonferenz. Ursprünglich war das Video als Satire gekennzeichnet und verbreitete sich auf TikTok. Nutzerinnen und Nutzer teilten es jedoch ohne den Satirehinweis weiter, viele hielten den Inhalt deshalb für echt. Seriöse Medien und Faktencheck-Seiten stellten rasch klar, dass das Video gefälscht war. Vollständig ausräumen ließ sich die Falschmeldung trotzdem nicht.
Hier zeigt sich der sogenannte „Liars Dividend“: Die Urheber von Fälschungen können Verwirrung und Misstrauen nutzen, um Lügen zu verbreiten. Betroffene müssen oft zusätzliche Beweise vorlegen, um sich gegen falsche Vorwürfe zu wehren. Umgekehrt können sich Personen als Opfer eines Deepfakes ausgeben, um echte Taten oder unangenehme Inhalte zu bestreiten.
KI als Werkzeug – und als Stolperfalle
KI beeinflusst den Journalismus zunehmend. Erste Tests zur Verarbeitung von Wahlergebnissen und zur Erstellung einfacher Textbausteine gab es bereits zur Bundestagswahl 2015. Heute kommen der Bedarf nach schneller Informationsverbreitung, Globalisierung sowie veränderte technische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen hinzu.
Redaktionen können KI bei der Berichterstattung einsetzen, müssen erzeugte Informationen aber sorgfältig überprüfen. Die New York Times nutzt beispielsweise KI zur Prüfung von Daten und Sekundärquellen. Dafür braucht es spezialisiertes Personal und neue Strategien zur Faktenvalidierung – nicht bloß ein Programm und einen schnellen Klick.
Mit KI lassen sich täuschend echte, aber falsche Texte, Bilder, Audios und Videos erstellen. Als historischer Vergleich dienen die früher aufwendig gefälschten Hitler-Tagebücher. Heute könnten historische Personen rasch in Texten oder Videos dargestellt werden. Ein KI-generierter Adolf Hitler wird zugleich in einem Format zur Aufklärung über rechtes Gedankengut eingesetzt. Das Beispiel zeigt: Die Technik kann täuschen, aber auch aufklären.
Auch die ethische Seite bleibt offen. In einer Werbekampagne des Springer-Verlags für BILD wurde ein KI-generiertes Video mit Bundeskanzler Olaf Scholz veröffentlicht. Scholz scheint darin zu behaupten, dass BILD über die Bundesregierung berichten werde, solange diese „Mist baue“. Der Audio- und Werbespot war am Ende als KI-generiert gekennzeichnet und erweckte den Eindruck einer Bundestagsdiskussion, die tatsächlich nicht stattgefunden hatte.
Darf ein Medium fiktive Inhalte veröffentlichen, selbst wenn sie gekennzeichnet sind? Und schwächt so etwas die Glaubwürdigkeit des Journalismus? Eine Kennzeichnung wie „KI-generiert“ reicht nicht immer aus, damit Rezipientinnen und Rezipienten einen Deepfake erkennen. Medien, Journalistinnen und Journalisten sowie einzelne Nutzerinnen und Nutzer müssen künstlich erzeugte Videos deshalb kritisch auf ihre Echtheit prüfen.
Die EU arbeitet an rechtlichen Regelungen. Der EU Artificial Intelligence Act trat im August 2024 in Kraft und unterscheidet unter anderem zwischen minimalem, speziellem, ho
