In Ulm dreht sich am 17. Oktober alles um das Leben mit ADHS. In der Ulmer Familienbildungsstätte wollen Fachleute aus erster Hand informieren – und mit Falschinformationen und Vorurteilen aufräumen. Für viele Familien ist das längst überfällig.

Menschen mit ADHS haben unter anderem häufig Schwierigkeiten mit der Konzentration. Bei Kindern kann das in der Schule schnell zu starkem Frust führen: Der Stoff liegt auf dem Tisch, der Kopf springt trotzdem irgendwohin. Bei einem früheren Aktionstag in Ulm berichtete eine betroffene Jugendliche über ihre Erfahrungen.

Wenn der Kopf ständig auf Empfang ist

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Die psychische Störung beginnt meist in der Kindheit und bleibt häufig bis ins Erwachsenenalter bestehen. Betroffene Kinder sind im Vergleich zu Gleichaltrigen oft unaufmerksam und leicht ablenkbar, impulsiv, ungeduldig oder unachtsam. Manche sind unruhig, rastlos oder übermäßig aktiv – hyperaktiv eben.

Wegen der Konzentrationsprobleme fällt das Lernen häufig schwer. Bei manchen Kindern kommen Ängste oder Depressionen hinzu. Sind sie vorwiegend unaufmerksam, aber nicht hyperaktiv, wird von Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, kurz ADS, gesprochen. Gelegentliche Unaufmerksamkeit und Impulsivität sind bei Kindern allerdings normal. Entscheidend sind Stärke und Dauer der Auffälligkeiten – und der Vergleich mit Gleichaltrigen.

ADHS wird zunehmend häufiger diagnostiziert. Gleichzeitig gibt es die Vermutung, dass ein Teil der Diagnosen Fehldiagnosen sein könnte. Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich spielen genetische Veranlagung und äußere Einflüsse zusammen. Bei Menschen mit ADHS wurden Veränderungen beim Dopamintransport in Hirnbereichen festgestellt, die für Gedächtnis und Lernen wichtig sind.

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Viele Einflüsse, keine einfache Erklärung

Diskutiert werden auch gesellschaftliche Faktoren: eine zunehmende Reizüberflutung, weniger Bewegung, hoher Leistungsdruck und Veränderungen im familiären Zusammenleben. Während der Schwangerschaft können Rauchen, Alkohol- oder Drogenkonsum der Mutter sowie Präeklampsie mögliche Einflüsse sein. In Studien war allerdings jeweils nur ein kleiner Teil der betroffenen Kinder diesen Faktoren ausgesetzt.

Künstliche Farbstoffe und Konservierungsmittel werden teilweise mit auffälligem Verhalten in Verbindung gebracht. Die Ernährung spielt wahrscheinlich höchstens eine geringe Rolle. Besteht ein konkreter Verdacht, kann eine Ernährungsumstellung ausprobiert werden – am besten nicht im Alleingang, sondern mit fachlicher Begleitung.

Bei etwa fünf Prozent der Kinder wird ADHS diagnostiziert. Im Jugend- und Erwachsenenalter nimmt die äußerlich sichtbare Hyperaktivität häufig ab; an ihre Stelle kann eine innere Unruhe oder Rastlosigkeit treten. Die Symptome sind bei Erwachsenen meist schwächer ausgeprägt als bei Kindern und Jugendlichen. Trotzdem haben etwa 50 bis 80 Prozent der Erwachsenen, die bereits als Kind ADHS hatten, weiterhin zumindest teilweise Beschwerden. Rund 15 Prozent erfüllen auch im Erwachsenenalter noch die vollständigen Diagnosekriterien. Schwierigkeiten in Beziehungen oder im Beruf sind dann keine Seltenheit.

Diagnose mit Blick auf den ganzen Alltag

Die Diagnose sollten Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin oder Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten stellen. Wichtig ist ein ausführliches Gespräch, in dem andere Ursachen für auffälliges Verhalten ausgeschlossen werden. Dazu zählen Schlafstörungen, Seh- oder Hörfehler, eine Schilddrüsenüberfunktion, andere psychische Erkrankungen und Schulprobleme. Erwachsene können sich zur Abklärung an eine psychiatrische oder psychotherapeutische Praxis wenden.

Vor einer Behandlung steht die Beratung über ADHS und den Umgang damit. Daran können auch Eltern, Erziehungs- und Lehrkräfte teilnehmen. Wie viel Unterstützung nötig ist, hängt unter anderem davon ab, wie stark Kind und Eltern belastet sind, wie sehr die schulische Entwicklung leidet und wie der Alltag funktioniert – Schlafgewohnheiten eingeschlossen.

Bei leichter ADHS kann eine Schulung der Eltern ausreichen. Bei mittelschwerer oder schwerer ADHS kommen schulische Maßnahmen sowie Familien- oder Verhaltenstherapie infrage. Ob Medikamente eingesetzt werden, hängt vom Alter, vom Schweregrad, von bisherigen pädagogischen oder psychotherapeutischen Maßnahmen sowie von den jeweiligen Vor- und Nachteilen ab. Häufig wird Methylphenidat verwendet; weitere mögliche Wirkstoffe sind Atomoxetin, Dexamphetamin, Guanfacin und Lisdexamfetamin. Für Erwachsene können je nach persönlicher Situation Psychotherapie und/oder Medikamente sinnvoll sein.

Wenn hyperaktive und impulsive Kinder oder Jugendliche ihren Alltag kaum noch bewältigen können, kann ein vorübergehender Aufenthalt in einer psychosomatischen oder psychiatrischen Klinik sinnvoll sein. Das klingt erst einmal groß – manchmal braucht es aber eben mehr als ein gutes Zureden am Küchentisch.

Entlastung für Familien

ADHS kann die gesamte Familie belasten und zu Konflikten in der Schule, in der Freizeit sowie im Kontakt mit anderen Kindern und Eltern führen. Eltern müssen das betroffene Kind unterstützen und zugleich darauf achten, dass Geschwister sich nicht vernachlässigt fühlen. Feste Routinen und klare Regeln können helfen. Auch der Austausch mit anderen betroffenen Familien, etwa in Selbsthilfegruppen, kann entlasten.

Wichtig bleibt dabei: Das Verhalten ist keine Absicht. Betroffene Kinder und Jugendliche leiden selbst unter den Folgen. Deutschlandweit gibt es regionale Beratungs- und Unterstützungsangebote für Betroffene und Angehörige. Der Aktionstag in der Ulmer Familienbildungsstätte bietet am 17. Oktober die Gelegenheit, Fragen direkt an Fachleute aus Ulm zu richten und genauer hinzuschauen – dort, wo im Alltag oft nur noch Frust übrig bleibt.