Ibuprofen beim Ausdauersport: Wenn Schmerzmittel die Nieren gefährden
Auf dem Rugbyplatz des Berliner SC gehören blaue Flecken, schmerzende Gelenke und kleine Verletzungen für viele Spielerinnen zum Alltag. Beim Siebener-Rugby trifft es häufig Knöchel, Knie und Hände. Caro kam nach einem Spiel mit einem großen Bluterguss davon und setzt nun vorübergehend mit dem Training aus. Erst gesund werden, dann wieder mit voller Belastbarkeit einsteigen – so ihr Plan.
Schmerzmittel sind im Team trotzdem kein Thema für nebenbei. Trainerin Marie hat Schmerztabletten verboten. Gerade im Kontaktsport, sagt sie, könne der Schmerz ein wichtiger Hinweis darauf sein, wie schwer eine Verletzung tatsächlich ist. Wer ihn einfach wegdrückt, merkt womöglich zu spät, dass etwas nicht stimmt.
Eine noch unveröffentlichte Studie der Universitätsmedizin Rostock, deren Standort die Uni Rostock ist, zeigt, wie verbreitet der Griff zur Tablette im Sport dennoch ist. Knapp 1.240 sportlich aktive Erwachsene wurden zur Einnahme rezeptfreier Schmerzmittel im Zusammenhang mit Sport befragt. Fast 60 Prozent hatten schon einmal Ibuprofen oder ähnliche Mittel genommen. Mehr als die Hälfte derjenigen, die Schmerzmittel einnahmen, tat dies ohne ärztlichen Rat.
Wenn der Schmerz vor dem Start verschwindet
Die meisten Befragten nahmen Schmerzmittel wegen akuter Schmerzen. Jeweils knapp 17 Prozent nannten jedoch andere Gründe: Sie wollten hemmungsloser spielen oder vorbeugend trainieren beziehungsweise antreten, obwohl sie keine Schmerzen hatten. Gerade bei Freizeitläufern ist Ibuprofen vor Halbmarathon oder Marathon als vermeintliche Versicherung verbreitet – nach dem Motto: lieber vorher einwerfen, dann bleibt der Lauf schon ruhig.
Ibuprofen gehört zu den nichtsteroidalen Antirheumatika, kurz NSAR. Die Mittel hemmen die Bildung bestimmter Prostaglandine. Diese Botenstoffe tragen unter anderem dazu bei, die Nierendurchblutung bei Kreislaufbelastung aufrechtzuerhalten. Studien zufolge verbessern NSAR vorbeugend weder die sportliche Leistung noch die Beschwerden nach dem Sport. Auch Veränderungen bei Entzündungsmarkern und oxidativem Stress führten in Untersuchungen nicht zu einem Leistungsunterschied zwischen NSAR- und Placebogruppen.
Der Bedarf ist trotzdem groß: 2024 wurden in deutschen Apotheken fast 50 Millionen Packungen Ibuprofen verkauft – rechnerisch etwa 1,5 Packungen pro Sekunde. Knapp zehn Prozent der Rostocker Befragten wussten nichts über mögliche Nebenwirkungen. Mehr als die Hälfte bewertete die eigenen Kenntnisse als schlecht oder mittelmäßig.
Schmerzmediziner Jan-Peter Jansen warnt, Schmerzmittel könnten die persönliche Belastungsgrenze verschieben. Sportler beanspruchten ihren Körper dann womöglich stärker, als es ohne Medikamente möglich wäre. Warnsignale werden überdeckt, Beschwerden während des Laufs erscheinen plötzlich wie normaler Wettkampfschmerz. Ibuprofen behebt aber weder überlastete Sehnen noch gereizte Schleimhäute oder eine durch Belastung eingeschränkte Nierendurchblutung.
Triathletin Laura Klug kennt die andere Seite. Sie stürzte im Training bei nahezu 50 km/h vom Rennrad und brach sich das Becken. Ein erzwungenes Comeback kommt für sie nicht infrage; trainiert wird nur schmerzfrei. Innerhalb eines Jahres will Klug vollständig genesen beim Ironman auf Hawaii starten. Schmerzmittel hält sie für kontraproduktiv, weil sie den Heilungsverlauf langfristig zurückwerfen könnten.
Die Niere läuft nicht einfach mit
Beim langen Laufen wird Blut verstärkt in die arbeitende Muskulatur geleitet, gleichzeitig muss der Körper Wärme abführen und verliert durch Schweiß Flüssigkeit. Der Magen-Darm-Trakt wird vergleichsweise schlechter durchblutet. Die Niere arbeitet dadurch schon ohne Schmerzmittel unter erhöhter Belastung.
Nephrologe Martin Kuhlmann warnt, Ibuprofen und Diclofenac könnten Nierenschäden und Magenblutungen verursachen. Flüssigkeitsverlust beim Sport verschärft das Nierenrisiko: Ibuprofen hemmt einen körpereigenen Mechanismus, der normalerweise die Nierendurchblutung stabilisiert. Während langer Belastung verengt zudem die sympathische Aktivierung die Nierengefäße, um Blut zur Muskulatur und zur Haut zu verteilen. Dehydrierung aktiviert das Renin-Angiotensin-Aldosteron-System, das die Gefäße weiter verengt; NSAR blockieren zusätzlich Prostaglandine, die normalerweise zur Erweiterung der Nierenarteriolen beitragen. Wer die Tablette vor dem Start nimmt, unterbindet diesen prostaglandinvermittelten Schutz bereits vor Beginn der Belastung.
Eine prospektive Marathonstudie von Mansour und Kollegen ergab, dass 82 Prozent der Teilnehmenden nach dem Lauf eine Kreatinin-Erhöhung im Bereich einer akuten Nierenschädigung nach AKIN-Kriterien aufwiesen. Bei 73 Prozent passten zusätzlich die Urinbefunde zu einer tubulären Schädigung. Eine systematische Übersicht zeigte allerdings, dass sich solche Veränderungen häufig innerhalb von 48 Stunden zurückbilden.
In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie über 80 Kilometer entwickelten 52 Prozent der Läufer unter Ibuprofen eine akute Nierenschädigung, unter Placebo waren es 34 Prozent. Die berechnete Number Needed to Harm lag bei 5,5. In der doppelblinden Studie von Lipman et al. aus dem Jahr 2017 nahmen 89 Personen an 80-Kilometer-Rennen in verschiedenen Ländern teil. Die Interventionsgruppe erhielt 400 mg Ibuprofen alle vier Stunden, die Kontrollgruppe ein Placebo. Der Unterschied betrug 18 Prozentpunkte; das 95-%-Konfidenzintervall lag bei −4 bis 41 Prozentpunkten und verfehlte damit formal die statistische Signifikanz. Die Studienautoren empfehlen trotzdem, NSAR bei langen Distanzen sorgfältig abzuwägen.
Bei Halbmarathonläufern stieg der Nierenschadensmarker uNGAL bei nachgewiesenem Ibuprofen- oder Naproxenkonsum stärker an als bei Läufern ohne diese Medikamente. Nach einem einzelnen harten Wettkampf ist eine solche Nierenschädigung meist reversibel. Bei jahrelanger regelmäßiger Einnahme kann es jedoch zu einer fortschreitenden Verschlechterung bis hin zum Nierenversagen kommen. Kuhlmann berichtet, dass nach Berliner Marathons wiederholt Patienten mit entsprechenden Problemen behandelt wurden.
Besonders vorsichtig sollten Menschen mit Diabetes oder Bluthochdruck sein, weil bei ihnen unerkannte Nierenschäden bestehen können. Ehrgeizige Sportler sollten regelmäßig Kreatinin im Blut und Albumin im Urin ärztlich kontrollieren lassen.
Wasser ist nicht automatisch die Lösung
Mehr Flüssigkeit beseitigt das Problem nicht automatisch. Zu wenig Trinken belastet den Körper, übermäßiges Trinken erhöht das Risiko einer belastungsassoziierten Hyponatriämie. Die Wilderness Medical Society empfiehlt den meisten Ausdauersportlern deshalb eine am Durst orientierte Flüssigkeitsaufnahme statt starrer Trinkmengen.
In einer Marathonstudie sank der Natriumspiegel in der NSAR-Gruppe durchschnittlich um 2,1 mmol/L, während er in der Kontrollgruppe um 2,3 mmol/L stieg. In der britischen Marathonstudie war der Unterschied statistisch signifikant (p = 0,0039). Eine höhere Flüssigkeitsaufnahme korrelierte mit niedrigeren Natriumwerten. Bei einer Ironman-Beobachtung hatten alle Athleten mit Hyponatriämie NSAR eingenommen. NSAR können die Ausscheidung von freiem Wasser beeinflussen; viel reines Wasser zusammen mit NSAR kann möglicherweise zwei Risikofaktoren für Natriumstörungen verbinden.
Bei starkem Flüssigkeitsverlust und gleichzeitiger Schmerzmitteleinnahme sind neben Wasser auch Elektrolyte wichtig. Zusätzliches Wasser kann die Gerinnungsfähigkeit weiter verdünnen und unter anderem Darmblutungen begünstigen. Hitze macht die Sache noch kniffliger: Flüssigkeitsverlust und Kreislaufbelastung steigen, das passende Trinkmaß wird schwerer einzuschätzen.
Auch der Magen-Darm-Trakt bekommt bei langen Belastungen weniger Blut. Die Darmbarriere ist dann ohnehin beeinträchtigt. Vier Studien in einem Review fanden zwar keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen NSAR und Magen-Darm-Problemen. Eine prospektive Untersuchung von 1987 stellte während eines Marathons jedoch mehr Blut im Stuhl fest; unter Analgetika war der Anstieg stärker. Die damaligen Autoren bewerteten den Befund als klinisch nicht relevant.
Warnzeichen nach einem langen Lauf sind wenig oder kein Urin, anhaltendes Erbrechen, Verwirrtheit, starke Schwellungen, schwarz verfärbter Stuhl, heftige Oberbauch- oder Flankenschmerzen, ungewöhnliche Benommenheit oder eine Gewichtszunahme trotz des langen Laufs. Nach NSAR-Einnahme sollten solche Symptome medizinisch ernst genommen werden. Was
