WHU plant „Campus One“ im Düsseldorfer Medienhafen als Zukunftsort für Wirtschaft und Wissenschaft
Die private WHU – Otto Beisheim School of Management plant, ihren Standort in Vallendar bis 2034 zu verlassen und ihre Aktivitäten künftig auf einem neuen Campus in Düsseldorf zu bündeln. Heute, am 3.11.2026, ist das Vorhaben allerdings noch kein fertiger Bauplan: Die WHU hat das Grundstück bislang nicht gekauft.
Entstehen soll „Campus One“ auf einer rund 60.000 Quadratmeter großen Industriebrache im Düsseldorfer Medienhafen, genauer auf der Halbinsel Kesselstraße. Die Stiftung WHU und die Stadt Düsseldorf wollen darüber exklusive Verhandlungen aufnehmen. Eine Projektskizze zeigt einen futuristischen Campus aus Glas und Licht. Der Entwurf stammt von Manuel Herz Architekten; das verwendete Bild ist eine KI-generierte Projektskizze.
Ein Campus als offener Treffpunkt
Geplant ist ein offener Ort für Austausch und Forschung, Unternehmertum und gesellschaftliche Zusammenarbeit. Auch das Lernen soll technologisch und architektonisch zeitgemäß gestaltet werden. In den kommenden Jahren sollen dort Führungskräfte ausgebildet und Studierende auf wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Herausforderungen vorbereitet werden. Unternehmerisches Denken soll dabei mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden werden – Orientierung in einer technologiegetriebenen Welt inklusive.
Christoph Glaser, Vorstandsvorsitzender der Stiftung WHU, erklärte, die Hochschule wolle mit dem Projekt einen architektonischen Rahmen für modernes Lernen und einen neuen Raum für ihr Unternehmertums-Ökosystem schaffen. WHU-Rektor Christian Andres verwies auf wachsende Anforderungen durch Künstliche Intelligenz, geopolitische Veränderungen und gesellschaftlichen Wandel. Hochschulen müssten stärker als Knotenpunkte für Studierende, Unternehmen, Forschung und öffentliche Institutionen funktionieren.
Der geplante Campus wird von Stadt, Land, Hochschule und Stiftung gemeinsam verfolgt. Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller bezeichnete ihn als Projekt für Bildung, Innovation und Unternehmertum. Er soll den Wirtschaftsstandort Düsseldorf stärken und die Stadt für internationale Studierende, Talente und Unternehmen attraktiver machen.
Viel Rückenwind aus Nordrhein-Westfalen
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst sieht in der Standortentscheidung eine Bestätigung der internationalen Attraktivität des Landes für Spitzenforschung und Unternehmensgründungen. Nach seinen Angaben gehören künftig fünf Universitäten beziehungsweise Hochschulverbünde in Nordrhein-Westfalen zum Kreis der Exzellenzuniversitäten und -verbünde. Der Campus könne die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Unternehmen stärken sowie Innovation und wirtschaftliches Wachstum fördern.
Wüst erklärte außerdem, Nordrhein-Westfalen wolle internationale Studierende und junge Talente für Studium, Unternehmensgründungen und ihre berufliche Zukunft im Land gewinnen. Wissenschaftsministerin Ina Brandes verwies auf drei Exzellenzuniversitäten, einen Exzellenzverbund und 15 Exzellenzcluster. Dazu komme die Dichte international erfolgreicher Unternehmen sowie von Hochschulen und Forschungseinrichtungen.
Die WHU wurde auf Initiative der Industrie- und Handelskammer Koblenz gegründet. Unternehmergeist und Gründerkultur gehören laut Brandes zu ihrer Tradition. Die Hochschule sieht den Umzug als Teil ihrer langfristigen Entwicklung zu einer international führenden Institution für verantwortungsvolle Führung im digitalen Zeitalter.
Gemeinsam mit ihrer Community entwickelt die WHU ein Zukunftsbild für den neuen Campus. Wissensvermittlung bleibt Grundlage der akademischen Ausbildung, soll aber stärker mit Führungskompetenzen für komplexe und dynamische Umfelder verbunden werden. Die Hochschule strebt eine europaweite Vorreiterrolle bei der Neugestaltung von Hochschulen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz an. Eine Gruppe von Unternehmerpersönlichkeiten und Alumni begleitet das Vorhaben und bringt Erfahrungen, Netzwerke und Perspektiven ein.
Von Vallendar an den Hafen
Die WHU wurde 1984 in Rheinland-Pfalz gegründet, ihr Hauptsitz befindet sich bislang in Vallendar bei Koblenz. Derzeit betreibt sie je einen Campus in Vallendar und Düsseldorf; beide Standorte bleiben bis auf Weiteres bestehen. In Düsseldorf gibt es bereits eine kleinere Zweigstelle. Rund 2.100 Studierende sind derzeit an der Hochschule eingeschrieben, die in internationalen Rankings regelmäßig zu den führenden Business Schools Europas gezählt wird. Die Studiengebühren liegen laut WHU-Angaben bei 9.300 Euro pro Semester.
Der Neubau soll bis 2034 zum 50-jährigen Bestehen der WHU realisiert werden. Die konkreten Übergangsschritte sollen im weiteren Planungsverlauf festgelegt werden. Die nordrhein-westfälische Staatskanzlei teilte das Vorhaben am 7. Oktober 2026 mit. Die WHU bezeichnet das geplante Areal als „Zukunftsquartier für Wissen und Unternehmen“.
Wer heute zum Medienhafen fährt, nimmt die Straßenbahnlinie 707 bis zur Haltestelle „Medienhafen/Kesselstraße“. Dort endet die Strecke am Hafenbecken, danach fährt die Bahn wieder zurück in die Düsseldorfer Innenstadt. Zum Zeitpunkt des Berichts waren die Wagen auf diesem Abschnitt nahezu leer. Das wirkt noch nicht nach dem großen Ansturm, eher nach einer Stadt, die an dieser Stelle erst langsam Platz für etwas Neues macht.
Große Pläne, offene Fragen
Stephan Keller verglich die mögliche langfristige Bedeutung des Campus mit großen Düsseldorfer Stadtentwicklungsprojekten wie dem Rheinufertunnel und der Wehrhahnlinie. Brandes sagte, die WHU habe sich bewusst für eine neue Heimat in Nordrhein-Westfalen entschieden. Der Zeitpunkt für den Spatenstich bleibt dennoch offen – ebenso die Frage, wann und zu welchen Bedingungen das Grundstück tatsächlich erworben wird.
Zur Geschichte der Hochschule gehören neben Unternehmergeist und internationalem Anspruch auch kritische Kapitel. In der Vergangenheit geriet die WHU wegen Berichten über erzwungenen und exzessiven Alkoholkonsum während der Einführungswoche für Erstsemester in die Kritik; daraufhin schloss die Hochschule Studenten aus. Als eigene Werte nannte die WHU 2024 „Excellence, Community, Cosmopoliteness und Entrepreneurship“.
Namensgeber Otto Beisheim (1924–2013) war Unternehmer, Gründer und Mithauptaktionär der Marke Metro. Laut einer Mitteilung der Beisheim-Stiftung von 2006 gehörte Beisheim im Zweiten Weltkrieg als Fernmelde-Gefreiter einer Division der Waffen-SS an. Zwischen dieser belasteten historischen Dimension, der heutigen internationalen Ausrichtung und dem futuristischen Bild aus Glas und Licht liegt einiges an Spannung – und am Medienhafen bislang vor allem: eine Industriebrache, eine leere Straßenbahn und ein ambitionierter Plan.
Quelle 1: Rhein-Zeitung
Quelle 2: WHU
Quelle 3: WDR
