Männergesundheit: Warum psychische Hilfe kein Zeichen von Schwäche ist
Am 26.10.2026 geht es an der Uni Tübingen um eine Frage, die viele Männer lange vor sich herschieben: Wann ist eine seelische Belastung eigentlich „schlimm genug“, um Hilfe zu suchen? Der Schauspieler Martin Luding, 55, kennt diesen Punkt. Nach Trennung und Scheidung musste er zugleich stärker für seine Kinder da sein.
Parallel tourte Luding mit seinem Solostück „Caveman“ durch Deutschland. Freunde rieten ihm, beruflich und persönlich das Tempo zu reduzieren. Nach dem Umzug von Stuttgart nach Bayern konzentrierte er sich an den Wochenenden auf seine Kinder. Dann kamen die Corona-Lockdowns: Der gemeinsame Alltag wurde schwieriger, geschlossene Theater trafen auch seine Arbeit.
Wenn der Motor weiterläuft
In einer neuen Beziehung wurde Luding wiederholt vorgeworfen, alles als Kritik aufzufassen. Irgendwann merkte er, dass er alleine nicht weiterkam. Er wollte seine zweite Partnerschaft nicht gefährden und suchte auch für seinen beruflichen Weg Unterstützung. Aufgrund positiver Erfahrungen von Freunden begann er eine Therapie.
Psychologin Katharina Piekorz aus Oberderdingen berichtet, dass viele stark belastete Männer zunächst fragen, ob ihre Situation „schlimm genug“ für Hilfe sei. Frauen sprächen ihrer Erfahrung nach häufiger über Belastungen und erkannten schneller, dass sie Unterstützung benötigen. Piekorz führt das unter anderem auf männliche Rollenbilder zurück: Jungen würden eher lernen, offen über Sorgen, Ängste und Überforderung zu sprechen, wenn männliche Bezugspersonen das vorlebten.
Eine Forsa-Umfrage für die hkk zeigt, wie dünn das Gesprächsnetz mancher Männer ist: 57 Prozent sprechen mit Partnerin oder Familie über Sorgen, im Freundeskreis tun dies 45 Prozent. Mehr als jeder dritte Mann versucht laut der Umfrage, Probleme alleine zu bewältigen.
Die Warnzeichen können dabei ziemlich alltäglich aussehen: anhaltend schlechter Schlaf, exzessiver Sport, hoher Alkoholkonsum oder ein extremes Stürzen in die Arbeit. Männer neigen laut Piekorz häufiger dazu, zu schweigen, sich zurückzuziehen und solche Signale lange zu ignorieren. Sie vergleicht sie mit einer Motorkontrollleuchte. Viele ließen ihr Auto zeitnah überprüfen; Männer funktionierten trotz psychischer Beschwerden oft weiter, bis nichts mehr gehe.
Männergesundheit ist mehr als ein Schnurrbart
Das Thema Männergesundheit ist weiterhin häufig tabuisiert. Im November macht die Aktion „Movember“ mit dem Schnurrbart als Symbol darauf aufmerksam; psychische Gesundheit gehört ausdrücklich dazu. Männer sterben im Durchschnitt etwa fünf Jahre früher als Frauen. Nach Angaben der Universität Tübingen sind die Gründe dafür weitgehend vermeidbar.
Auch die Zahlen zu psychischen Erkrankungen erzählen keine einfache Geschichte. Im „Psychreport 2025“ der DAK entfielen auf 100 Versicherte 431 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen bei Frauen und 266 bei Männern. Piekorz wertet die niedrigere Zahl bei Männern auch als Hinweis darauf, dass sie sich seltener wegen psychischer Belastungen krankschreiben lassen. Bei Suiziden haben Männer mit knapp 70 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Anteil.
Eine Broschüre des Bundesgesundheitsministeriums beschreibt das Bild vom „starken Geschlecht“, dem Leistungsfähigkeit und Gesundheit zugeschrieben werden. Gleichzeitig steigt die Zahl psychischer Erkrankungen. Als mögliche Faktoren gelten gesellschaftliche und geschlechtsspezifische Anforderungen der Arbeitswelt. Finanz- und Wirtschaftskrisen können insbesondere bei Männern psychische Belastungen, Burn-outs oder Depressionen begünstigen.
Das Robert Koch-Institut weist darauf hin, dass sich Männer und Frauen deutlich hinsichtlich Gesundheit und Krankheit unterscheiden. Unterschiede zeigen sich bei der Häufigkeit verschiedener Erkrankungen, bei der Wahrnehmung und Kommunikation von Symptomen, beim gesundheitsbezogenen Verhalten sowie bei der Nutzung medizinischer und anderer Versorgungsangebote. Als mögliche Ursachen gelten biologische Unterschiede, unterschiedliches Gesundheitsverhalten und verschiedene Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Daten des Gesundheitsmonitorings des Robert Koch-Instituts bilden eine wichtige Grundlage, um geschlechterbezogene Aspekte von Gesundheit und Krankheit darzustellen.
Hilfe nicht erst im Notfall
Professionelle Hilfe sei angezeigt, wenn Belastungssymptome anhalten, andere Personen darauf aufmerksam machen oder Erholung am Wochenende beziehungsweise im Urlaub nicht mehr möglich ist. Luding wollte weder Freunde noch Familie mit seinen Problemen belasten. Außerdem hielt er deren Einschätzung nicht für objektiv.
Er suchte keine bloße Anteilnahme, sondern konkrete Orientierung. Die Therapeutin sollte ihn als Außenstehende unvoreingenommen befragen und schwierige Themen ansprechen. Piekorz betont, psychologische Hilfe sei kein Zeichen von Schwäche oder Niederlage, sondern Ausdruck von Verantwortung für das eigene Leben und die eigene Gesundheit.
Anderthalb Jahre absolvierte Luding Therapie. Er bezeichnet sie als wichtige und hilfreiche Erfahrung. Dabei lernte er, zwischen Prägungen und persönlichen Erfahrungen zu unterscheiden. Künftig will er erneut Hilfe suchen, sobald er merkt, dass die Belastung wieder zunimmt.
Die ergänzend herangezogene Seite des Bundesgesundheitsministeriums zum Thema Männergesundheit war nicht lesbar beziehungsweise offenbar binär oder fehlerhaft kodiert. Eine sachliche Zusammenfassung dieser Quelle ist deshalb nicht möglich.
Quelle: Handelsblatt
Weitere Informationen: Robert Koch-Institut
Hinweis zur Quelle: Bundesgesundheitsministerium
