Hansi Webers Sechs-Zimmer-Bibliothek: Eine Lebensgeschichte zwischen Büchern und Fundstücken
Wer Hansi Weber in Schwarzenholz besucht, betritt nicht einfach eine Wohnung mit vielen Büchern. Seine private Bibliothek füllt sechs Zimmer, und seit dem Besuch eines Reporters vor knapp 20 Jahren ist sie weitergewachsen. Bücher stehen neben Plakaten, Zeitungen, Figuren und Münzen; vieles davon hat Weber auf Flohmärkten gefunden. Während der Corona-Pandemie wurde diese Bibliothek für ihn zum wichtigen Rückzugsort.
Weber ist 72 Jahre alt und nennt sich selbst einen „Papiersammler“ – oder vielleicht einen Eklektiker. In seinem Elternhaus, erzählt er, habe es keine Bücher gegeben. In der zweiten Klasse gewann er ein Lexikon und las immer wieder darin. Aus diesem frühen Fund wurde eine lebenslange Sammelleidenschaft, die heute schöne Literatur, Kunstbände, Lexika, Sachbücher, Ratgeber, Kalender und sogar eine Esoterik-Abteilung umfasst.
Sechs Zimmer voller Verbindungen
Die Sammlung ist nicht bloß nach einem strengen Ordnungssystem aufgebaut. In sogenannten „Gedankenschnüren“ verbindet Weber Gegenstände, Bilder und Texte zu assoziativen Bilderrätseln. Man schaut, springt gedanklich weiter, bleibt irgendwo hängen. Gelegentlich schreibt er auch Verse – nach dem Vorbild des von ihm verehrten Dichters Robert Gernhardt.
Zu seinen Sammelgebieten gehören Mundartliteratur und Autoren aus dem Saarland. Johannes Kirschweng liest er weiterhin gerne, außerdem besitzt er das Gesamtwerk des Philosophen Peter Wust. Weber kannte Ludwig Harig, Arnfried Astel, Roland Stigulinszky und Johannes Kühn; von Kühn bezeichnete er sich als Fan. 2016 wirkte er in Alfred Guldens Sprechstück „SilberHerz“ mit.
Sein Leben passt ohnehin schwer in eine einzige Schublade: Weber war Hippie, Marxist, Fallschirmjäger, Grüner, Ringer und Mitglied eines Laurel-und-Hardy-Clubs. Heute interessiert er sich für Steampunk und gehört einem Boule-Verein an. Beruflich arbeitete er als Werkzeugprüfer und als Kranfahrer auf der Dillinger Hütte.
Neben Karl Marx und Friedrich Nietzsche beschäftigt ihn Rudolf Steiner. Er ist Fan von Marilyn Monroe und Pe Werner und besitzt drei Originale des Fälschers Konrad Kujau. Viele Jahre besuchte er Veranstaltungen der Germanistik an der Universität des Saarlandes und fotografierte dort Kolloquien. Ein Sammelschwerpunkt sind Ausweise, Gebührenmarken und Miniaturbücher. Die drei kleinsten Miniaturbücher messen jeweils etwa 0,25 Quadratzentimeter.
Eine Reihe im Regal: die Insel-Bücherei
Zur Bibliothek gehört auch eine umfangreiche Kollektion der Insel-Bücherei. Wie viele Bücher es genau sind, weiß Weber nicht. Ein Lieblingsbuch hat er ebenfalls nicht. Derzeit liest er „Der arrogante Affe“ von Christine Webb; unter zeitgenössischen Autoren schätzt er besonders Juli Zeh. Ein Stapel ungelesener Bücher wartet noch darauf, durchgesehen und in die Bibliothek eingeordnet zu werden.
Die Insel-Bücherei selbst zeigt, wie weit der Begriff „kleines Buch“ reichen kann. Anfang der 1990er-Jahre wurden neben dem Frankfurter Programm mehrere in Leipzig vorbereitete Bände fertiggestellt. Ihre Leipziger Herkunft zeigte sich an der Autoren- beziehungsweise Herausgeberschaft und an der Gestaltung. 1991 erschien Robert Sterls „Zeichnungen“ (IB 1095), zunächst der letzte klassische Bildband der Reihe. Zuvor war noch der schwarz-weiße Bildband „Heidelberger Totentanz von 1485“ (IB 1092), herausgegeben von Manfred Lemmer, erschienen.
Ausnahmen folgten: „Der Naumburger Dom“ (IB 1152, 1995), eine veränderte Neuauflage von IB 505, sowie Gerhard Richters „Abstraktes Bild 825–11“ (IB 1166, 1996), herausgegeben von Hans Ulrich Obrist. Im Frankfurter Verlagshaus war die Bildband-Ausstattung bereits 1988 mit „Oskar Schlemmer, die Fensterbilder“ (IB 1104), herausgegeben von Reinhold Hohl, grundsätzlich beendet worden. Als weiterer Leipziger Planungstitel kam 1991 der Lyrikband „Fäden ins Nichts gespannt“ (IB 1097) mit deutschsprachiger Dichtung aus der Bukowina heraus, ediert von Klaus Werner.
Ab 1992 orientierte sich die Reihe weitgehend an den Schwerpunkten des Frankfurter Verlagsprogramms. Goethe und Rilke blieben zentrale Autoren; ihnen wurden in den folgenden zwei Jahrzehnten fast jährlich ein oder mehrere Bände gewidmet.
Bei Goethe erschien 1994 eine vierbändige illustrierte Auswahl aus dem lyrischen Werk im Schmuckschuber (IB 1144–1147). Kürzere Texte kamen in neuer Ausstattung heraus: „Die Tafeln zur Farbenlehre und deren Erklärung“ (IB 1140), „Skizze zu einer Schilderung Winckelmanns“ (IB 1149) und „Die neue Melusine“ (IB 1198). Dagmar von Gersdorff schrieb über Goethes Beziehungen zu Lili Schönemann in „Goethes erste große Liebe Lili Schönemann“ (IB 1229) und über seine späte Liebe (IB 1265). Wolfgang Frühwald veröffentlichte „Goethes Hochzeit“ (IB 1294), Insel-Verleger Siegfried Unseld steuerte „Goethe und der Ginkgo“ (IB 1188) bei. Dazu kamen „Die Geschichte der Herzogin Anna Amalia Bibliothek“ (IB 1293) und „Das Weimarer Residenzschloß“ (IB 1324).
Auch Rilke ist mit wiederentdeckten Einzelwerken wie „Die weiße Fürstin“ (IB 1182) und „Worpswede“ (IB 1208) vertreten. Gedichtauswahlen hießen „In einem fremden Park“ (IB 1129) und „Wie soll ich meine Seele halten“ (IB 1150), Briefauswahlen „Über Gott“ (IB 1160) und „Weihnachtsbriefe an die Mutter“ (IB 1153). Ute Voß untersuchte Rilkes Verhältnis zum Maler Balthus in „Der Katzenkönig der Kinder“ (IB 1305). Die legendäre Nummer 1 erhielt zwischen 1991 und 2006 sechs weitere Auflagen.
Von deutscher Lyrik bis Picasso
Deutsche Lyrik blieb ein wichtiger Teil der Reihe. Aus der alten Bundesrepublik kamen Karl Krolows „Die Handvoll Sand“ (IB 1223), Peter Rühmkorfs „Aufwachen und Wiederfinden“ (IB 1288) und Hans Magnus Enzensbergers „Natürliche Gedichte“ (IB 1257). Aus dem früheren DDR-Gebiet erschienen Thomas Rosenlöchers „Am Wegrand steht Apollo“ (IB 1224), Uwe Tellkamps „Reise zur blauen Stadt“ (IB 1323) und Uwe Kolbes „Diese Frau“ (IB 1297); Kolbe war 1988 aus der DDR ausgereist.
Bei den deutschen Erzählern der Gegenwart finden sich Martin Walsers „Umgang mit Hölderlin“ (IB 1176) und „Der edle Hecker“ (IB 1197), Hermann Lenz’ „Hotel Memoria“ (IB 111) sowie Robert Gernhardts „Achterbahn“ (IB 1116). Internationale Dichtung reichte von Tao Yüan-mings „Pfirsichblütenquell“ (IB 1091) und „Bambusregen. Haiku und Holzschnitte“ (IB 1124) über Ted Hughes’ „Prometheus auf seinem Felsen“ (IB 1230) und Michelangelo Buonarrotis „Zweiundvierzig Sonette“ (IB 1235) bis zu Adam Mickiewicz’ „Dich anschaun“ (IB 1192) und Puschkins „Der eherne Reiter“ (IB 1195).
Robert Walser war ebenfalls mehrfach vertreten. „Fritz Kocher’s Aufsätze“ erschien bereits 1983 im Leipziger Verlagshaus nach der Erstauflage von 1904 (IB 1057). Die Erzählungen wurden mit einem neuen Nachwort erneut veröffentlicht (IB 1118), dazu kamen „Der Spaziergang“ (IB 1106) und „Märchenspiele“ (IB 1191). Für „Der Spaziergang“ hatte der Verlag 1989 einen Illustrationswettbewerb ausgeschrieben.
Musikbezogene Brief- und Dokumentbände nahmen frühere Ausgaben zu Beethoven (IB 241, 346/2) und Schubert (IB 168/2) mit IB 1134 beziehungsweise IB 1167 wieder auf. Ergänzt wurde das Programm durch Bände zu Johannes Brahms (IB 117
