Heute, am 24.10.2026, richtet sich an der Universität des Saarlandes der Blick auf die Zukunft des CISPA – ohne seinen Gründungsdirektor Michael Backes. Im Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung spricht Universitätspräsident Ludger Santen über einen möglichen Neuanfang und die geplante Zusammenarbeit zwischen Universität und Forschungszentrum.

Backes scheidet einvernehmlich als Gründungsdirektor des CISPA aus. Er hatte das Zentrum für Informationssicherheit aufgebaut und international etabliert. Santen sieht im personellen Umbruch dennoch eine Chance: Die Universität wolle künftig enger mit dem CISPA kooperieren. Ein gemeinsames Vorgehen könne den Informatik- und Forschungsstandort stärken, einschlägige Studiengänge fördern und den Zugang zu weiteren Talenten vor Ort verbessern.

Neuanfang mit offenem Ausgang

Wie genau dieser Weg aussehen soll, ist noch nicht ausbuchstabiert. Klar ist aber, dass das CISPA seinen weiteren Kurs ohne Backes neu bestimmen muss. Im Interview geht es deshalb auch um die Folgen der CISPA-Debatte für Forschungsinstitutionen und Universitäten, die mit chinesischen Wissenschaftlern kooperieren.

Die Auseinandersetzung reicht dabei über den Campus hinaus. Der St. Ingberter Oberbürgermeister Ulli Meyer würdigte Backes’ Beitrag zum CISPA, zum Wissenschaftsstandort Saarland und zum Strukturwandel. Die Stadt unterstützt insbesondere den CISPA-Standort auf dem ehemaligen Neumann-Gelände. Dort soll ein Forschungscampus entstehen, der zu einem bedeutenden Standort für Cybersicherheitsforschung werden soll. St. Ingbert will den Aufbau gemeinsam mit dem Land begleiten.

Meyer erklärte, die im Sommer erhobenen Vorwürfe gegen das CISPA seien durch eine unabhängige Prüfung nicht bestätigt worden. Welche Vorwürfe konkret geprüft wurden und zu welchen Ergebnissen die Untersuchung kam, wurde allerdings nicht dargelegt. Der vollständige Prüfbericht ist bislang nicht veröffentlicht.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Politische Aufarbeitung im Landtag

Die CDU-Landtagsfraktion beantragte für die Sondersitzung des Wissenschaftsausschusses am 2. Oktober einen Bericht der Landesregierung zu den Hintergründen und Ergebnissen der Sonderprüfung. Dabei soll auch die Rolle des Saarlandes untersucht werden: Das Land ist neben dem Bund Gesellschafter des CISPA und im Aufsichtsrat vertreten.

Die CDU fordert die Teilnahme von Ministerpräsidentin Anke Rehlinger und Staatskanzleichef David Lindemann, dem amtierenden stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden. Der CDU-Abgeordnete Timo P. Gros hält den bisherigen Verweis auf eine laufende Prüfung nicht mehr für ausreichend. Der Prüfbericht liege vor, zudem habe sich die Bundesforschungsministerin bereits öffentlich dazu geäußert.

Die Landesregierung soll darlegen, wie sie ihre Verantwortung als Gesellschafterin und im Aufsichtsrat wahrgenommen hat und welche Konsequenzen sie aus dem Prüfbericht zieht. Die CDU verlangt, dass der Bericht unter Einhaltung des Geheimschutzes dem Landtag zugänglich gemacht wird. Geklärt werden soll auch, wer wann von möglichen Problemen wusste und wie darauf reagiert wurde.

Nach Angaben der CDU war Rehlinger von 2022 bis Frühjahr 2026 stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende. Der Vorsitz des Aufsichtsrats sei von November 2023 bis November 2025 unbesetzt gewesen; in dieser Zeit habe Rehlinger faktisch an der Spitze des Gremiums gestanden. Der im November 2025 eingesetzte Aufsichtsratsvorsitzende sei inzwischen abberufen worden. Daraus leitet die CDU Fragen zur politischen Verantwortung und zur Aufsicht des Landes ab.

Eine ausführliche öffentliche Stellungnahme der Landesregierung zum Prüfbericht liegt bislang nicht vor. In der Sondersitzung wird voraussichtlich beraten, wie die Aufsicht gehandelt hat und ob sich aus der Sonderprüfung personelle oder strukturelle Konsequenzen ergeben.

China-Kontakte und Schutz sensibler Forschung

Das CISPA–Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit in Saarbrücken/St. Ingbert steht wegen des Umgangs mit sensibler Forschung und möglicher Forschungsbeziehungen nach China in der Kritik. Bund und Saarland stoppten zunächst Kooperationen mit chinesischen Partnern, ordneten eine Sonderprüfung an und stellten CISPA-Gründungsdirektor Michael Backes von seinen Aufgaben frei.

Im Verlauf der Untersuchung kamen weitere Fragen zu Führung, Compliance und internen Kontrollen auf. Der rund 400 Seiten umfassende Prüfbericht liegt inzwischen vor. Bundesforschungsministerin Dorothee Bär erklärte, beim Schutz sensiblen Wissens hätten sinngemäß „Tür und Tor“ offengestanden.

Der Bericht stellte unter anderem Defizite bei der Forschungssicherheit, der Exportkontrolle und beim Geheimnisschutz fest. Einen Beleg dafür, dass sensibles Wissen nach China gelangt ist, gibt es bislang nicht. Ein Abfluss kann laut Ministerin jedoch nicht ausgeschlossen werden, weil die Datenlage keine gesicherte Aussage erlaubt. Damit bleibt offen, ob sicherheitsrelevantes Wissen ausgerechnet aus einem auf Informationssicherheit spezialisierten Forschungszentrum abgeflossen ist.

Auch personell ist die Sache nicht abgeschlossen. Michael Backes wehrt sich gegen seine Freistellung; seine weitere Zukunft beim CISPA ist offen. Der vom Bund entsandte Vorsitzende des Aufsichtsrats wurde ebenfalls abberufen. Fragen zur Übersicht und Verantwortung innerhalb der CISPA-Führung liegen damit weiter auf dem Tisch.

Forschungscampus in St. Ingbert

Für das Saarland steht der geplante neue CISPA-Campus in St. Ingbert unmittelbar mit der Affäre in Verbindung. Bis zu 350 Millionen Euro sollen dort investiert werden. Parallel sollen der Forschungscampus weiterentwickelt und die politische Aufarbeitung der CISPA-Krise im Landtag vorangetrieben werden.

Beide Seiten betonen die Bedeutung des CISPA und die Arbeit seiner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für den Forschungsstandort Saarland. Santen setzt dabei auf eine engere Verbindung mit der Universität des Saarlandes – für stärkere Informatik- und Forschungsstrukturen, geförderte Studiengänge und mehr Chancen, Talente vor Ort zu halten oder neu zu gewinnen. Auf dem ehemaligen Neumann-Gelände in St. Ingbert laufen derweil die Planungen für einen Campus, der ein bedeutender Ort der Cybersicherheitsforschung werden soll.