Jürgen Klopp als Führungsmodell: Was Unternehmen von seinem Stil lernen können
Am 28. September 2026 wirkt Jürgen Klopp in der deutschen Fußballwelt plötzlich größer als zuvor – und zugleich ein wenig schwerer greifbar. Kurz vor dem WM-Start gegen Curaçao deutete er an, dass Julian Nagelsmann möglicherweise nicht dauerhaft Bundestrainer bleiben werde. Nach einer öffentlichen Entschuldigung wurde später bekannt: Nagelsmann scheidet aus, Klopp übernimmt. Seine Aufgabe ist gewaltig. Nach dem erneuten WM-Debakel soll er die deutsche Nationalmannschaft zurück an die Weltspitze führen.
An der WHU interessiert daran nicht nur die Frage, ob Klopp Spiele drehen kann. Roman Briker, Leadership-Experte der WHU, sieht in seinem Auftreten ein Lehrstück für Führung in Unternehmen. Auch Nina Burger, ehemalige Rekordspielerin und Rekordtorschützin des österreichischen Frauen-Nationalteams sowie sportliche Leiterin des Damenbereichs des First Vienna FC, und Prof. Jonas Puck, wissenschaftlicher Leiter des MBA Energy Management und Forscher zu Parallelen zwischen Profifußball und Wirtschaft, haben Klopps Stil analysiert. Ihr Beitrag erschien am 23. Juli 2023. Der Artikel, auf dem die sieben Lehren beruhen, erschien erstmals im Juli 2026 und wurde am 3. September 2026 mit leichten Änderungen aktualisiert.
Zuversicht, Nähe und ein bisschen Reibung
Klopp kann Menschen das Gefühl geben, dass noch etwas geht, selbst wenn die Lage längst nach nassem Rasen und kaltem Kaffee riecht. 2013 führte er Borussia Dortmund im Champions-League-Viertelfinale gegen Málaga trotz Rückstands in der Nachspielzeit zum Sieg. In der Saison 2014/15 brachte er Dortmund nach Platz 17 zur Winterpause noch in den Europapokal.
Sein Charisma, sagt Briker, speist sich aus Zuversicht, Gemeinschaftsgefühl und einer positiven, aber realistischen Zukunftsvision. Einprägsame Metaphern und einfache Sprache können Motivation, Leistung und Vertrauen stärken. Burger und Puck ergänzen: Klopp vermittle Selbstvertrauen und eine starke persönliche Präsenz, die sich auf die Spieler übertrage. Seine innere Stärke führt er teilweise auf seine Kindheit zurück, in der seine Eltern ihn stark bestärkten. Größerer Teamzusammenhalt, mehr Vertrauen und eine bessere objektive Teamleistung seien mögliche Folgen. Charismatische Führung könne man außerdem erlernen und trainieren.
Klopp arbeitet nicht nur mit großen Bildern, sondern auch mit sichtbarer Leidenschaft. An der Seitenlinie vermittelt sein Einsatz Spielern und Fans, dass außergewöhnliche Leistungen möglich sind. Er fordert von sich und seinen Spielern vollständigen Einsatz und entwickelt daraus eine gemeinsame Teammentalität. Studien zufolge kann leidenschaftliche Führung Motivation und Leistung von Mitarbeitenden steigern. Dauerfeuer hält aber niemand aus. Erholungsphasen gehören dazu, und gute Führung heißt manchmal auch, rechtzeitig die Pause zu erkennen.
In Liverpool beschönigte Klopp bei seinem Amtsantritt 2015 die schwierige Lage des Vereins nicht. Er kündigte an, aus „Zweiflern Gläubige“ zu machen, räumte später aber eigene Ängste und den nötigen Zeitaufwand für den Umbau ein. Spielern erklärte er offen, welche Rollen er für sie vorsah. Liverpool gewann unter ihm acht Titel, darunter 2019 die Champions League und 2020 die englische Meisterschaft. Den Premier-League-Titel holte Liverpool nach 30 Jahren erstmals wieder; fest stand er bereits sieben Spiele vor Saisonende.
Vertrauen entsteht dabei nicht durch Sprüche allein. Klopp steht laut Burger und Puck auch in schwierigen Phasen zu seinen Spielern, versucht ihre Hoffnungen und Ängste zu verstehen und nutzt direkte Gespräche, persönliche Ermutigung und körperliche Nähe. Talente, erfahrene Spieler und Ersatzspieler behandelt er offen und unvoreingenommen. Für Unternehmen heißt das: Mitarbeitende sind keine Maschinen. Temporäre, außergewöhnliche Bedürfnisse müssen berücksichtigt werden. Wertschätzung und Vertrauen können die Bereitschaft zu besonderen Leistungen erhöhen.
Talente sehen, Einsatz verlangen
Als Klopp 2008 nach Dortmund kam, fehlte das Geld für teure Stars. Also setzte er auf übersehene oder junge Spieler. Neven Subotic, Mats Hummels, Nuri Sahin und Kevin Großkreutz entwickelten sich unter ihm zu wichtigen Leistungsträgern. 2011 gewann Dortmund ohne teure Stars die deutsche Meisterschaft. Wer junge oder unterschätzte Beschäftigte gezielt fördert, kann langfristig loyale und leistungsstarke Teams aufbauen.
Das geduldige Entwickeln bedeutet bei Klopp allerdings nicht, alles durchgehen zu lassen. Der ehemalige österreichische Nationaltorhüter Alexander Manninger beschreibt ihn als Trainer, der Spieler kontinuierlich besser macht. Klopp erkennt Talent, gibt Zeit zur Entwicklung und führt auf Augenhöhe, geduldig und fehler-tolerant. In Dortmund entwickelte er unter anderem Mats Hummels und Robert Lewandowski zu internationalen Topspielern. Gleichzeitig verlangt er uneingeschränkten Einsatz und die richtige Einstellung.
Offenheit und Toleranz verbindet er mit klaren, realistisch erreichbaren Erwartungen. Für Unternehmen empfehlen Burger und Puck, Ziele eindeutig zu formulieren, Leistung anhand messbarer Kriterien zu beurteilen und erreichbare Vorgaben für Motivation und Transparenz zu nutzen. Der Fokus auf Einsatz ist besonders sinnvoll, wenn schon bei der Personalauswahl feststeht, dass Mitarbeitende grundsätzlich zu Spitzenleistungen fähig sind.
Auch bei Transfers verlässt sich Klopp nicht nur auf Tabellen, Daten und Scoutberichte. Bei Liverpool setzte er auf einen über längere Zeit stabilen Kern der Mannschaft, damit Reife und Geschlossenheit wachsen konnten. Scouts berieten ihn, zusätzlich führte er persönliche Gespräche mit potenziellen Spielern. Talent und Können zählten – aber ebenso die Frage, ob jemand menschlich und von der Teamchemie her passte. Sein Bauchgefühl durfte mitreden. Für Personalentscheidungen heißt das: Schwer messbare Faktoren und persönliche Chemie sind nicht automatisch unprofessionell.
Strategie behalten, Methoden verändern
Klopp verfolgt eine klare Vorstellung davon, wie erfolgreicher Fußball funktionieren soll. Bewährte Methoden hält er fest, passt sie aber an neue Bedingungen an. Elemente seiner Spielweise aus Mainz und Dortmund entwickelte er in Liverpool weiter. Die stabile Spielidee gibt den Spielern Orientierung und klare Aufgaben. Klopp konzentriert sich auf das nächste Spiel, ohne die langfristige Strategie aus dem Blick zu verlieren.
Das hilft auch in Niederlagen, wenn die Kabine leiser wird und jeder Schritt plötzlich schwer wirkt. Klare Strategien schaffen in Unternehmen eindeutige Erwartungen an Arbeitsprozesse und Leistungen, können Reibungsverluste verringern und die Teameffizienz erhöhen. Strukturen und Prozesse sollten trotzdem regelmäßig überprüft und angepasst werden, wenn besondere Kompetenzen oder außergewöhnliche Situationen es verlangen.
Eine weitere Kloppsche Stärke liegt in der Identifikation. Spieler und Fans sehen in ihm einen nahbaren Menschen, „einer von uns“. Einfache Sprache, Lockerheit und Präsenz halten den Kontakt zu den Spielern. Führungskräfte sollten deshalb regelmäßig vor Ort sein, sich für Beschäftigte interessieren und nicht ausschließlich aus dem Büro oder online führen. Kompetenz allein reicht für Identifikation nicht. Nahbarkeit und Vorbildfunktion zählen ebenso.
Dazu kommt der Humor. Briker zufolge kann angemessener Humor Beziehungen stärken und psychologische Sicherheit schaffen. Klopp arbeitet mit bildhaften Formulierungen, etwa mit seinem Vergleich einer kaputten Waschmaschine und eines defekten Trockners. Das wirkt nur, wenn es authentisch und situationsgerecht ist; einstudieren lässt sich diese Art von Nähe nicht einfach. Weniger humorvolle Führungskräfte können mit Bescheidenheit und Nahbarkeit Ähnliches erreichen. Charisma und Humor ersetzen keine Fachkompetenz – die Mischung muss stimmen.
Der richtige Abschied ist auch Führung
Im Januar 2024 kündigte Klopp seinen Abschied aus Liverpool zum Saisonende an, obwohl sein Vertrag bis 2026 lief. Ihm fehlte die Energie für die bisherige Arbeitsintensität. Er ging nicht während einer Krise, sondern auf dem Höhepunkt seines Erfolgs. Sein Nachfolger Arne Slot wurde in seiner ersten Saison mit Liverpool Meister.
Für Führungskräfte steckt darin eine unbequeme Frage: Wie lange reicht die eigene Kraft noch, und wann wird aus Durchhalten bloßes Ausbrennen? Wer die eigene Leistungsfähigkeit realistisch einschätzt und rechtzeitig übergibt, schützt sich selbst und sein Team. Leidenschaft ist eben kein unendlicher Tank.
Nach dem Abschied erwarteten viele Klopps Wechsel zu einem europäischen Spitzenverein oder zu einem Nationalteam. Stattdessen übernahm er eine globale Rolle im Red-Bull-Netzwerk. Einige Fans waren enttäuscht, zeitweise litt sein Image als Identifikationsfigur. Trotzdem entschied er sich für eine Aufgabe, die zu seinen eigenen Vorstellungen und seiner Lebensphase passte. Führungskräfte müssen nicht automatisch den Karriereweg nehmen, den andere für sie vorgesehen haben.
Ob Klopp nun die deutsche Nationalmannschaft tatsächlich wieder nach oben bringt, wird sich nicht durch Charme allein entscheiden. Seine Geschichte zeigt jedenfalls, wie eng persönliche Nähe, klare Erwartungen, Lernbereitschaft und Erholung zusammenhängen. Burger und Puck warnen deshalb davor, seinen Stil
