Untere Havel gewinnt ihren Flussraum zurück
Die Untere Havel bekommt wieder mehr Luft. Zwischen Pritzerbe im Landkreis Potsdam-Mittelmark und Gnevsdorf in der Prignitz wurden nach Angaben des Ministeriums 11,25 Kilometer Uferbefestigungen zurückgebaut oder umgestaltet. Wer heute an den Fluss kommt, sieht weniger starre Kanten und mehr Raum für Wasser, Schilf und Auen.
35 Flutrinnen, neun Verwallungen und acht Altarme wurden wieder an die Havel angebunden. Rund 360 Hektar Überschwemmungsflächen kamen zurück. Durch Anpflanzungen entstanden außerdem etwa 100 Hektar Auwald – nicht über Nacht, klar, aber sichtbar genug, dass sich das Landschaftsbild verändert hat.
Mehr Platz für Wasser und Wassertourismus
Rocco Buchta, Leiter des Naturschutzgroßprojekts, sagt, der Zustand der Havel habe sich sichtbar verbessert. Die Flusslandschaft habe wieder einen natürlichen Charakter. Auch die Anwohner seien zufrieden, so Buchta. Und dann ist da noch der Wassertourismus: Das Gebiet ist attraktiver geworden, der Zuwachs fiel sogar stärker aus als vorhergesagt.
Die Entwicklung kommt nicht aus dem Nichts. Der Transitschiffsverkehr auf der Havel nimmt ebenso zu wie die Nährstoff- und Schadstoffbelastung. Ufer wurden mit schwerem Deckwerk befestigt, große Teile der Überflutungsgebiete schrittweise abgetrennt. Die Havel ist trübe geworden; Wasserpflanzen im Hauptstrom und Schilfröhrichte gingen zurück.
Gleichzeitig stehen die noch nicht eingedeichten Gebiete der Unteren Havelniederung als RAMSAR-Gebiet unter internationalem Schutz. Eine Studie zum Zustand der Unteren Havelniederung wurde fertiggestellt und dient als Grundlage für die Renaturierung des Flusses, für Schutzgebietsausweisungen und für den Aufbau von Großschutzgebieten.
Ein langer Anlauf
Bei Premnitz begannen erste ehrenamtliche Renaturierungsmaßnahmen, darunter Pflanzungen von Auenwald und Schilf. Das Landschaftsschutzgebiet Westhavelland sowie rund 26.000 Hektar Naturschutzgebietsfläche in der Unteren Havelniederung und angrenzenden Feuchtgebieten Brandenburgs wurden einstweilig gesichert.
Ehrenamtliche Naturschützer im NABU-Förderverein Untere Havelniederung erarbeiteten eine Renaturierungsvision für das Flussgebiet; kurz darauf wurde der erste Projektantrag gestellt. Im NABU-Konzept „Flüsse zwischen Ost und West“ wurde empfohlen, den Schiffsverkehr zwischen Elbe und Oder weitgehend auf Kanäle zu verlagern. So sollten Renaturierungen an Havel, Elbe, Oder, Saale und Spree möglich werden.
Eine politische Grundlage lieferte die Elbe-Erklärung, die das Bundesverkehrsministerium und Naturschutzverbände schlossen. Die Flusslandschaft Elbe wurde als UNESCO-Biosphärenreservat anerkannt, der Naturpark Westhavelland bekannt gemacht. Später wurde die Untere Havelwasserstraße herabgestuft: Frachtschiffe sind dort nicht mehr zugelassen, Fahrgastschiffe und Sportboote dürfen bleiben.
Dann begann das Naturschutzgroßprojekt „Untere Havelniederung“, Projekt I. Im Mittelpunkt stand zunächst die Erstellung eines Pflege- und Entwicklungsplans als Grundlage für die weiteren Maßnahmen. Mit Projekt II startete die Umsetzung dieses Plans. Das NABU-Institut für Fluss- und Auenökologie, kurz IFA, wurde gegründet und leitet das Projekt von Rathenow aus.
Steine raus, Altarme zurück
Mit dem ersten Spatenstich begann die Entfernung der ersten Deckwerksteine. Ein weiterer Strang folgte mit dem Altarmanschluss Havelberg: Unter dem Titel „Flankierende Maßnahmen“ wurden zusätzliche Vorhaben umgesetzt, die im Hauptprojekt nicht finanziert waren und deshalb andere Fördermittel brauchten.
Die Umsetzung des Altarmanschlusses Schliepenlanke begann als erstes durch NABU-Spenden finanziertes Vorhaben. Das Naturschutzgroßprojekt wurde für weitere zehn Jahre aufgestockt und verlängert. Nach Angaben des Artikels ist die Renaturierung der Unteren Havelniederung inzwischen abgeschlossen.
Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, findet entlang eines Teilstücks des Havel-Radwegs Schilder, die über das NABU-Renaturierungsprojekt und die Lebensräume am Fluss informieren. Der NABU bietet außerdem Schiffstouren durch das Projektgebiet an. Fachleute erläutern dabei Renaturierungsmaßnahmen und stellen Tier- und Pflanzenarten vor – manchmal wohl mit Fernglas, jedenfalls nicht bloß im Vorbeifahren.
Im „Haus der Flüsse“ in Havelberg gibt es eine interaktive Ausstellung und ein Außengelände. Ein Steg führt über einen wieder angeschlossenen Havel-Altarm. Im NABU-Besucherzentrum in Milow informiert eine weitere interaktive Präsentation über Brandenburgs Großschutzgebiete; dort ist auch eine Ausstellung zur Havel-Renaturierung zu sehen.
Unterwegs zwischen Fluss und Sternenhimmel
Die Havelregion lässt sich auch per Kanu erkunden. Wasserwanderkarten sind beim Tourismusverband Havelland erhältlich. Nach einer langen Paddelstrecke ist das keine schlechte Hilfe – besonders dann, wenn aus „nur noch ein Stück“ plötzlich eine kleine Expedition wird.
Das Landschaftserlebnis endet ohnehin nicht am Ufer. Der Sternenpark Westhavelland ist offiziell anerkannt und bietet wegen der geringen Lichtverschmutzung gute Bedingungen zur Beobachtung des Sternenhimmels. Damit das so bleibt, werden Besucher aufgefordert, Müll, Vandalismus, laute Musik und Feuer zu vermeiden und die Wege nicht zu verlassen.
Für die Studierenden und Forschenden an der Uni Potsdam ist die Entwicklung ein Stück brandenburgischer Gegenwart direkt vor der Haustür: ein Fluss, der wieder über seine alten Wege treten darf, und eine Landschaft, die man nicht nur auf Karten verfolgen kann. Heute, am 2.10.2026, reicht dafür manchmal schon ein Ausflug ans Wasser – oder der Blick in einen klaren Abendhimmel über dem Westhavelland.
