In Tübingen fordert eine internationale Expertenkommission, die psychische Gesundheit viel stärker in der Stadtplanung mitzudenken. Beteiligt ist auch das Universitätsklinikum Tübingen. Grundlage der Forderung sind ausgewertete Studien zum Zusammenhang zwischen Umweltbelastungen und psychischen Erkrankungen.

Verkehrslärm, aufgeheizte Wohnungen und fehlendes Stadtgrün können die Erholung beeinträchtigen. Treffen mehrere Belastungen zusammen, können sie sich gegenseitig verstärken. „Ziel ist es, Umweltbelastungen zu reduzieren, bevor Menschen erkranken“, erklärt der Tübinger Psychiater Andreas Heinz.

Lärm, Hitze und fehlendes Grün

Die Studien zeigen Zusammenhänge zwischen dauerhaftem Verkehrslärm und depressiven Symptomen sowie Ängsten. Hitze geht demnach mit einer höheren Zahl psychiatrischer Notfälle und psychischer Krisen einher. Luftschadstoffe könnten Entzündungsprozesse auslösen, die auch das Gehirn betreffen. Wer in der Kindheit wenig Grün erlebt, hat später möglicherweise ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen.

Eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehungen belegen die Studien laut Heinz allerdings nicht. Auch das Einkommen und andere Lebensbedingungen könnten eine Rolle spielen. Armut, soziale Ausgrenzung und schlechte Umweltbedingungen treten häufig in denselben Stadtteilen gemeinsam auf – Lärm und Asphalt sind dann nur ein Teil des Problems.

Menschen mit wenig Geld haben bei der Wohnungssuche oft weniger Auswahl. Eine ruhige Wohnung im Grünen oder ein Umzug sind für sie häufig keine realistischen Lösungen. Deshalb sollen nach Ansicht der Kommission zunächst besonders belastete Gruppen von Schutzmaßnahmen profitieren: Menschen mit geringem Einkommen, ältere Menschen und Menschen mit psychischen Erkrankungen.

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Was Städte konkret tun könnten

Städte sollten zunächst erfassen, welchen Umweltbelastungen die Menschen in ihren Gebieten ausgesetzt sind. Anschließend könnten gezielte Maßnahmen folgen: kleinere Parks anlegen, Straßen begrünen oder Ufer öffentlich zugänglich machen. Auch nachts niedrigere Tempolimits und lärmärmere Straßenbeläge werden genannt.

Die psychische Gesundheit soll dabei nicht erst auftauchen, wenn eine fertige Straße eingeweiht wird. Sie soll schon bei Verkehrsprojekten, bei Hitzeaktionsplänen und bei der Gestaltung öffentlicher Plätze berücksichtigt werden. Ob die Maßnahmen tatsächlich helfen, soll wissenschaftlich überprüft werden.

Stadtleben und Gehirn im Blick

Der Hintergrund ist groß: Mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung leben in Städten, bis 2050 sollen es etwa zwei Drittel sein. Dass städtische Umweltfaktoren die psychische Gesundheit beeinflussen können, ist bekannt. Wie mehrere Belastungen zusammenspielen und mit Veränderungen im Gehirn sowie psychischen Symptomen zusammenhängen, war bisher jedoch nicht umfassend untersucht.

Forschende analysierten dafür Daten von mehr als 150.000 Teilnehmenden. Sie erstellten Umweltprofile des städtischen Lebens und prüften deren Zusammenhang mit psychiatrischen Symptomen. Zusätzlich suchten sie nach Hirnarealen, die diese Verbindung vermitteln könnten. Genetische Varianten aus genomweiten Analysen psychiatrischer Symptome wurden dafür mit regionalen Hirnvolumina abgeglichen, die mit städtischen Umweltprofilen zusammenhängen.

Ein Umweltprofil aus sozialer Benachteiligung, Luftverschmutzung, einem dichten Straßennetz und intensiver Flächennutzung war mit Depressionssymptomen verbunden. Unterschiede im Hirnvolumen deuteten darauf hin, dass Gehirnareale der Belohnungsverarbeitung an diesem Zusammenhang beteiligt sein könnten. Ebenfalls beteiligt waren Gene, die zur Vermittlung von Stressreaktionen beitragen.

Grünflächen und gut erreichbare Ausflugsziele standen dagegen mit einem geringeren Auftreten von Angstsymptomen in Verbindung. Ein weiteres städtisches Umweltprofil korrelierte mit Symptomen emotionaler Instabilität. Die Ergebnisse beschreiben mögliche biologische Mechanismen hinter den Auswirkungen komplexer städtischer Umweltbelastungen. Künftig könnte die Gewichtung einzelner Faktoren und ihres Zusammenspiels dabei helfen, Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit zu planen und zu priorisieren.

Die Untersuchung stammt von Xu et al. und trägt den Titel „Effects of urban living environments on mental health in adults“. Veröffentlicht wurde sie 2023 in Nature Medicine, 29(6), auf den Seiten 1456–1467. DOI: 10.1038/s41591-023-02365-w.