In Tübingen beginnt die digitale Spurensuche in einem Pariser Gästebuch: Die Universitäten Würzburg, Konstanz und Tübingen erschließen Nadars „livre d’or“ – ein großformatiges Album, in dem sich Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Kultur eintrugen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Vorhaben über drei Jahre. Der Projektstart ist für April 2027 vorgesehen.

Im Mittelpunkt steht Gaspard-Félix Tournachon (1820–1910), besser bekannt als Nadar. Der Franzose war Fotograf, Mediziner, Journalist, Karikaturist, Schriftsteller und Luftschiffer. 1854 eröffnete er in Paris ein Atelier für fotografische Porträts. Wer sich dort ablichten ließ, hinterließ nicht selten im Gegenzug einen Eintrag in seinem Gästebuch. Einzelne Beiträge erschienen sogar in der zeitgenössischen Presse.

Ein Gästebuch zwischen Paris und Philadelphia

Das „livre d’or“ lag im Pariser Studio aus. Über den Nachlass des amerikanischen Zahnarztes Thomas W. Evans gelangte es später nach Philadelphia; heute wird es in der Bibliothek der University of Pennsylvania aufbewahrt. Das Album ist auch auf den Seiten der Penn Libraries verfügbar.

Zusätzlich untersucht das Forschungsteam ein zweites, erst kürzlich entdecktes Album. Es enthält mehr als 400 Beiträge: Aphorismen, Gelegenheitsdichtungen, Zeichnungen und musikalische Kompositionen. Da steckt also nicht bloß höfliches Gästebuchgeplauder zwischen den Seiten, sondern ein ziemlich dichtes Stück Kulturgeschichte.

Geleitet wird das Projekt von Prof. Dr. Karl Philipp Ellerbrock aus der Romanistik an der Universität Würzburg, Dr. Paul Mellenthin aus der Kunstgeschichte an der Universität Tübingen und Prof. Dr. Bernd Stiegler aus der Neueren deutschen Literatur mit Schwerpunkt Medien- und Fotografiegeschichte an der Universität Konstanz.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Die Forschenden wollen die kulturgeschichtlichen Hintergründe beider Alben rekonstruieren. Zu den dokumentierten Namen gehören etwa der Dichter Charles Baudelaire, der Künstler Gustave Doré und der Komponist Jacques Offenbach. Ihre Einträge sollen mit Nadars Porträts und Karikaturen verbunden werden. Dabei geht es auch um die Frage, nach welchen Auswahlmechanismen Menschen in das Buch gelangten – und wie sich gesellschaftliche Selbst- und Fremdpositionierung darin zeigt.

Lesbar machen, was zwischen den Zeilen steckt

Eine philologisch-textkritische Bearbeitung soll die Einträge neu lesbar machen und in ihren historischen Kontexten erschließen. Gemeinsam mit arthistoricum.net ist ab April 2027 eine kommentierte Online-Edition des livre d’or geplant. Zugänglich werden soll sie über die Objekt- und Multimediadatenbank arthistoricum.net der Universitätsbibliothek Heidelberg.

Den Projektstart begleitet die Zeitschrift „Fotogeschichte“ mit einem Themenheft. Eine im Zusammenhang mit dem Vorhaben abgebildete Karikatur Nadars stammt von Amédée Charles Henri de Noé, der unter dem Namen „Cham“ bekannt war. Verwahrt wird sie von den Penn Libraries, Kislak Center for Special Collections.

Der Name Nadar steht dabei für weit mehr als Studioporträts. Geboren wurde Gaspard-Félix Tournachon am 6. April 1820 in Paris, gestorben ist er dort am 21. März 1910. Zunächst studierte er in Lyon Medizin, brach das Studium aber ab und wandte sich dem Journalismus zu. Nach seiner Rückkehr nach Paris 1839 arbeitete er als Zeichner, im Theater und in der Industrie. Ab 1849 erschienen seine Karikaturen regelmäßig in der Satirezeitschrift Revue comique.

1854 heiratete er die 18-jährige Ernestine aus der Normandie; ihr einziger Sohn Paul wurde 1856 geboren. Im selben Jahr eröffnete Nadar sein Atelier für fotografische Porträts. Typische Studioaccessoires, gemalte Hintergründe und Retusche ließ er zunehmend weg. Stattdessen setzte er auf Beleuchtung, Silhouette, Blick und Hände – auf all das, was eine Person nicht geschniegelt, sondern irgendwie lebendig wirken lässt. Zur Finanzierung des Studios verkaufte er unter anderem Kopien der Porträts prominenter Personen.

Vom Atelier in die Luft

Zu Nadars bekanntesten Arbeiten zählen die ersten Luftaufnahmen von Paris sowie frühe Fotografien der Pariser Katakomben und der unterirdischen Abwasserkanäle. 1858 fertigte er bei einem Ballonaufstieg nahe Paris die ersten Luftaufnahmen der Welt an. Nadar gilt deshalb als Pionier der Luftbildfotografie. Seine Arbeiten inspirierten Jules Verne zu Fünf Wochen im Ballon.

1863 wurde die Gesellschaft zur Förderung von Flugmaschinen gegründet, die schwerer als Luft waren. Nadar übernahm den Vorsitz, Jules Verne wurde Sekretär. Ziel waren steuerbare Flugmaschinen als Alternative zu Ballons. Im selben Jahr unternahm Nadar mehrere Aufstiege mit dem Riesenballon Le Géant. Die Einnahmen aus den Veranstaltungen und dem Verkauf von Luftbildern sollten die Entwicklung steuerbarer Luftschiffe finanzieren. Bei der Feier zum ersten Aufstieg war Kaiser Napoleon III. dabei.

Die Ballonkapsel war zweistöckig und besaß ein integriertes Fotolabor. Kollodium-Nassplatten konnten direkt vor der Aufnahme präpariert und nach der Belichtung entwickelt werden – kein gemütliches Nachbearbeiten bei Tageslicht, sondern Fotografie mit Wind, Höhe und vermutlich ordentlich Herzklopfen.

Bei der zweiten Fahrt wurde Nadar gemeinsam mit Ernestine unter schwierigen Bedingungen von Paris nach Hannover getragen. Der Ballon landete bei Neustadt am Rübenberge; der Korb wurde vom Wind bis in die Gegend von Rethem über den Boden geschleift. Beide erlitten schwere Verletzungen und wurden in Hannover behandelt. Während der Reise fertigte Nadar Luftaufnahmen an und beschrieb die Methode in Nouveau système de photographie aérostatique. Seine Ballonfahrten veröffentlichte er in Mémoires du Géant, à terre et en l’air (1864) und Le droit au vol (1865).

Auch eine Serie von neun Aufnahmen aus dem Jahr 1860 gehört zu diesem widersprüchlichen Werk. Sie zeigt eine junge intersexuelle Person und wurde wahrscheinlich vom Internisten Armand Trousseau für wissenschaftliche Zwecke in Auftrag gegeben. Die Fotografien gelten als wahrscheinlich erste medizinische Fotoillustrationen eines Patienten mit intersexuellen Genitalien. Nadar veröffentlichte sie ursprünglich nicht.

Porträts, Impressionismus und ein langes Nachleben

1874 organisierte Nadar in seinem Atelier die erste Ausstellung impressionistischer Malerei. Zu sehen waren unter anderem Werke von Claude Monet, Edgar Degas, Camille Pissarro und Paul Cézanne. Von 1895 bis 1909 befand sich sein Studio in Marseille, anschließend wieder in Paris. 1900 veröffentlichte Nadar seine Erinnerungen unter dem Titel Quand j’étais photographe.

Ernestine starb 1909 nach 55 Ehejahren. Nadar starb 1910 wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag und wurde auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise beigesetzt. Sein Sohn Paul führte das Atelier ab 1911 weiter. Nadars Negative werden in der Caisse nationale des monuments historiques in Paris aufbewahrt, Abzüge und Archiv befinden sich in der französischen Nationalbibliothek.

Die Liste der von Nadar porträtierten Personen liest sich wie ein Gesellschaftsplan des 19. Jahrhunderts. Zu den Schriftstellern gehörten Charles Baudelaire, Alexandre Dumas der Ältere, Théophile Gautier, Peter Kropotkin, Gérard de Nerval, Henri Rochefort, George Sand, Jules Verne und Émile Zola. Unter den Malern finden sich Camille Corot, Gustave Courbet, Charles-François Daubigny, Honoré Daumier, Eugène Delacroix, Gustave Doré, Édouard Manet, Jean-François Millet und Claude Monet.

Auch die Komponisten Hector Berlioz, Claude Debussy, Nicolò Gabrielli, Charles Gounod, Franz Liszt, Jacques Offenbach und Gioachino Rossini saßen vor seiner Kamera. Hinzu kamen Politiker und Staatsmänner wie Georges Clemenceau, Adam Jerzy Czartoryski, Jules Favre, Léon Gambetta, Schah Nasreddin von Persien, Muhammad Said und Adolphe Thiers sowie die Generäle Georges Boulanger, François Certain de Canrobert und Gaston de Galliffet.

Weitere Porträts zeigen Michail Bakunin, Sarah Bernhardt, Aristide Bruant,