Cannabis am Steuer: Mehr Selbstvertrauen bedeutet nicht mehr Sicherheit
Am 24.10.2026 wird an der TU Dresden deutlich, wie schwer sich Cannabis und Autofahren voneinander trennen lassen. Eine kleine Untersuchung von Dekra, TU Dresden und dem Institut für Arbeit und Gesundheit hat sich genau damit beschäftigt: Wie verändert sich das Fahrverhalten nach dem Konsum – und wie sicher fühlen sich die Betroffenen dabei eigentlich?
41 Personen, überwiegend jüngere Gelegenheitskonsumenten, fuhren jeweils 20 Minuten in einem Fahrsimulator. Einmal nüchtern, einmal 30 Minuten nach ihrer üblichen Cannabis-Dosis und ein weiteres Mal zwei Stunden danach. Das Ergebnis wirkt zunächst widersprüchlich: Kurz nach dem Konsum hielten sich nur 17 Prozent für fahrsicher. Zwei Stunden später waren es wieder 49 Prozent.
Mehr Selbstvertrauen, aber keine sichere Spur
Das tatsächliche Fahrverhalten wurde nicht automatisch vorsichtiger. Auf einem schmalen Landstraßenabschnitt mit einem Tempolimit von 80 km/h stieg die durchschnittliche Geschwindigkeit nach dem Konsum sogar an. Jeder zehnte Teilnehmer überschritt die erlaubte Geschwindigkeit teilweise deutlich.
Auch die Spurhaltung machte Probleme. 39 Prozent wichen 30 Minuten nach dem Konsum deutlich von der Ideallinie ab. Zwei Stunden später waren es noch 32 Prozent. Bei einzelnen Teilnehmern verbesserte sich die Spurhaltung zwar, doch die Ergebnisse lassen sich wegen der kleinen Gruppe und des verwendeten Simulators nicht ohne Weiteres auf den gesamten Straßenverkehr übertragen. Die Forscher kommen trotzdem zu einem nüchternen Schluss: Wer eine Beeinträchtigung wahrnimmt, fährt deshalb nicht automatisch defensiver.
Parallel dazu untersucht Maren Peschke gemeinsam mit Psychologen, Fahrlehrern sowie BGHW-Expertinnen und -Experten täglich sechs bis acht von insgesamt 64 Probandinnen und Probanden. Einer von ihnen ist Max, ein Student aus Köln. Er sagt, dass er zwei- bis dreimal monatlich Cannabis konsumiert.
Die Studie fragt danach, wie lange THC die Leistungsfähigkeit und die Fehlerhäufigkeit beeinflusst. Vor dem Konsum werden die Probandinnen und Probanden medizinisch und psychologisch untersucht, Blut wird abgenommen, außerdem testen die Forschenden ihre Reaktionsfähigkeit. Dazu gehört unter anderem, 15-mal rhythmisch mit Fersen und Fußspitzen aufzutippen. Danach müssen Zahlen und Buchstaben schnell und präzise per Mausklick zugeordnet werden. Computerbasierte Tests vergleichen Reaktion, Aufmerksamkeit und Konzentration vor und nach dem Konsum.
Fahrübungen am Sachsenring
Anschließend rauchen Max und fünf weitere Probanden einen Joint und absolvieren Fahrübungen mit einem Pkw. Schauplatz der Testfahrten ist der Sachsenring. Die Teilnehmenden wählen weitgehend selbst, welches Cannabis und welche Menge sie konsumieren: entweder einen für sie üblichen oder einen starken Joint.
Eine feste Dosis wird bewusst nicht vorgegeben. Laut Matthias Graw, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der LMU, ist die individuelle Wirkung wichtiger. Erfahrungen aus einer ersten Versuchsrunde mit Gabelstaplerfahrern hätten außerdem gezeigt, dass Auffälligkeiten unabhängig von der Wirkstoffkonzentration auftraten. Die Versuche am Sachsenring wurden zeitlich konzentriert, damit Beeinträchtigungen in der akuten Wirkphase dokumentiert werden konnten.
Der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol, kurz THC, wirkt psychoaktiv. Häufig sind Euphorie und Entspannung, möglich sind aber auch Angstgefühle oder Halluzinationen. Dazu kommen Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme, Müdigkeit sowie eine deutlich verlängerte Reaktionszeit. Im Straßenverkehr kann das bedeuten, dass Menschen nicht rechtzeitig bremsen, ausweichen oder auf eine unerwartete Situation reagieren.
Warum die Wirkung schwer einzuschätzen ist
Wie stark Cannabis wirkt, hängt unter anderem von der THC-Menge und der Konsumform ab. Bei Cannabis in Lebensmitteln, etwa in Keksen, setzt die Wirkung später ein als beim Rauchen. Gerade dadurch kann leichter eine hohe Dosierung zustande kommen. THC ist fettlöslich, lagert sich im Fettgewebe an und wird nur langsam abgebaut. Bei regelmäßigem Konsum kann es sich im Körper anreichern und länger nachweisbar bleiben.
Studien zeigen neben verlangsamten Reaktionen häufig auch langsameres Fahren und Probleme beim Spurhalten unter Cannabiseinfluss. Das passt nicht immer zu dem, was sich die Person am Steuer selbst zutraut. Ein mulmiges Gefühl kann verschwinden, während die Aufmerksamkeit noch längst nicht wieder dort ist, wo sie hingehört.
Die Deutsche Verkehrswacht formuliert es deshalb kurz und ohne Schleife: „Wer kifft, fährt nicht!“ Cannabis ist nach Alkohol und Nikotin weltweit eine der am häufigsten konsumierten Drogen. Für die Verkehrssicherheit zählt aber nicht, wie alltäglich der Konsum geworden ist, sondern ob Reaktionszeit, Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigt sind.
Grenzwerte, Verbote und eine lange Wartezeit
Der neue Grenzwert liegt bei 3,5 Nanogramm THC pro Milliliter Blutserum. Die frühere Nachweisgrenze von 1 Nanogramm gilt nicht mehr. Ab 3,5 Nanogramm THC oder mehr drohen hohe Strafen; das Fahren unter diesem Einfluss gilt als Ordnungswidrigkeit. Ist jemand fahrunsicher oder kommt es zu einem Unfall, liegt eine Straftat vor, die härter bestraft wird.
Verboten ist außerdem der Mischkonsum von Alkohol und Cannabis im Straßenverkehr. Für Fahranfänger in der Probezeit und für Personen unter 21 Jahren gilt ein vollständiges Cannabisverbot. Verstöße können unter anderem eine Verlängerung der Probezeit und weitere Strafen nach sich ziehen.
Wann der THC-Wert wieder niedrig genug ist, lässt sich nicht zuverlässig ausrechnen. Der Abbau verläuft von Person zu Person unterschiedlich und nicht linear wie beim Alkohol. Dazu kommt, dass der tatsächliche THC-Gehalt des konsumierten Cannabis oft unbekannt ist. Einschränkungen können unmittelbar nach dem Konsum bis zu mehreren Stunden anhalten. Auto und E-Scooter sollten deshalb mindestens einen Tag stehen gelassen werden.
Die Deutsche Verkehrswacht unterstützt die Initiative „#mehrachtung – Don’t drive high!“ zur Sensibilisierung für eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr. Am Sachsenring wird derweil weiter getestet, mit Computermausklicks, Blutproben und Fahrübungen – und mit der unangenehmen Erkenntnis, dass sich ein sichereres Gefühl und ein sichereres Fahrverhalten nicht immer gleichzeitig einstellen.
Quelle: Tuningblog
Weitere Informationen: BGHW
Einordnung: Deutsche Verkehrswacht
