André Brodocz wird neuer Präsident der Universität Erfurt – vor ihm liegen harte Spardebatten
Die Universität Erfurt hat am 2. November 2026 Prof. Dr. André Brodocz mit großer Mehrheit zu ihrem neuen Präsidenten gewählt. Die Hochschulversammlung bestimmte den Politikwissenschaftler zum künftigen Leiter der Hochschule. Für die Universität ist das auch deshalb bemerkenswert, weil Brodocz der erste Präsident aus den eigenen Reihen ist – und der erste, der zuvor bereits als Professor an der Hochschule tätig war.
Bis zu seinem Amtsantritt führt Prof. Dr. Walter Bauer-Wabnegg die Universität kommissarisch beziehungsweise vorläufig weiter. Wann Brodocz genau übernimmt, wurde nicht mitgeteilt. Mit seiner Wahl ist die Nachfolge zwar geklärt; welche finanziellen und personellen Folgen auf die Universität zukommen, bleibt dagegen offen.
Ein Weg vom Professorenbüro ins Präsidentenamt
Brodocz ist seit 2009 an der Universität Erfurt tätig. Damals wurde er auf die Professur für Politische Theorie berufen. Seither war er mehrfach Dekan der Staatswissenschaftlichen Fakultät und arbeitete in zentralen Hochschulgremien mit. Seit Februar 2024 ist er Vizepräsident für Forschung und akademische Karriere – dieses Amt hatte er zuletzt inne.
Sein akademischer Weg begann mit einem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Neueren deutschen Literatur in Marburg. Anschließend arbeitete er zwölf Jahre an der Technischen Universität Dresden bei Hans Vorländer, promovierte dort mit „summa cum laude“ und habilitierte sich 2007. Nach Angaben der Universität verfügt Brodocz über nahezu drei Jahrzehnte wissenschaftlicher Tätigkeit an ostdeutschen Universitäten; seinen Lebensmittelpunkt hatte er demnach durchgehend in Ostdeutschland.
Inhaltlich forscht er unter anderem zu politischer Ordnung, demokratischer Repräsentation und gesellschaftlichen Konflikten. Derzeit leitet er ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt zu Recht und Politik bei Verfassungsveränderungen in Bolivien und Ecuador. Ein weiteres, von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördertes Vorhaben untersucht ökologische Konflikte und politische Repräsentationsansprüche.
Ganz aus dem Nichts kam seine Wahl nicht. Bereits im Herbst 2025 hatte eine Findungskommission Brodocz als einen von drei geeigneten Kandidaten vorgeschlagen. Nachdem das Präsidentenamt im ersten Wahlgang nicht besetzt werden konnte, trat er erneut an. Die Wahl wurde erforderlich, weil Verhandlungen mit der ursprünglich vorgesehenen Kandidatin Anke Holler gescheitert waren.
Zwischen Sparvorgaben und befristeten Verträgen
Auf Brodocz wartet allerdings kein ruhiger Start. Er kündigte schwierige Jahre für die Universität an. Grund sind die Sparvorgaben des Landes Thüringen und die neue Rahmenvereinbarung zur Hochschulfinanzierung, die nach seiner Einschätzung massive Personaleinsparungen vorsieht.
Besonders gefährdet seien wissenschaftliche Mitarbeiter mit häufig befristeten Verträgen – also gerade jene Stellen, die im wissenschaftlichen Mittelbau ohnehin oft nur für einige Jahre angelegt sind. Ein überproportionaler Stellenabbau könne Forschungsprojekte beeinträchtigen, die Betreuung von Studierenden erschweren und die Entwicklung künftiger Wissenschaftlergenerationen bremsen.
Brodocz zufolge muss die Universität deshalb den wissenschaftlichen Nachwuchs schützen und ihre langfristige Leistungsfähigkeit sichern. Die finanziellen Herausforderungen ließen sich nur bewältigen, wenn die Universität, ihre Beschäftigten und die Landespolitik zusammenarbeiteten. Wie viele Stellen tatsächlich wegfallen könnten oder welche Einrichtungen betroffen wären, teilte die Universität nicht mit. Auch die Höhe der geplanten Einsparungen wurde nicht genannt.
Erfahrung für anstehende Verhandlungen
Die Vorsitzende des Universitätsrats, Prof. Dr. Andrea Dorothea Bührmann, bezeichnete Brodocz als erfahrenen Hochschulmanager mit guten Kontakten in Politik und Wissenschaft. Sie hob seine Erfahrungen als Senator, Universitätsratsmitglied, Dekan und Vizepräsident hervor. Außerdem sei er ein Kenner der politischen Landschaft Thüringens – ein Vorteil, wenn die anstehenden Verhandlungen über die Hochschulfinanzierung beginnen.
Für Brodocz dürfte es damit schnell ernst werden. Kaum ist die Wahl entschieden, liegt der Blick schon auf Stellen, Projekten und der Frage, wie viel wissenschaftlicher Betrieb sich unter den neuen finanziellen Bedingungen noch auffangen lässt. Ein konkreter Übergabetermin steht bislang nicht fest; bis dahin bleibt Walter Bauer-Wabnegg an der Spitze der Universität.
