Peter Altmaier: Vom Saarland über Brüssel ins Zentrum der Macht
Peter Altmaier ist heute 68 Jahre alt und lebt in Rehlingen. Ende 2021 zog sich der frühere Kanzleramtschef und Minister der Merkel-Regierung aus der großen Politik zurück. Am 4.10.2026 wirkt sein Alltag deutlich leiser als früher: Gartenarbeit, Bücher, Vorträge in Europa. Und Gespräche mit Schülerinnen und Schülern.
Kürzlich diskutierte Altmaier in den Niederlanden mit rund 200 Schülern über Europa. Das passt zu einem Mann, der politische Fragen offenbar nicht einfach an der Gartentür abgibt. In seine Bücher setzt er gern den Vergil-Leitspruch „Rerum cognoscere causas“ – sinngemäß: „Das Wesen der Dinge erkennen.“
Vom Saarland nach Brüssel und Berlin
Geboren wurde Altmaier 1958 in Ensdorf, als Sohn eines Bergmanns und einer Krankenschwester. Er kam mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt und wuchs in einer katholisch-konservativen Arbeiterfamilie im Saarland auf. 1978 legte er am Gymnasium am Stadtgarten in Saarlouis das Abitur ab.
Nach 15 Monaten Grundwehrdienst begann er 1980 an der Universität des Saarlandes Rechtswissenschaft zu studieren. 1985 bestand er das erste juristische Staatsexamen, 1988 das zweite. Dazwischen arbeitete er von 1985 bis 1987 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Staats- und Völkerrecht; bis 1990 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Europa-Institut. Englisch, Französisch und Niederländisch spricht er fließend.
1990 wurde Altmaier Beamter im höheren Dienst der Europäischen Kommission in Brüssel. Bis 1994 war er Generalsekretär der Verwaltungskommission für die soziale Sicherheit von Wanderarbeitnehmern. Seit dem 1. November 1994 ist er als EU-Beamter beurlaubt.
Sein politischer Weg hatte da längst begonnen: 1974 trat Altmaier der Jungen Union bei, 1976 der CDU. Von 1988 bis 1990 war er Landesvorsitzender der Jungen Union Saar. Seit 1991 gehört er dem Landesvorstand der CDU Saar an, 2008 wurde er stellvertretender Landesvorsitzender. Den CDU-Kreisverband Saarlouis leitete er von 2000 bis 2008; von 2012 bis 2021 gehörte er dem CDU-Bundesvorstand an.
Dem Deutschen Bundestag gehörte Altmaier von 1994 bis 2021 an. Bis 2009 zog er über die Landesliste Saarland ein, 2009, 2013 und 2017 gewann er den Wahlkreis Saarlouis direkt. Bei der Bundestagswahl 2021 verlor er dort mehr als zehn Prozentpunkte der Erststimmen und zog über Platz zwei der Landesliste ein.
Am 9. Oktober 2021 verzichtete er gemeinsam mit Annegret Kramp-Karrenbauer auf die Mitgliedschaft im 20. Bundestag, um einen Generationswechsel zu ermöglichen. Für Kramp-Karrenbauer rückte Nadine Schön nach, für Altmaier Markus Uhl. In einer anderen Darstellung wird sein Ausscheiden zugleich mit dem Verlust des Direktmandats und einer fehlenden Absicherung über die Landesliste verbunden.
Fraktionsmanager, Minister, Kanzleramtschef
Altmaier war von 1998 bis 2000 Vorsitzender des Unterausschusses für Europarecht im Rechtsausschuss und gehörte der informellen schwarz-grünen „Pizza-Connection“ an. Von 2002 bis 2005 war er Mitglied des Vorstands der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, 2004 und 2005 ihr Justiziar.
Am 27. Oktober 2009 wurde er Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion – mit 98,4 Prozent der Stimmen. In dieser Funktion organisierte er Mehrheiten und war an den Großen Koalitionen unter Angela Merkel beteiligt. Seine Amtszeit endete mit der Ernennung zum Bundesumweltminister am 22. Mai 2012. Für ein Jahr, ebenfalls 2012, war er Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums.
Altmaier galt 2003 als CDU-Kandidat für das Amt des Generalanwalts am Europäischen Gerichtshof. Die Bundesregierung entschied sich stattdessen für Juliane Kokott. Von 2005 bis 2009 war er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium. Am 22. Mai 2012 übernahm er das Bundesumweltministerium und wurde Nachfolger von Norbert Röttgen.
Nach der Bundestagswahl 2013 wechselte Altmaier am 17. Dezember in das Bundeskanzleramt. Als Chef des Bundeskanzleramtes nahm er eine zentrale Regierungsposition ein. Im Oktober 2015 wurde er zum zentralen Ansprechpartner der Bundesregierung für die politische Gesamtkoordinierung der Flüchtlingslage bestimmt. Während der Flüchtlingskrise 2015/16 war er an der Organisation der Aufnahme von mehr als einer Million Geflüchteten beteiligt; im Kanzleramt war in dieser Zeit auch Helge Braun als Staatsminister tätig.
Vom 24. Oktober 2017 bis zur Bildung einer neuen Bundesregierung war Altmaier zusätzlich kommissarischer Bundesfinanzminister. Am 14. März 2018 wurde er Bundesminister für Wirtschaft und Energie im Kabinett Merkel IV. Dort setzte er sich für eine aktivere Industriepolitik ein und legte eine Nationale Industriestrategie vor. Das Strategiepapier löste Diskussionen über die Rolle des Staates in der Wirtschaft und den Schutz deutscher Schlüsselunternehmen aus.
Seine europapolitische Arbeit reichte über die Ministerämter hinaus. Altmaier war Mitglied des Europaausschusses des Bundestages und stellvertretendes Mitglied des Europäischen Verfassungskonvents. Von 2004 bis 2008 war er Vizepräsident des Netzwerks Europäische Bewegung Deutschland. Von Dezember 2006 bis November 2011 stand er als Präsident an der Spitze der Europa-Union Deutschland, seit 2011 ist er deren Ehrenpräsident. 2010 wurde er Ehrensenator der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung.
Streit, Kritik und politische Kanten
In den 1990er Jahren setzte sich Altmaier für eine Modernisierung des Staatsangehörigkeitsrechts ein und pflegte Kontakte zu Migranten, Flüchtlingsverbänden und Kirchen. Er befürwortete eine Öffnung der CDU zu den Grünen. 1998 forderte er Helmut Kohl zum Rücktritt auf und kritisierte Roland Koch wegen eines aus seiner Sicht ausländerfeindlichen Wahlkampfs. 2003 wandte er sich gegen den Aufruf des Vatikans zur Bekämpfung gleichgeschlechtlicher Ehen.
Angela Merkel ernannte ihn 2002 zum CDU-Obmann im ersten Untersuchungsausschuss der 15. Wahlperiode, dem sogenannten „Lügenausschuss“. Im Oktober 2017 führte Altmaier Geheimverhandlungen in der Türkei über die Freilassung der Deutschen Deniz Yücel, Meşale Tolu und Peter Steudtner. Nach Informationen des „Spiegel“ erzielte er eine Vereinbarung zur Freilassung Steudtners; die Bundesregierung machte keine Angaben zu möglichen Gegenleistungen.
Im Oktober 2014 geriet Altmaier wegen eines Schreibens an Mitglieder des NSA-Untersuchungsausschusses in die Kritik. Darin behielt er sich eine Strafanzeige gegen Unbekannt vor, falls als geheim eingestufte BND-Unterlagen veröffentlicht würden. Ausschussmitglieder bezeichneten das als Einschüchterungsversuch, Medien werteten den Brief als Drohung gegenüber dem Ausschuss.
Ende Juni 2017 unterstützte Altmaier im Bundestag die Einführung der Ehe für alle – entgegen der Mehrheit seiner Fraktion. 2019 schlug er eine Wahlrechtsreform vor: Online-Anhörungen vor Gesetzesbeschlüssen, eine stärkere Konzentration von Bundestags- und Landtagswahlen, eine Verlängerung der Bundestagslegislaturperiode auf fünf Jahre, eine Verringerung der Abgeordnetenzahl sowie weniger Staatssekretäre und Regierungsbeauftragte.
Auch Personalentscheidungen sorgten für Fragen. Vor den Bundestagswahlen 2013 und 2021 soll Altmaier Parteifreunde mit Stellen in seinen Ministerien versorgt haben. Vor der Wahl 2021 wurden 18 Stellen ganz oder überwiegend mit Parteikollegen besetzt; zudem sprach er 28 Beförderungen aus. 2017 hatte er als Kanzleramtsminister seine Kabinettskollegen wegen der bevorstehenden Regierungsbildung aufgefordert, auf Personalentscheidungen zu verzichten.
Als Bundesumweltminister wurde Altmaier vom Bundesverband Erneuerbare Energie beschuldigt, den Ausbau erneuerbarer Energien zu bremsen und Ausbauziele zu reduzieren. Er prognostizierte mögliche Kosten der Energiewende und des Umbaus der Energieversorgung von rund einer Billion Euro bis Ende der 2030er-Jahre. Während seiner Amtszeit
